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DNR EU-Rundschreiben Ausgabe 08.03 Agrarpolitik Britische Genfood-Pläne gestoppt - Gentechnik-Debatte schlägt um, Risiko-Forschung wird weiter zensiert -
Großbritanniens Premierminister Tony Blair muss nach einer Meldung des Independent vom 24. August seine politischen Programme zur beschleunigten Einführung von Gentechnik-Produkten in die britische Landwirtschaft vorerst stoppen.
Negative Reaktion der britischen Öffentlichkeit befürchtet
Hochrangige Beamte verwiesen darauf, dass die britische Regierung sich angesichts der laufenden Untersuchungen von Lordrichter Hutton zu ihrer Irak-Informationspolitik keine weitere negative Publicity leisten wolle. Ein Großteil der britischen Bevölkerung sei vehement gegen die Einführung von Genpflanzen. Nach dem Selbstmord des Biowaffenexperten David Kelly sei das öffentliche Vertrauen in die Regierung drastisch gesunken; ein weiteres Absinken wolle man nicht riskieren.
Zudem wurden jüngst enge Verflechtungen zwischen amerikanischen Biotech-Unternehmen, vor allem Monsanto, und Mitgliedern der Labour-Party bekannt. Hochrangige Labour-Politiker sind sogar an Biotechfirmen finanziell maßgeblich beteiligt.
Entscheidung der Regierung verschoben auf Ende des Jahres
Die formale Entscheidung der Regierung über die Einführung der Biotechnologie in die britische Landwirtschaft war für September vorgesehen, wird jetzt aber wahrscheinlich frühestens Ende des Jahres in Angriff genommen. Durch die Offenlegungen der teilweise dubiosen Arbeitsweise der Blair-Administration sieht sich der Premier offensichtlich gezwungen seine Politik zu ändern. Die vom Independent zitierten Quellen stellen eine neue Richtung in Aussicht. Ziel sei es jetzt, zumindest eine limitierte und stark regulierte Einfuhr von einigen gentechnisch veränderten Organismen (GVO) zu ermöglichen - statt des vorher vorgesehenen Blankoscheins. Aber in der Regierung gibt es anscheinend inzwischen auch Bedenken, ob selbst dies noch möglich ist.
Internet-Umfrage beeindruckte Regierung
Minister und Beamte waren angeblich von der Reaktion auf eine Internet-Umfrage zu GVO-Anbausorten im Internet schockiert. Über 36.000 Menschen hatten sich dafür registrieren lassen, und in Folge der Aktion fanden über 600 öffentliche Sitzungen statt. Das genaue Ergebnis der Umfrage wurde noch nicht veröffentlicht, aber laut Independent ist mit einer stark ablehnenden Haltung der britischen Öffentlichkeit zu rechnen. Das britische wissenschaftliche Pro-GVO-Establishment habe dabei versagt, die britische Öffentlichkeit von den Vorteilen von GVO zu überzeugen.
Regierungsstudien bringen keine positiven Ergebnisse für Genpflanzen
Im Gegenteil - zwei neue Studien, von der Regierung mit dem Ziel in Auftrag gegeben, für die Pläne Blairs grünes Licht zu geben - streuten Sand ins Getriebe:
Die erste Studie des Kabinettsbüros von Tony Blair kam zu dem Schluss, dass der Anbau von GVO-Sorten keinen direkten Vorteil für den Konsumenten oder für die Wirtschaft bringen würde. Damit sprechen sie der wiederholten Behauptung Blairs Hohn, GVOs seien unverzichtbar für die britische Wirtschaft.
Die zweite Studie eines Expertengremiums unter der Leitung von Dr. David King, einem der Regierung nahestehenden Wissenschaftler, kommt zu dem Ergebnis, dass es unmöglich ist, nach der Einführung von GVO-Sorten einen GVO-freien Landbau aufrecht zu erhalten. Hierdurch wurden die Befürchtugnen der Regeirung verstärkt, mit der Einführung von GVO massive Widerstände in der Bevölkerung auszulösen, die sich mehr und mehr für gesunde, Chemikalien-freie Lebensmittel interessiert.
Oxfam: GVO sind nicht der Schlüssel für die Welternährung
Währenddessen wird auch die Argumentation der britischen Regierung widerlegt, Genpflanzen würden helfen den Hunger in der "Dritten Welt" zu bekämpfen. Oxfam, Action Aid, Christian Aid und andere wohltätige Organisationen haben dies grundsätzlich verneint. }
Royal Society unter Verdacht GVO-Kritik zu unterdrücken
Auch der britische Wissenschaftsbetrieb offenbart in der momentanen Krise erschreckende Einsichten. Das britische System werde nicht mehr von der Suche nach Wissen dominiert, sondern von den Interessen der Wirtschaft, berichtete der Guardian am 19. August. Anhand mehrerer Beispiele zeigt er auf, wie Wissenschaftler in Großbritannien verfolgt oder behindert wurden, die kritisch zu GVO forschen - bis hin zu Kündigungen und der Androhung körperlicher Gewalt.
