Wasser & Meere

Fischereirat, Schleppnetze, Beifänge und Standards

Die für Fischerei zuständigen Minister*innen der EU-Mitgliedstaaten haben sich am Montag auf eine allgemeine Ausrichtung zur Fischereikontrollverordnung geeinigt. Außerdem ging es um die maritime Raumordnung und Planungen zum neuen Europäischen Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds (EMFAF). Der ICES-Meeresrat empfiehlt die Reduzierung von Grundschleppnetzfischerei. Umweltverbände beklagen Beifänge vor Zypern und der Marine Stewardship Council lässt Standards kommentieren. Die EU landet beim weltweiten Vergleich umweltschädlicher Fischereisubventionen laut einer Oceana-Studie auf Platz drei.

Fischereikontrollverordnung einen Schritt weiter

Der Fischereirat (AGRIFISH) hat am Montag eine allgemeine Ausrichtung zur Überarbeitung der Fischereikontrollregelung angenommen. Ziel der von der EU-Kommission 2018 vorgeschlagenen Überarbeitung ist es, die Vorschriften für die Überwachung von Fischereitätigkeiten zu modernisieren, sie effizienter und effektiver zu gestalten und die Einhaltung der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) und anderer EU-Politiken sicherzustellen. Es ist die erste größere Überarbeitung des Fischereikontrollsystems der EU seit 2009. Der portugiesische Fischereiminister Ricardo Serrão Santos zeigte sich "sehr zufrieden" mit dem Ergebnis: "Die Festlegung eines Standpunkts des Rates zur Fischereikontrollverordnung war eine der Hauptprioritäten der portugiesischen Ratspräsidentschaft."

Die neuen Regeln schreiben die Überwachung des Anlandegebotes mittels Kameras, Sensoren und Systemen zur Positionsbestimmung (REM-System) bei Schiffen über 24 Meter Länger vor, ein elektronisches Logbuch für alle Fahrzeuge, die Positionsbestimmung mit Ortungssystem, die Überwachung bestimmter Freizeitfischereien (Registrierung und Fangmeldung), gemeinsame Kriterien zur Feststellung von schweren Verstößen sowie die Einführung der Rückverfolgbarkeit, auch von frischen, importierten Fischerei- und Aquakulturprodukten.

Die auch für Fischerei zuständige deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner sagte, „dass die neuen Regelungen die Grundrechte der Fischer wahren. Es ist vor allem in ihrem Interesse, dass die neuen Regeln durchgesetzt und die Bestände ordentlich und nachhaltig bewirtschaftet werden." In Deutschland gibt es laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) derzeit insgesamt 48 Fahrzeuge über 24 Meter Länge. Diese hätten einen Quotenanteil von knapp 90 Prozent an der deutschen Gesamtfangmenge. Die neue Verordnung stelle also sicher, "dass eine deutliche Mehrheit der Fänge zukünftig mittels eines REM-Systems überwacht und kontrolliert werden kann", so das BMEL.

Die Annahme der allgemeinen Ausrichtung des Rates ebnet den Weg für interinstitutionelle Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament.

Weitere Punkte auf der Tagesordnung des AGRIFISH waren die Mitteilung der EU-Kommission über die Gemeinsame Fischereipolitik und Fangmöglichkeiten für 2022, wobei der Konsultationsprozess dazu noch bis zum 31. August laufen wird (EU-News 17.06.2021). Die EU-Kommission informierte den Rat außerdem über die bisherige Umsetzung der Richtlinie zur maritimen Raumplanung, die im September 2014 in Kraft getreten ist. Die Richtlinie gilt für 22 Mitgliedstaaten mit Küstenregionen, und die Frist für die Umsetzung in nationales Recht war der 31. März 2021. Die Minister*innen wurden von der Kommission auch über die Programmplanung des Europäischen Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds (EMFAF) informiert. Laut EU-Kommission könne der Fonds eine "entscheidende Rolle bei der Unterstützung des europäischen Fischerei- und Aquakultursektors spielen", der wegen des Brexits und der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie "eine schwierige Zeit" durchmache. Der Schwerpunkt des EMFAF soll auf der Maximierung des Mehrwerts öffentlicher Investitionen in Fischerei und Aquakultur liegen. Die irische, französische und spanische Delegation informierten überdies über die Situation im Nordostatlantik. Auch über Fangquotenentscheidungen Norwegens (Svalbard/Spitzbergen), Faröers und Islands (Nordsee) wurde diskutiert.

Grundschleppnetzeinsatz reduzieren: "Ein kleiner Schritt für die Fischerei, ein großer für den Naturschutz"

Die Meeresschutzorganisation Oceana hat letzte Woche auf die Empfehlung des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) verwiesen. Eine Reduzierung der Grundschleppnetzfischerei um 26 Prozent könne laut ICES dazu führen, 70 Prozent der europäischen Meeresfläche im Atlantik mit geringen Auswirkungen auf den Fischereisektor zu schützen und gleichzeitig die Meeresumwelt zu schützen. Vorteile seien unter anderem die Wiederherstellung der Artenvielfalt und die Abschwächung des Klimawandels.

