Wasser & Meere

Fangquoten 2021 stehen - vorläufig und über dem Limit

Die Fischereiminister*innen haben sich sichtlich übernächtigt auf Fangquoten für den Atlantik, die Nordsee, das Mittel- und das Schwarze Meer für 2021 geeinigt. Bei den Fangmöglichkeiten für die Tiefsee sind Beschlüsse für 2021 und 2022 gefallen. Die Festlegung ist vorläufig und gilt bis März, da es noch keine Einigung zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich (UK) für die Zeit nach dem Brexit gibt. Die Meeresschutzorganisation Oceana befürchtet einen "Überfischungswettlauf" zwischen der EU und dem UK. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) warnte, der Streit über Fischereirechte zwischen UK und EU gehe zu Lasten von Kabeljau, Hering & Co. Auch die EU-Kommission freute sich eher verhalten.

Quoten mit Bezug auf 2020 gelten bis Ende März 2021

Die vorläufigen Quoten beinhalten eine anteilige Übertragung der bestehenden Fangmöglichkeiten für 2020 für das erste Quartal 2021 mit einem Anteil von 25 Prozent an der gesamten bestehenden Unionsquote. Die Minister*innen haben sich auf bestimmte Ausnahmen von diesem Ansatz geeinigt, da bestimmte Bestände  hauptsächlich zu Beginn des Jahres befischt werden, beispielsweise Makrele und Blauer Wittling im Atlantik (65 Prozent). Außerdem beruhten einige "drastische Kürzungen" für einige Bestände wie für die Nordische Garnele auf wissenschaftlichen Gutachten.

Die für Fischerei zuständige Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, die im Rahmen der deutschen Ratspräsidentschaft den Vorsitz bei den Verhandlungen führte, verwies darauf, dass der Brexit und COVID 19 eine noch nie dagewesene Situation geschaffen und die Verhandlungen in diesem Jahr dementsprechend oft "in unbekannten Gewässern" stattgefunden hätten. Klöckner sagte: "Unsere Einigung auf vorläufige Quoten ist die Garantie für unsere europäischen Fischer, dass sie ab dem 1. Januar weiter fischen können. Was uns dabei wichtig war, ist eine nachhaltige Bewirtschaftung – wir wollen Fischbestände, die sich gut regenerieren. Gleichzeitig haben wir im Blick, dass die Fischerei für einige Regionen eine massive wirtschaftliche und identitätsstiftende Bedeutung hat. Zur Nachhaltigkeit gehören daher immer auch die sozioökonomischen Fragen. Mit unseren Beschlüssen haben wir hier eine gute Balance gefunden."

"Kurzsichtig und gegen wissenschaftliche Empfehlungen"

Dieser Meinung war die Meeresschutzorganisation Oceana nicht. Trotz "vernünftiger anfänglicher Vorschläge der Europäischen Kommission und ihrer Versuche, die Transparenz zu erhöhen" sowie der Verpflichtung, bis Ende 2020 die Überfischung zu beenden, sei es den Minister*innen nicht gelungen, Fischereigrenzen (TACs) festzulegen, die sicherstellen, dass alle Fischbestände innerhalb nachhaltiger Niveaus genutzt werden. Einige Fangmöglichkeiten, insbesondere für das Mittelmeer, seien weit über die wissenschaftlichen Empfehlungen hinaus festgelegt worden. Der Fischereirat widersetzte sich auch vehement dem Vorschlag der Kommission, die "Fangtage" für Trawler im Mittelmeer 2021 um 15 Prozent zu reduzieren, und kämpfte dafür, die Reduzierung auf lediglich 7,5 Prozent zu begrenzen. "Diese kurzsichtige Entscheidung missachtet wissenschaftliche Empfehlungen, die eine stärkere Reduzierung des Fischereiaufwands von bis zu 80 Prozent  für die meisten überfischten Gebiete fordern", kritisierte Oceana. Damit werde das Mittelmeer weiter das meistüberfischte Meer bleiben. 35 Prozent der Atlantikfischerei lägen 2021 über dem nachhaltigen Niveau, kritisierte die Organisation. Zu hohe TACs gebe es unter anderem für südlichen Seehecht, Seelachs im Golf von Biskaya oder Kabeljau im Kattegat.

