Eine andere Entwicklung
In der außergewöhnlichen Studie „Beyond Developmentality“ untersucht der Ökologe Debal Deb, worauf es beim Abschied vom industriellen Wachstum ankommt.
Rezension von Dino Kosjak
Die Industriegesellschaft ist uns längst nicht mehr selbstverständlich. Zu deutlich ist die ökologische und soziale Not. Kritik an unserer Lebensweise hat es dennoch schwer: Der Fortschritt habe nun mal seinen Preis, heißt es. Und nur er befähige uns, die Not zu überwinden.
Dieses Vertrauen in den Fortschritt ist für Debal Deb Ausdruck der „developmentality“. Der indische Ökologe kennzeichnet dieses Entwicklungsdenken als Einstellung, „die Überfluss mit Entwicklung gleichsetzt, Entwicklung in Begriffen des BNE-Wachstums misst und Entwicklung als Bestimmung der Kultur begreift“ (Übersetzungen: D. K.). Wer diese Maßstäbe infrage stelle, werde leicht verdächtigt, den Völkern ein besseres Leben vorenthalten zu wollen und insbesondere technische Errungenschaften zu verwerfen.
Diesem Missverständnis möchte Deb zuvorkommen. Sein Hauptargument lautet, das industrielle Wachstum sei geeignet, das vorzeitige Ende der Menschheit einzuleiten – durch Zerstörung der grundlegenden Ökosysteme des Planeten. Die Auseinandersetzung mit vorindustriellen Gesellschaften könne uns dagegen zu einer Kultur anregen, die den Wohlstand weltweit mehre, auf industrielles Wachstum aber verzichte. Dies erfordere einen Wandel auch in Wissenschaft und Technik, nicht jedoch deren Aufgabe.
Der Autor wurde 1961 im damaligen Kalkutta geboren. Er promovierte in Ökologie und arbeitet seit 15 Jahren freiberuflich. 1997 gründete er in Westbengalen eine unabhängige Tauschbank für altes Reissaatgut, mit Unterstützung der Ökologin Vandana Shiva. Die Eröffnung einer Farm folgte fünf Jahre später. Dort werden seitdem 700 bedrohte Reissorten bewahrt. Noch vor Eröffnung der Farm begann die Arbeit am vorliegenden Buch während eines Aufenthaltes an der Universität von Kalifornien in Berkeley.
Die neun Kapitel des Buches zerlegen Entstehung und Wirkung des herrschenden Entwicklungsideals und entwerfen Alternativen. Der Autor prüft vor allem Beiträge aus Ökologie, Umweltgeschichte, Ethnologie und Ökologischer Ökonomie. Von seinen eigenen Forschungen profitieren die Passagen zur Forst- und Landwirtschaft und zum ökologischen Wissen indigener Gemeinschaften. Die Abschnitte zur Landwirtschaft sind zu empfehlen als bestechende Kritik der Grünen Revolution – von ihren Anfängen bis zur gentechnisch geprägten Gegenwart. Aufschlussreich sind Referate zum Eurozentrismus, zur technisch-militärischen Expansion des Westens und zu den Unzulänglichkeiten des ökonomischen Modells vom rationalen Nutzenmaximierer. Dem mathematisch interessierten Publikum kommen dreizehn "technische Diskussionen" entgegen, getrennt vom Haupttext.
Deb untersucht zahlreiche Einrichtungen, mittels derer indigene Gemeinschaften die nachhaltige Nutzung ihrer Umwelt überliefern konnten, zum Beispiel Schonzeiten, Jagdtabus und heilige Haine. Charakteristisch sei, so der Autor, dass dieses „traditionelle ökologische Wissen“ auf gemeinschaftlichen Entscheidungen beruhe. Einer übermäßigen Bereicherung Einzelner auf Kosten von Umwelt und Gemeinschaft werde so vorgebeugt. Eindrucksvoll schildert Deb, wie die Industrialisierung diese Einrichtungen verdrängt – zugunsten einer profitorientierten Nutzung natürlicher Ressourcen.
Es wundert kaum, dass ein Rezensent bemängelte, diese Ausführungen verklärten vorindustrielle Gesellschaften. Sie verschwiegen deren Schattenseiten, die erst mit der Moderne infrage gestellt wurden – vor allem die Unterdrückung der Frauen. Dagegen spricht zunächst, dass Deb ausdrücklich den „romantischen“ Mythos vom „edlen Wilden“ zurückweist, der mit sich und der Natur in Harmonie lebe. Stattdessen betont er, auch das traditionelle ökologische Wissen gründe in fortdauerndem Lernen und schließe Scheitern ein.