Vermutet wird, dass angesehene Köpfe des britischen wissenschaftlichen Establishments in GVO eine Goldgrube für die Wissenschaft sehen. GVO-kritische Stimmen könnten das Aufblühen dieses Wissenschaftszweiges verhindern. Das Risiko, dass diese Stimmen recht haben, scheinen die Befürworter in Kauf zu nehmen.
"Peer Review"-System: Zensur unbequemer Forschungsergebnisse?
In einer jetzt in Auftrag gegebenen Studie soll untersucht werden, inwiefern unorthodoxe, kritische Arbeiten von der Royal Academy, dem offiziellen wissenschaftlichen Rat Großbritanniens, durch das System des so genannten Peer Review blockiert werden. Im Rahmen des Peer Review werden Arbeiten von anderen Wissenschaftlern begutachtet. Durch eine schlechte Bewertung können Arbeiten sozusagen "vom Markt geholt" werden, eine breite Veröffentlichung ist dann nicht mehr möglich. In der letzten Zeit soll es mehrere Fälle gegeben haben, in denen Wissenschaftler auf diesem und auf anderen Wegen durch den Wissenschaftsapparat mundtot gemacht wurden. }
Angst vor Karriereknick führt zu freiwilliger Selbstkontrolle
Ein Beispiel: Professor Dr. Andrew Stirling von der Sussex University ist ein Spezialist für Riskoüberprüfungen. Eine seiner Arbeiten mit Gentechnik-skeptischen Aussagen wurde von einem Pro-GVO-Kollegen im Rahmen des Peer-Review-Systems verrissen. Auf diese Weise ist laut Independent versucht worden, die wissenschaftliche Karriere Stirlings zu sabotieren. Es sei zu befürchten, dass sich junge Wissenschaftler von diesen Beispielen abschrecken lassen, weil sie um ihre Karriere fürchten.
Dementsprechend sieht auch das Bild aus: Nur zehn Studien befassten sich momentan in Großbritannien mit den Gesundheitsrisiken von Genpflanzen, davon sind sechs in Zusammenarbeit mit Biotechfirmen erstellt wurden - und zeigten keine negativen Effekte.
Tony Blair abhängig von Gentechnik-Industrie?
Nach einem Bericht der Zeitung Daily Mail vom 7. Juli gab es bei der Entlassung des führenden britischen Genforschers Dr. Arpad Pusztai 1998 und der Zensierung aller seiner Forschungsergebnisse Verflechtungen zwischen der US- und der Britischen Regierung sowie der Gentech-Industrie, speziell dem US-Konzern Monsanto.
Verflechtungen zwischen Weißem Haus, Monsanto und Labour Party
Pusztai führte Studien über die Wirkungen von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) durch, von denen eine belegte, dass in Ratten, die mit genveränderten Kartoffeln gefüttert wurden, lebenswichtige Organe nicht voll ausgebildet waren. Nach einem Interview mit dem britischen Sender ITV, in dem er die Ergebnisse seiner Studie präsentierte, wurde Pusztai von seiner Arbeitsstelle, dem Rowett Institute in Aberdeen, für die Sendung und für seine Worte gelobt. Dann fand binnen 48 Stunden ein unglaublicher Wandel der Haltung der Institutsleitung statt: Nicht nur wurde ihm fristlos gekündigt, alle seine Forschungsergebnisse wurden beschlagnahmt und ihm wurde verboten, über seine Erkenntnisse öffentlich zu reden.
In dem Beitrag der Daily Mail werden diese Aktionen vor fünf Jahren nun in Verbindung mit Anweisungen der britischen Regierung gebracht. Darüber hinaus werden Verflechtungen zwischen Industrie, Regierungen und Geldgebern sowie Forschungsinstitutionen aufgezeigt. So deckt der Artikel unter anderem auf, dass Monsanto und die britische Labour Party von der selben PR-Agentur vertreten werden und dass führende Parteimitglieder massiv in die Gentech-Industrie investiert haben.
Daniel Unsöld, DNR Berlin
GMWatch UK, Jonathan Matthews
Tel. 0044 1603 624021
ngin@gmwatch.org
www.gmwatch.org/archive2.asp?arcid=1041
http://news.independent.co.uk/uk/environment/story.jsp?story=436640
www.guardian.co.uk/gmdebate/Story/0,2763,1021573,00.html
Literatur: Andy Rowell, Don't Worry It Is Safe to Eat, Earthscan
Gen-ethisches Netzwerk e.V., Brunnenstr. 4, 10119 Berlin
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