Wasser & Meere

Lug, Trug, Zerstörung: Meeresschutzgebiete nur auf dem Papier

c. Pixabay

Lug, Trug und Zerstörung... Eine Studie der Meeresschutzorganisation Oceana zeigt, dass nur 0,07 Prozent der europäischen Meeresschutzgebiete tatsächlich sicher geschützt sind. Und die Europäische Umweltagentur warnt, dass menschliche Aktivitäten Europas Meere inzwischen auf allen Ebenen bedrohen. Außerdem zeigt sich am Internationalen Tag der Berge, dass die Bedeutung mariner Unterwasserberge hochgradig unterschätzt ist.

Schutzgebiete schützen nicht

Wer naiverweise annimmt, dass die Ausweisung eines Meeresschutzgebietes dazu führt, dass die dort vorkommenden Lebewesen geschützt sind, muss sich eines Besseren belehren lassen: Europäische Meeresschutzgebiete (MPAs) sind bloße "Papiertiger", die wenig tatsächlichen Schutz bieten. Das belegt ein von der Meeresschutzorganisation Oceana veröffentlichter Bericht. Siebzig Prozent der 3.449 untersuchten Natura-2000-Gebiete waren im Untersuchungsjahr 2018 von mindestens einer großen Bedrohung betroffen, wobei in einigen Gebieten in den Niederlanden und in Großbritannien bis zu 12 Stressfaktoren gefunden wurden. Als Bedrohung zählt die Organisation Ankerplätze, Aquakulturfarmen, Baggerarbeiten, Baggergutverklappung, Fischerei, Öl- und Gasbohrungen, Öl- und Gasanlagen, Schiffsverkehr, andere Plattformen, Häfen, Unterwasserpipelines, Unterseekabel und Windparks.

Nur 0,07 Prozent der Gesamtfläche des MPA-Netzwerks war von keiner der bewerteten Bedrohungen betroffen, während schädliche Fanggeräte 86 Prozent des Netzwerks, das Lebensräume schützen soll, beeinträchtigten. Auf weniger als 0,5 Prozent der Fläche - das ist vergleichbar mit der Größe Belgiens - sind umweltschädliche Industrieaktivitäten verboten. Für einen Großteil der Gebiete existieren keine oder schlechte Managementpläne. Oft sei überhaupt nur das "legale Minimum" geregelt, kritisiert die Organisation. Oceana-Sprecher Nicolas Fournier forderte: "Wenn die EU und Großbritannien jetzt 30 Prozent Schutzgebiete bis 2030 anstreben, ist eine radikale Änderung erforderlich, um MPAs tatsächlich den Biss zu verleihen, wirtschaftliche Aktivitäten einzuschränken und die Natur effektiv zu schützen. Besonders in einer degradierten Meeresumwelt, die erheblichem und zunehmendem Druck ausgesetzt ist, auch durch den Klimawandel."

  • 2018 umfassten Natura-2000-Gebiete (MPAs) 551.296 Quadratkilometer der Meeresfläche
  • 380 Quadratkilometer der Gesamtfläche waren von keiner der 13 bewerteten Bedrohungen betroffen
  • 0: Zahl der Länder, in denen weniger als 50 Prozent der MPAs bedroht sind
  • 510 der lebensraum-'schützenden' MPAs erlauben lebensraumschädigendes Fanggerät
  • 86 Prozent des "geschützten" Meeresbodens in MPAs sind risikoreichen Fanggeräten ausgesetzt
  • 47 Prozent der bewerteten MPAs gaben an, einen Managementplan zu haben
  • 80 Prozent der bewerteten Managementpläne legten keine solide Basis für das Management
  • 12 Bedrohungen (von 13) in einigen "geschützten" Gebieten identifiziert
  • 0,4 Prozent: Prozentsatz der europäischen Meeresfläche, die 2018 durch echte MPAs geschützt ist

Europäische Umweltagentur kommt zu ähnlichen Ergebnissen

Nahezu die gesamte Meeresfläche Europas (93 Prozent) ist verschiedenen Belastungen durch menschliche Aktivitäten ausgesetzt und es gibt kaum Bereiche, die nicht von mindestens zwei Belastungen betroffen sind. Das zeigt ein Briefing der Europäischen Umweltagentur (EEA) mit dem Titel "Multiple pressures and their combined effects in Europe's seas".

Die Hauptbelastungen umfassen Verschmutzung, Verlust von Lebensräumen und Störungen durch die Grundschleppnetzfischerei, die an der Küste und in den Schelfgebieten am intensivsten ist. Der Klimawandel verstärke die Sorge um die Widerstandsfähigkeit der Meeresökosysteme, so die EEA. Die Belastungsdaten der EEA zeigten, dass die umfangreichsten Auswirkungen in den Küsten- und Schelfgebieten der Nordsee und teilweise in der Ostsee sowie der Adria zu finden sind. Schwerwiegende Auswirkungen wurden in den schmalen Schelfgebieten des westlichen Mittelmeers festgestellt. Große Datenlücken bei der Bewertung gebe es im Mittelmeer und im Schwarzen Meer. Das Wachstum der maritimen Wirtschaft in der EU und der dadurch  verstärkte Wettbewerb um Meeresraum und Ressourcen müssten von der Degradation der Meeresökosysteme entkoppelt werden, warnt die EEA. Oder kurz: Wer das Meer nutzt, darf es nicht gefährden.

Unterwassergebirge: unterschätzt und unterschützt

Anlässlich des Internationalen Tages der Berge (11. Dezember) hat die Meeresschutzorganisation Oceana auf bedrohte Unterwasserberge, sogenannte Seamounts, aufmerksam gemacht. Diese seien wichtige Hotspots der marinen Artenvielfalt. Seamounts könnten sich mehrere Kilometer über den Meeresboden erheben und spielten eine entscheidende ökologische Rolle für das Funktionieren von Tiefsee-Ökosystemen. Genau wie terrestrische Berge bildeten Unterwasserberge hochproduktive Gebiete, die reiches Meeresleben wie Korallen und Schwämme beherbergen und Fische und große Raubtiere wie Haie, Seevögel und Wale anziehen. Doch diese "sanften Riesen" seien durch verschiedene Stressfaktoren wie Fischerei, Verschmutzung, Meeresbodenabbau, Öl- und Gasausbeutung sowie den Klimawandel bedroht. Die Organisation wies auf die hohe Anzahl von Seamounts in Italien und Spanien hin, die weitgehend ungeschützt seien. Oceana empfahl, den Schutz dort zu priorisieren, wo eindeutige wissenschaftliche Informationen die ökologische Bedeutung von Seebergen belegen, wie zum Beispiel für die Seeberge Ulisse, Vercelli und Eolo in Italien und Cabliers, Seco de Palos, Dacia, Tritón und die balearischen Seeberge in Spanien. [Juliane Grüning]

Oceana-Pressemitteilung: New study reveals extent of European marine paper parks: 96% allow destructive activities inside their boundaries

EEA-Briefing: Multiple pressures and their combined effects in Europe's seas

On International Mountain Day, Oceana sheds light on poorly protected underwater mountains