Angesichts der anhaltenden Ungewissheit über die künftigen Beziehungen zum Vereinigten Königreich hat der Fischereirat außerdem über 120 vorläufige TAC für gemeinsam mit Drittländern (einschließlich des Vereinigten Königreichs und Norwegens) bewirtschaftete Bestände festgelegt, die von EU-Schiffen in EU- und internationalen Gewässern gefischt werden dürfen. Diese TACs gelten vorläufig vom 1. Januar bis zum 31. März 2021, um die Fortsetzung der Fangtätigkeit bis zum Abschluss von Abkommen über diese Bestände zu gewährleisten. Sollte es zu keiner Einigung kommen, will der Rat endgültige einseitige TACs für 2021 festlegen. Oceana fordert alle beteiligten Parteien dringend auf, den wissenschaftlichen Empfehlungen zu folgen, um einen Überfischungswettlauf zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich zu verhindern.

Warum versagen Fischereiminister immer wieder bei #EndOverfishing? Die mangelnde Transparenz des #AGRIFISH Councils hat viel damit zu tun, denn sie erlaubt es Regierungen, Fischfangquoten über die wissenschaftlichen Empfehlungen hinaus festzulegen & sich aus der Verantwortung zu ziehen, erklärt
@AndreaRipol [Tweet]

Andrea Ripol von Seas At Risk sinngemäß auf Twitter (Original: englisch)

c. pixabay

Von "intransparent" bis "Überfischung geht 2021 weiter"

Auch die Organisation Seas At Risk kritisierte das Ergebnis der Einigung - neben der intransparenten Ergebnisfindung hinter verschlossenen Türen [Andrea Ripol von Seas At Risk im Interview mit Investigate Europe].

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) forderte gemeinsam mit der Kampagne Our Fish eine Orientierung an wissenschaftlichen Empfehlungen und keine Rückorientierung an den Fangmengen von 2020. Der Streit zwischen Großbritannien und der EU werde auf dem Rücken der Meeresgesundheit und der Artenvielfalt ausgetragen. Um niemanden zu verprellen, hätten die Fischereiminister*innen unter dem Vorsitz von Julia Klöckner riskiert, dass die Überfischung 2021 weitergeht. Die pauschale Übernahme der Quoten vom letzten Jahr gefährde nach Ansicht der DUH die geschwächten Fischbestände wie Hering im Skagerrak und Kattegat, für die von Seiten der Wissenschaft eine Null-Quote empfohlen wurde. Erst im neuen Jahr wolle die EU in Verhandlungen mit Norwegen und Großbritannien die Fangquoten für die weiteren Quartale 2021 festlegen. Dazu zähle auch der für Deutschland kommerziell sehr wichtige Nordseekabeljau, für den eine Reduzierung von 17 Prozent empfohlen wird. Die geplante Übernahme der Fangquoten aus 2020 werde dazu führen, dass weniger Fische im verbleibenden Jahr 2021 gefangen werden dürfen, da ansonsten die gefangene Menge weit oberhalb der wissenschaftlichen Empfehlungen seien. Aus Sicht der DUH erschwere das die Verhandlungen mit Norwegen und Großbritannien zusätzlich.

Am 16. Dezember hatte der Fischereirat einen "Brexit-Notfallplan für die Fischerei" gebilligt. Um zu ermöglichen, dass Fischereifahrzeuge der EU und des Vereinigten Königreichs ab dem 1. Januar 2021 weiterhin Zugang zu den Gewässern der jeweils anderen Seite haben, hat der Rat einen Standpunkt zu einer EU-Verordnung für Zugangsmöglichkeiten bis zum Abschluss eines Fischereiabkommens zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich oder bis Ende 2021 angenommen, "je nachdem, was zuerst eintritt". Es bleibt spannend... [jg]

Pressemitteilung EU-Agrar- und Fischereirat 17.12.2020 und 16.12.2020 (Brexit)

Pressemitteilung: Agreement on fishing opportunities in the Atlantic, North Sea, Mediterranean and Black Sea for 2021

Pressemitteilung BMEL: EU-Fischereiminister beschließen vorläufige Fangquoten 2021 für Nordsee und Atlantik

Reaktion EU-Kommission: EU-Staaten beschließen Fangmöglichkeiten für Nordsee und Nordatlantik im Jahr 2021

Pressemitteilung Oceana: EU fisheries Council fails to ensure sustainable exploitation of fish stocks

Pressemitteilung Seas At Risk: Pending outcome in Brexit deal risks progress towards ending overfishing in the North-East Atlantic

Pressemitteilung DUH: Deutsche Umwelthilfe warnt: Streit über Fischereirechte zwischen Großbritannien und EU geht zu Lasten von Kabeljau, Hering & Co.