Naturschutz & Biodiversität

Europäische Wälder gewinnen an Fläche, verlieren aber an Qualität

c. Pixabay

Die europäische Waldfläche hat in den letzten 30 Jahren um 9 Prozent zugenommen und bedeckt nun mit 227 Millionen Hektar mehr als ein Drittel der europäischen Landfläche, zeigt der Europäische Waldzustandsbericht (SoEF) 2020.

In den letzten 20 Jahren ist die Fläche der Wälder, die zum Schutz der biologischen Vielfalt ausgewiesen sind, um etwa 65 Prozent gestiegen, und geschützte Wälder machen nun fast ein Viertel der gesamten paneuropäischen Waldfläche aus. Während die Zunahme der Bestände als positive Entwicklung gesehen wird, führten die globale Erwärmung und der immer stärker werdende menschliche Druck zu einer Zunahme der Schäden an den europäischen Wäldern, einschließlich Entlaubung, Wind- und Insektenbefall und einem vermehrten Auftreten von Waldbränden.  

Waldfragmentierung: Zahl kleiner Waldflächen nimmt vor allem in Südwesteuropa zu

Die Analyse zeigt einen relativ konstanten Grad der Waldfragmentierung nach Ländern über den Bewertungszeitraum von 2000 bis 2018. Den höchsten Anteil (> 30 %) an isolierten Waldfragmenten wiesen Großbritannien, Irland, Island und Dänemark auf. Der geringste Anteil an Fragmentierung (~ 1 %) ist in Finnland und Schweden zu finden, während der EU-Durchschnitt bei etwa 8 % liegt. Die höchste Fragmentierungszunahme wurde für Spanien festgestellt, die von 9,7 % im Jahr 2000 auf 12,9 % im Jahr 2018 anstieg.

"Die Überwachung der Unversehrtheit von und der Konnektivität zwischen (geschützten) Waldgebieten ist daher von entscheidender Bedeutung für eine nachhaltige Entwicklung, insbesondere im Kontext des europäischen Green Deals."

Forest Europe/SoEF 2020-Bericht

Einige Kernaussagen

  • Sowohl die Waldfläche als auch das Volumen der wachsenden Bestände haben in allen Regionen Europas weiter zugenommen, jedoch mit einer abnehmenden Expansionsrate.
  • Etwa 46 Prozent der europäischen Wälder sind überwiegend Nadelwälder, 37 Prozent sind überwiegend Laubwälder, der Rest ist gemischt; die Verteilung nach Waldtypen variiert jedoch stark nach Region.
  • Etwa drei Viertel der Waldfläche in Europa sind gleichaltrige Wälder und nur ein Viertel ungleichaltrige Wälder - was dem natürlichen Zustand eher entspräche.
  • Generell verschlechtert sich der Zustand der europäischen Wälder, wobei die zunehmende mittlere Entlaubung der sechs häufigsten Baumarten auf rund 19 Prozent der Parzellen besonders deutlich ist. Im Zeitraum 2010-2018 blieb der Gesundheitszustand der Waldbäume, gemessen an der Entlaubung, unverändert auf etwa 72 Prozent der Beobachtungsflächen unverändert, verschlechterte sich auf 19 Prozent der Flächen und verbesserte sich bei 9 Prozent. Im Jahr 2018 waren 26 Prozent der mehr als 100.000 untersuchten Waldbäume mäßig bis stark entlaubt, und 0,6 Prozent waren abgestorben.
  • Schädlinge, Krankheiten, Wildtiere (insbesondere Verbiss durch große Huftiere) und Beweidung durch Haustiere, Brände und Wetterextreme wie Stürme wurden als wichtige Schadensursachen genannt. Die Häufigkeit und Intensität von Stürmen nimmt mit der Zeit zu. Auch eine geografische Verschiebung der Störungen wird beobachtet.
  • Brände betreffen vor allem die Mittelmeerregion und Sturm, Wind und Schnee mehr die nord-, südost- und zentral-osteuropäischen Regionen. Der zunehmende Einfluss des Huftierverbisses kann europaweit beobachtet werden.
  • Die Wälder in Europa sind immer noch übermäßigen Stickstoffeinträgen und troposphärischem Ozon ausgesetzt. Der Trend zeigt allerdings auch Erfolge der Luftreinhaltepolitik der letzten Jahre. So sanken der mittlere jährliche Schwefel- und Stickstoffeintrag von 1997 bis 2017 um etwa 60 bis 70 Prozent. Die Ozon-Werte wurden dafür an vielen Waldmessstellen überschritten. Und in den meisten Ländern wurde ein offensichtlicher Anstieg des Gesamtstickstoffs im Boden zwischen 2009/2012 und 2015 festgestellt.

