Naturschutz & Biodiversität

EU-Forststrategie für Mensch und Natur - nicht für die Industrie

c. Maria Bossmann

Über 70 Organisationen aus 20 EU-Mitgliedstaaten haben ein Positionspapier der Waldschutzorganisation FERN für eine starke EU-Forststrategie unterstützt. Diese müsse eine Wende hin zum Naturschutz und zu Maßnahmen gegen die Klimakrise beinhalten und sich nicht – wie die Forstindustrie und ihre Lobbyorganisationen fordern – auf kurzfristige finanzielle Interessen konzentrieren.

Bereits letzte Woche hatte der durchgesickerte Entwurf der EU-Kommission zu Wäldern ("New EU Forest Strategy post-2020") gemischte Reaktionen ausgelöst, die offizielle Veröffentlichung ist für den 20. Juli geplant (EU-News 24.06.2021).

Ein "Weiter so" könnte den EU-Waldbestand bis 2050 halbieren

Die europäischen Wälder sind in einem desolaten Zustand, heißt es in dem Positionspapier, das neben großen europäischen Organisationen unter anderem auch der Deutsche Naturschutzring, die Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz (ARA), die Deutsche Umwelthilfe, das Forum Umwelt & Entwicklung sowie Robin Wood unterzeichnet haben. Zunehmende Holzernte und Kahlschläge führten dazu, dass Europas Wälder 15 Prozent weniger Kohlendioxid aufnehmen als noch vor 20 Jahren. "Und es wird immer schlimmer. Gesunde, artenreiche Wälder werden durch Monokulturen ersetzt: Eine Fläche größer als Griechenland (14,5 Millionen Hektar) ist heute mit Baumplantagen bedeckt. Wenn die derzeitigen Bewirtschaftungspraktiken fortgesetzt werden, wird sich der Waldbestand der EU bis 2050 halbieren", fürchten die Nichtregierungsorganisationen.

Aber nicht nur die Natur leide. Die extraktive Forstwirtschaft schade auch kleinen Unternehmen und Gemeinden. Sie untergrabe eine diversifizierte und nachhaltige ländliche Entwicklung und bedrohe die Lebensgrundlagen der indigenen Samen. Die neue EU-Waldstrategie könnte diese Zerstörung eindämmen und sogar umkehren, "aber die Lobby der Forstindustrie scheint darauf bedacht zu sein, dass dies nicht geschieht", so die Organisationen. Immer wieder habe sich die EU verpflichtet, eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz einzunehmen, und doch zerstöre die industrialisierte Waldbewirtschaftung die biologische Vielfalt und verringert unsere Fähigkeit, die EU- und globalen Klimaziele zu erreichen. Die Kommission müsse daher eine Forstpolitik gestalten, die für die Natur, das Klima und die Gemeinden funktioniert. Bei der Entscheidungsfindung müssten zudem die EU-Bürger*innen besser einbezogen werden.

Konkrete Forderungen für die EU-Forststrategie

Um sicherzustellen, dass die Forststrategie dazu beiträgt, die internationalen Verpflichtungen der EU zu erfüllen, sollte sie aus Sicht der unterzeichnenden Verbände und Umweltnetzwerke:

  • neue Initiativen beinhalten, um schlechte Praktiken der Industrie zu beenden und die Ursachen des Holzeinschlags anzugehen: Die Strategie kann keine Anreize für intensive Waldbewirtschaftung und verstärkte Holzernte im Namen der Bioökonomie schaffen und gleichzeitig die Klima- und Biodiversitätsziele erreichen. Ein Fokus auf die Differenzierung von geernteten Holzprodukten wird nichts zur Lösung von Marktversagen wie umweltschädliche Subventionen für Waldbioenergie beitragen.
  • verbindliche Ziele zur Wiederherstellung der Biodiversität in bewirtschafteten Wäldern mit positiven Anreizen für Waldbesitzer setzen, klare ökologische Anforderungen zu erfüllen: Viele Zertifizierungssysteme konzentrieren sich nicht darauf, die Wurzel nicht nachhaltiger Praktiken anzugehen. Sie sind nicht stark genug, um ein Gegengewicht zu schwachen Waldgesetzen und schlechter Regierungsführung zu bilden, daher sind verbindliche Ziele notwendig. Die Strategie sollte eine naturnahe Bewirtschaftung fördern und Biodiversitätsziele nicht nur auf Schutzgebiete beschränken.
  • EU-weite Waldbewirtschaftungspläne mit gemeinsamen Indikatoren und Berichtsstandards vorschreiben: Wenn die EU über vergleichbare Informationen für alle Wälder in der EU verfügen würde, könnte sie die Fortschritte bei der Wiederherstellung der Wälder überwachen. Die EU erhält derzeit eine Momentaufnahme der Degradation in Schutzgebieten, aber die Strategie sollte die Mitgliedstaaten dazu verpflichten, umfassendere Daten zu übermitteln, die sie teils bereits sammeln, aber noch nicht weitergeben.
  • Satellitendaten zur Erstellung jährlicher Dashboards zur EU-Forstwirtschaft nutzen: Expert*innen-Arbeitsgruppen, in denen auch Vertreter*innen der EU-Mitgliedsstaaten vertreten sind, entwickeln Kriterien für eine weniger intensive Waldbewirtschaftung sowie für die Kartierung und den Schutz von Altwäldern. Diese könnten stärker sein, wenn sie durch häufiges Monitoring unter Verwendung von Echtzeitdaten und Quervergleichen mit Daten vom Boden untermauert würden.
  • EU-Expert*innengruppe mit breiter Interessenvertretung einsetzen, um EU-Forstinitiativen zu diskutieren: Die Gruppe sollte Vertreter*innen der Mitgliedstaaten aus relevanten Ministerien, der Zivilgesellschaft, indigenen Völkern (europäisch und national), Akademiker*innen und Akteuren der Forstwirtschaft umfassen. Es sollte einen offenen Raum für die Zivilgesellschaft geben, um Bedenken zu äußern, und Dialoge mit den Mitgliedstaaten, um die EU-Forstpolitik zu diskutieren.
  • die Richtlinie für erneuerbare Energien (RED) und der Verordnung über Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft (LULUCF) überarbeiten: Die Strategie muss auch anderen EU-Politiken, die in ihrer derzeitigen Form negative Auswirkungen auf das Klima und die biologische Vielfalt haben, große Aufmerksamkeit schenken. Die EU brauche ein starkes Gesetz für verbindliche EU-Wiederherstellungsziele.

WWF: Bioökonomie versus Klimaschutz und Biodiversität?

Auch der WWF hat – "entsetzt über die Kritik an der Strategie seitens der Forstindustrie" (Sabien Leemans, WWF Europabüro) – die EU-Kommission aufgefordert, dem Druck der Industrie zu widerstehen und die im Entwurf enthaltenen Verpflichtungen pro Natur zu verteidigen. Allerdings sieht auch der WWF Verbesserungsbedarf bei der Erneuerbare-Energien-Richtlnie (RED), damit Anreize für die Verbrennung von Bäumen zur Energiegewinnung enden.

Die LULUCF-Verordnung wiederum benötige neue Ziele, um die Kohlenstoffbindung in biodiversen und damit klimaresistenten Wäldern durch die Wiederherstellung von Ökosystemen zu fördern. Der WWF sieht außerdem "erhebliche Risiken in Bezug auf die Initiative zur Zertifizierung von Carbon Farming und Kohlenstoffabbau". Die Pläne der Kommission, Zahlungen für Ökosystemleistungen durch einen Marktmechanismus zu finanzieren, der auf dem Kauf von zertifizierten Kohlenstoffgutschriften durch Unternehmen basiert, erscheinen der Organisation "zutiefst fehlgeleitet". [jg]

Positionspapier von über 70 Organisationen unter dem Dach von FERN: THE FOREST STRATEGY MUST SUPPORT PEOPLE, NATURE AND THE CLIMATE, AND NOT BOW TO INDUSTRY PRESSURE

WWF response to the draft EU Forest Strategy