Tatsächlich empfiehlt Deb nicht, vorindustrielle Lebensweisen schlicht zu kopieren. Er prüft Institutionen, mit deren Hilfe eine „lebendige Demokratie“ traditionelle ökologische Einsichten umsetzen kann: Umweltbildung, ökologische Ethik, bürgerliche Verantwortung, Generationengerechtigkeit und die gemeinschaftliche Verwaltung der Ressourcen – ohne staatliche und private Einmischung.
Industrielle Modelle eines „nachhaltigen Wachstums“ weist Deb zurück. Im Mittelpunkt stehen stattdessen Überlegungen, den Verbrauch erneuerbarer Ressourcen an deren Wachstum zu koppeln, während nicht erneuerbare Ressourcen unangetastet bleiben müssen. Die Tragweite dieser Überlegungen erschließt sich, wenn bedacht wird, was zu den nicht erneuerbaren Ressourcen zählt: Atmosphäre, Ozeane, Landschaften, Biodiversität, Urwälder. Am Beispiel traditioneller Landwirtschaft zeigt Deb, wie eine solche „Nullwachstumswirtschaft“ möglich ist – bei Gewährleistung der Nahrungssicherheit. Er stellt weitere Schritte vor, um den Wandel einzuleiten, beispielsweise die Förderung „kleiner Wissenschaft“, die lokal arbeitet und mit geringen finanziellen und materiellen Mitteln auskommt.
Schließlich erläutert Deb seine bleibende Zuversicht: Keineswegs hege er den Traum, dass in wenigen Jahrzehnten eine „stabile Bevölkerung altruistischer Engel und Visionäre“ den Planeten prägen werde. Optimismus müsse dagegen gründen im klaren Verständnis „der Beweglichkeit menschlicher Motive und der unbegrenzten Reichweite menschlicher Kreativität“.
Schweigend überlässt es Deb dem Publikum, das titelgebende Kunstwort developmentality aufzufassen entweder als klangvolle Erweiterung von „development“ oder als Vereinigung von development und „mentality“. Dabei orientiert er sich offenbar an der Geschichte des Begriffs der „gouvernementalité“; auf diese Prägung des französischen Philosophen Michel Foucault geht er kurz ein.
Beeindruckend sind nicht in erster Linie die Befunde und Vorschläge, die uns teils geläufig sind. Wahrhaft originell ist, wie konsequent und detailliert Deb den „Mythen und Fehlentwürfen“ unseres Entwicklungsdenkens folgt. Dabei bleiben Fragen offen: Wohl zeichnet Deb vielversprechende Alternativen, und seine Beschreibung der Kräfteverhältnisse in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ist ausgewogen. Sie eignet sich als Grundlage, um unseren Übergang in eine ökologische Gesellschaft näher zu besprechen. Doch diese Fragen stehen im Hintergrund. Dazu passt, dass Deb seinen eigenen Entwurf lediglich zwanglos „ökosozialistisch“ nennt. Das betont die Rolle der gemeinschaftlichen Ressourcenverwaltung; eine politische Zuordnung ist es nicht.
Deb hält fest, es gehe ihm „gewiss nicht“ darum, den „künftigen Kurs globaler Entwicklung“ umfassend vorzuzeichnen. Vielmehr wolle er eine begriffliche Grundlage für einen Wandel in der Developmentality schaffen. Diese Offenheit können wir auch als Einlösung seines demokratischen Anspruchs verstehen. Denn wir haben gelernt, Prognosen zu misstrauen, die alle kulturelle Praxis unerbittlich ihren Imperativen unterzuordnen suchen. Der Philosoph Konrad Ott fordert für die Umweltethik, sie „sollte in analytischer, nicht in missionarischer Einstellung betrieben werden“. Wer diesen Anspruch teilt, findet in Debal Deb einen beeindruckenden, einen wichtigen Gesprächspartner. Er verfolgt sein Thema radikal und sachlich. Und mit tiefer Anteilnahme.
Deb, D.: Beyond Developmentality. Constructing Inclusive Freedom and Sustainability. Earthscan, London 2009, 605 S., 30,99 €, ISBN 978-1-84407-711-3. Überarbeitete Auflage in Vorbereitung.