Wirtschaftliche und energetische Aspekte

Mit fast 92 Prozent hat Mittelwesteuropa den höchsten Anteil der für die Holzversorgung verfügbaren Wälder, während Südosteuropa den niedrigsten Anteil mit etwa 53 Prozent. Die Fläche der für die Holzversorgung verfügbaren Wälder nimmt zwischen 1990-2020 und 2010-2020 zu, mit Ausnahme von Nordeuropa, wo die Fläche die für die Holzversorgung verfügbare Waldfläche zurückgegangen ist. Die für die Holzversorgung verfügbare Waldfläche in Europa wird dominiert von gleichaltrigen Wäldern, die über die Verjüngungsphase hinaus sind und noch nicht die Reifephase erreicht haben. Die Wälder in Europa speichern etwa 10 Prozent CO2 und fungieren als wichtige terrestrische Kohlenstoffsenken, es gibt jedoch Anzeichen für eine abnehmende Senkenkapazität.

Mit einem Handelsüberschuss von 5.500 Millionen Euro ist Europa laut SoEF-Bericht 2020 ein Nettoexporteur von Primärholz und Papierprodukten. Wälder seien aber auch eine wichtige Quelle für Nicht-Holz-Güter wie Lebensmittel und Materialien, die 2015 einen Wert von vier Milliarden Euro hatten. Wälder spielten auch eine wichtige Rolle im Energiesektor, wo erneuerbare Energie aus Holz etwa 6,4 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs in der EU abdeckt.

Dass das nicht unproblematisch ist, zeigen jüngste Medienberichte, wo "im Namen des Klimaschutzes" für die Pellet-Produktion in Estland Wälder kahlgeschlagen werden. Aus Gewinnstreben und wegen einer fehlgeleiteten Fördermittelvergabe.

Der SoEF-Bericht wird von Forest Europe, der Ministerkonferenz zum Schutz der Wälder in Europa, die für ihre 47 Unterzeichner (46 europäische Länder und die Europäische Union) gemeinsame Strategien für den Schutz und die nachhaltige Bewirtschaftung ihrer Wälder entwickelt, in Auftrag gegeben. Für den Bericht werden Ergebnisse der besten verfügbaren Informationen und die Arbeit von über 100 nationalen Expert*innen in Kontinentaleuropa zusammengetragen.

"Ursula von der Leyen hat signalisiert, dass die EU im Kampf gegen die globale Entwaldung weltweit führend sein will. Aber wenn die Haupttreiber der Entwaldung nicht angegangen werden, bleibt der Fortschritt begrenzt." (Quelle)

Waldschutzorganisation FERN zum Beitrag Ursula von der Leyens beim One Planet Summit

Düstere Zukunftsaussichten? Sachsen-Anhalt steckt Millionen in den Wald

Leider gibt es im SoEF-Bericht 2020 bei einigen für Umweltverbände besonders interessanten Bereichen scheinbar noch keine Daten für 2020, etwa beim Kriterium 2 "Maintenance of Forest Ecosystem Health and Vitality" (Konzentration von Luftschadstoffen, Bodenzustand, Entlaubung, Waldschäden, Waldflächendegradierung). Hier beziehen sich die Daten auf 2015, 2016 oder 2018 - und das war erst der Anfang der großen Hitzewellen.

Was dies lokal bewirkt, zeigt das Beispiel Sachsen-Anhalt, das kürzlich eine Rekord-Förderung von 15 Millionen Euro in den Wald steckte. Ein Grund zur Freude ist das nicht automatisch, zeigt ein entsprechender Bericht auf n-tv (dpa). "Der große Bedarf an finanzieller Unterstützung zeigt gleichzeitig, wie hart die Klimakrise unsere Wälder schon getroffen hat", sagte demnach Umwelt- und Agrarministerin Claudia Dalbert (Grüne). Stürme, Dürre und daraufhin massenhaften Schädlingsbefall seien dramatisch. In den letzten beiden Jahren seien 13 Millionen Festmeter Schadholz entstanden, etwa fünf Prozent der sachsen-anhaltinischen Wälder seien kahl (run 25.000 Hektar).

Bereits im letzten Jahr hatte der Agrarrat Schlussfolgerungen für die EU-Forststrategie verabschiedet (EU-News 18.11.2020), die unter portugiesischer Ratspräsidentschaft im späten zweiten Quartal von der EU-Kommission vorgelegt werden soll. Das Thema steht zumindest auf dem Entwurf der Tagesordnung für den Umweltrat am 21. Juni. Allerdings ist für die Vorbereitung der EU-Forststrategie die Generaldirektion Landwirtschaft zuständig. [jg]

Pressemitteilung von Forest Europe

Bericht State of Europe’s Forests 2020 (394 Seiten, ab S. 218 Länderportraits, ab S. 245 Anhänge)

Artikel im Online-Magazin Trends der Zukunft: Im Namen des Klimaschutzes: Pellet-Produktion zerstört estnische Wälder

n-tv/dpa-Artikel: Rekord-Förderung: Land steckt 15 Millionen Euro in den Wald