Naturschutz & Biodiversität

EU-Forststrategie: „Natur verliert, Industrie gewinnt“

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Nach dem Agrarausschuss des EU-Parlaments (EU-News 04.09.2020) hat nun auch das Plenum mit großer Mehrheit für eine eigene Entschließung zur künftigen EU-Forststrategie gestimmt. Aus Sicht des EU-Parlaments soll die multifunktionale Rolle der Wälder für die ökologische, die ökonomische und die sozialgesellschaftliche Nachhaltigkeit auch in der künftigen Strategie erhalten bleiben. Die Waldschutzorganisation FERN kritisiert die zu große Nähe zur Industrie und fehlenden Naturschutz. Die im Rahmen des Europäischen Green Deal geplante Veröffentlichung einer neuen Forststrategie der EU-Kommission ist für das erste Quartal 2021 angesetzt.

Die drei hervorgehobenen Ziele des EU-Parlaments für die EU-Forststrategie sind: 1) nachhaltige Waldbewirtschaftung und verantwortungsbewusste Eigentümer*innen unterstützen, 2) Stärkung der Katastrophenresilienz und der Frühwarnmechanismen zur Verhütung von Waldbränden sowie 3) die Bekämpfung der Einfuhr von illegal gefälltem Holz. Darüber hinaus soll Holz in größerem Umfang als nachhaltiges Baumaterial Verwendung finden. Nachhaltige Forstbewirtschaftung soll finanziell gefördert, ökonomische Nachteile durch Naturschutzmaßnahmen ausgeglichen werden. Kurz: Die künftige EU-Forststrategie solle eine qualitativ hochwertige Bewirtschaftung der Forsten und Wälder in der EU gewährleisten. "Wälder sind für uns alle von enormer Bedeutung", sagte Berichterstatter Petri Sarvamaa (EVP, Finnland). Die Strategie müsse die EU auf den Weg zu einer Kreislaufwirtschaft bringen.

Die Waldschutzorganisation FERN nannte das Ergebnis "verwirrend". Die Abgeordneten hätten sowohl erklärt, dass sie den Verlust der letzten verbliebenen natürlichen Wälder der Welt stoppen wollen, als auch vor der Industrie kapituliert und für einen intensiveren Holzeinschlag gestimmt. Letzterer sei die größte Bedrohung für die Überreste der einst riesigen Naturwälder Europas. FERN-Expertin Kelsey Perlman sagte: "Der Bericht widerspricht der Wissenschaft, indem er den katastrophalen Zustand der europäischen Wälder ignoriert. Anstatt auf den Willen der Europäer*innen zu hören, die mit überwältigender Mehrheit Maßnahmen zum Schutz der Natur wollen, hat das Parlament die schlechte Waldgesundheit (...) ignoriert. Dieser Bericht ist so konservativ, dass er von der Forstindustrie hätte verfasst werden können. Wenn die Abgeordneten nicht handeln, wenn sie mit eindeutigen Beweisen konfrontiert werden, wann handeln sie dann?". Die Entschließung des Europäischen Parlaments zur Forststrategie spiegele die Interessen der Industrie wider und untergrabe laut FERN die EU-eigenen Klima- und Biodiversitätsziele aus folgenden Gründen:

  1. Sie fördere die Bewirtschaftung von Gewerbewäldern und sagt – ohne Rücksicht auf aktuelle Trends –, dass dies "die allerbesten Auswirkungen auf das Klima" habe. Tatsache ist, dass die stark bewirtschafteten Wälder Europas jedes Jahr immer weniger Kohlenstoff aufnehmen, und die Kapazitäten als natürliche CO2-Senken werden innerhalb des nächsten Jahrzehnts um ein weiteres Drittel sinken.
  2. Sie erkenne nicht die Notwendigkeit an, Wälder zu schützen und wiederherzustellen, wie sie in der EU-Biodiversitätsstrategie dargelegt ist.
  3. Sie ignoriere die Notwendigkeit, die zunehmende Nutzung von Waldbiomasse durch eine Überarbeitung der Richtlinie über erneuerbare Energien anzugehen.

Der agrarpolitische Sprecher der Grünen im EU-Parlament Martin Häusling hatte im Vorhinein gesagt, dass die vom Agrarausschuss vorgelegten Vorschläge "nicht tragbar" seien. Die Schwerpunktsetzung Nutzung vor Bewahrung sei  "besorgniserregend". "Das Argument, Holz sei als nachwachsender Rohstoff klimafreundlich, ist einfach falsch. Wir dürfen nicht weiter versuchen, unsere Klimabilanz zu beschönigen, indem wir Holz in Kohlekraftwerken verfeuern", kritisierte Häusling. Zudem brauche es für die "multifunktionale Nutzung" der gestressten Wälder inzwischen vermutlich einen "Extra-Planeten" (Hintergrundpapier Waldnutzung).

Die Österreicherin Simone Schmiedtbauer (EVP), Agrarsprecherin im Europaparlament, sah das anders: "Es ist leider ein völlig falscher Ansatz und ein Irrglaube, dass wir die Aufnahme von CO2 mit einer Außernutzungsstellung und anderen Restriktionen steigern können, wie das manche Kollegen im Umweltausschuss bewerben. Weniger Waldbewirtschaftung in Europa ist ein Konzept, mit dem wir die künftigen Generationen an die Wand fahren". Europa habe genug Holz, es wachse täglich nach und soll sinnvoll genutzt werden, argumentierte sie.

Studie zu Europas letzten Urwäldern: Zustand "insgesamt gefährdet"

Ein internationales Forscherteam unter Leitung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) hat Mitte September eine erste europaweite Bewertung zur Verbreitung und zum Schutzstatus weitestgehend unberührter Wälder vorgelegt. Demnach seien trotz ihres ökologischen Wertes viele Primärwälder nicht ausreichend geschützt und würden weiterhin abgeholzt. Dabei müssten die Waldschutzgebiete Europas nur um ein Prozent ausgeweitet werden, um die meisten verbliebenen europäischen Urwälder zu schützen. Studienautor Tobias Kümmerle (HU) sagte, es sei "schockierend zu sehen, dass von vielen natürlichen Waldtypen überhaupt keine Primärwaldreste mehr übrig sind, insbesondere in Westeuropa". Dies betreffe sechs von 54 Waldtypen. Die gute Nachricht sei, dass eine Wiederherstellung gelingen könne, wenn auch langsam.
Nach Medienberichten (Berliner Zeitung, 08.10.2020, S.22) gibt es laut dieser Studie noch "43 Stückchen Primärwald in Deutschland", die 13.000 Hektar beziehungsweise 0,1 Prozent der deutschen Waldfläche umfassen. [jg]

EU-Parlament: Ausblick auf die Debatte (02.10.2020)

Pressemitteilung EU-Parlament (08.10.2020)

Reaktion FERN (08.10.2020)

Pressemitteilung Martin Häusling (06.10.2020): Spannende Abstimmung im Europäischen Parlament zur Forststrategie

Pressemitteilung Simone Schmiedtbauer (08.10.2020): "Aktive Waldbewirtschaftung ist entscheidend"

Stellungnahme des Umweltausschusses des EU-Parlament vom Juni 2020

Studie zum Zustand der europäischen Urwälder/Pressemitteilung iDiV sowie Studienartikel in Diversity and Distributions