Oceana-Sprecher Nicolas Fournier sagte, dass das Gutachten neue wissenschaftliche Beweise dafür bringe, "dass die Sperrung großer Teile der europäischen Meere für die Grundschleppnetzfischerei nicht nur notwendig ist, damit sich einst reichlich vorhandene Arten wie Korallen, Seepferdchen und auch die Riffe erholen, sondern auch wirtschaftlich machbar ist". Oceana forderte die EU-Kommission auf, das Gutachten zu beherzigen und Maßnahmen zu ergreifen, um den Meeresboden der EU vor Grundschleppnetzen zu schützen, "und zwar als Teil des kommenden EU-Aktionsplans für die Ozeane, der im Herbst dieses Jahres vorgelegt werden soll", so die Organisation.

BirdLife: Tausende von Haien und Meeresschildkröten enden jährlich in Zypern als Beifang

Tausende von Meeresschildkröten, Seevögeln, Meeressäugern sowie Haien und Rochen verenden jedes Jahr in europäischen Gewässern als sogenannter Beifang, kritisiert BirdLife. Allein im Mittelmeer würden schätzungsweise mehr als 44.000 Meeresschildkröten in Fanggeräten getötet. Das ist das Ergebnise eines Projektes namens Cyprus Bycatch Project (CBP), in dem BirdLife Europe zusammen mit Partnern in Zypern und der Universität Exeter arbeitet, um den Beifang von gefährdeten Arten auf der Insel zu verstehen und zu bekämpfen.

Über einen Zeitraum von zwei Jahren wurde festgestellt, dass Elasmobranchier (Haie, Rochen und Rochen) und Meeresschildkröten die am stärksten vom Beifang betroffenen Arten sind, wobei jährlich Zehntausende von Elasmobranchiern und Tausende von Meeresschildkröten gefangen werden. Das Projekt bestätigte erhebliche Beifänge von Meeresschildkröten, darunter die Grüne Schildkröte (Chelonia mydas) und die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta), die beide zu den bedrohten Arten gehören. Auch Große Tümmler (Tursiops truncatues) und Streifendelfine (Stenella coeruleoalba) verenden gelegentlich, wenn sie sich in Netzen verfangen. Auch gibt es erhebliche Schäden an Fanggeräten und Zielfängen, was unweigerlich negative Gefühle der Fischer gegenüber diesen geschützten Arten verstärke.

In der ersten Phase des Projekts wurden keine Aufzeichnungen über den Fang von Seevögeln gemacht. Die CBP-Partner fordern aber eine genaue Erfassung des Fischereiaufwands, um ein bessereres Bild über den Beifang von Seevögeln zu erhalten.

MSC-Konsultation zu gefährdeten, bedrohten und geschützten Arten

Im Rahmen der Überprüfung des Marine Stewardship Council (MSC)-Fischereistandards ist eine neue Konsultation zu gefährdeten, bedrohten und geschützten Arten gestartet. Noch bis zum 29. Juli können sich Interessierte bei der Online-Befragung äußern. Ende Juli werden auch die Ergebnisse zu bisherigen Konsultationen veröffentlicht. Zu den gefährdeten, bedrohten und geschützten Arten wird eine Präsentation später im Jahr erfolgen.

Oceana: EU auf Platz drei bei umweltschädlichen Fischereisubventionen und Fernfischen

Die Meeresschutzorganisation Oceana hat den führenden industriellen Fischfangnationen der Welt vorgeworfen, Fischereisubventionsprogramme zu nutzen, die das Risiko der Überfischung in die Gewässer anderer Länder verlagern. Die EU liege mit 2 Milliarden US-Dollar (Daten aus dem Jahr 2018) schädlicher Subventionen an dritter Stelle, hinter China mit 5,9 Milliarden US-Dollar und Japan mit 2,1 Milliarden US-Dollar.

China, Japan, Korea, Russland, die USA, Thailand, Taiwan, Spanien, Indonesien und Norwegen seien die zehn größten Geber von schädlichen Fischereisubventionen in Höhe von insgesamt 15,4 Milliarden US-Dollar. Davon 5,4 Milliarden US-Dollar flössen in Aktivitäten außerhalb der eigenen Gewässer ("Fernfischerei") in den Gebieten von 116 anderen Nationen sowie weitere 800 Millionen Dollar für die Fischerei auf hoher See. In den Gewässern mehrerer der am wenigstens entwickelten Länder überstiegen die Fänge und geschätzten Subventionen, die ausländische Flotten erhalten, die der heimischen Flotte. [jg]

Seite des AGRIFISH mit Ergebnissen der Tagung am 28./29. Juni

Pressemitteilung BMEL: Modernisierung der Fischereikontrollen

Oceana: Closing 70% of Europe’s seas to bottom trawling: little loss to fishing sector but huge environmental gains

BirdLife: Thousands of sharks and sea turtles fall victim to bycatch in Cyprus every year

MSC-Konsultation zu gefährdeten, bedrohten und geschützten Arten

Oceana-Pressemitteilung: New Oceana-Supported Research Maps Wealthy Nations’ Harmful Fisheries Subsidies Supporting their Fleets Abroad, Including in the Waters of Least Developed Countries