Naturschutz & Biodiversität

Natura-2000-Waldgebiete in Gefahr

Ein Abgeordnetenbündnis hat sich wegen anhaltender massiver Waldnaturschutzverstöße in Rumänien an die EU-Kommission gewandt. 2019 war außerdem das weltweit schlimmste Waldbrandjahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Den Natura-2000-Schutzgebotsstatus achten weder Forstaktivitäten noch die Brände.

"Skrupellose Gier und Korruption in großem Stil"

Ein länder- und fraktionsübergreifendes Bündnis von Abgeordneten im EU-Parlament (MdEPs) hat sich am Mittwoch in einem offenen Brief an die für Landwirtschaft und Umwelt zuständigen Kommissare Janusz Wojciechowski und Virginijus Sinkevičius gewandt. Über MdEPs drückten ihre "tiefe Besorgnis über massive Verstöße" gegen den Schutz von Natura-2000-Gebieten, primäre und alte Wälder sowie UNESCO-Welterbestätten in Rumänien aus. Die EU-Kommission hat zwar bereits am 12. Februar 2020 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Rumänien angestrengt und im Juli eine begründete Stellungnahme veröffentlicht sowie die rumänische Regierung unter Androhung einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof aufgefordert, endlich tätig zu werden. Doch seither seien "Tausende weitere Hektar" zerstört worden. Diese kämen zu den Zehntausenden von Hektar hinzu, die bereits in den vergangenen Jahrzehnten illegal abgeholzt worden seien, kritsieren die MdEPs. Es handele sich vorsichtigen Schätzungen zufolge um mindestens 80 Millionen Kubikmeter Holz, die verloren sind. "Skrupellose Gier und Korruption im großen Stil gefährden diese europäischen Naturschätze ernsthaft, und die Zeit für Schutzmaßnahmen läuft ab", heißt es in dem Brief. "Wenn keine Sofortmaßnahmen ergriffen werden, werden die noch vorhandenen Wälder bald für immer verloren sein." Die MdEPs fordern die Europäische Kommission auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die rumänische Regierung zu zwingen, die Zerstörung dieser Wälder durch illegalen Holzeinschlag zu beenden.

Ende Juni hatten die Stiftung EuroNatur und ihre rumänische Partnerorganisation Agent Green der rumänischen Regierung 122.000 Unterschriften für eine Petition zur Rettung der rumänischen Paradieswälder überreicht. Die Unterstützer*innen aus Rumänien und der gesamten EU forderten den sofortigen Abholzungsstopp für alle potentiellen Ur- und Naturwälder, den effektiven Schutz der Wälder in Schutzgebieten, die Einsetzung einer kompetenten und öffentlich finanzierten Nationalpark-Verwaltung sowie die Entwicklung einer nationalen Strategie für Ökotourismus.

JRC: Rekordzahl an Naturschutzgebieten war 2019 von Wald- und Flächenbränden betroffen

Laut dem 20. Jahresbericht über Waldbrände der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) der EU-Kommission war 2019 das weltweit schlimmste Waldbrandjahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Mehr als 400.000 Hektar der europäischen Naturlandflächen sind verbrannt. Außerdem war eine Rekordzahl an Naturschutzgebieten von Wald- und Flächenbränden betroffen. Europas Natura-2000-Schutzgebiete wurden stark beeinträchtigt: Mit einer abgebrannten Fläche von 159.585 Hektar entfiel fast die Hälfte der gesamten abgebrannten Fläche in der EU auf diese wichtigen Biodiversitätsgebiete. In Rumänien sind 73.444 Hektar Fläche verbrannt - es ist laut dem Europäischen Waldbrandinformationssystem (EFFIS) das europäische Land, das 2019 die größten Schäden an seinen Schutzgebieten davontrug. Spanien, Portugal und Polen verzeichneten die höchste Zahl von Bränden in den EU-Ländern.

Mariya Gabriel‚ EU-Forschungskommissarin und damit zuständig für die Forschungsstelle erklärte: „Durch den Klimawandel bedingte Veränderungen des Wetters erhöhen die Gefahr von Waldbränden in der ganzen Welt. Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse sind von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, die wirksamsten Maßnahmen zu ergreifen, um diese Brände zu verhindern, unsere Wälder zu schützen, die biologische Vielfalt zu erhalten und Menschenleben zu schützen.“

Die im Mai von der EU-Kommission vorgelegte Biodiversitätsstrategie 2030 enthält unter anderem Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit der europäischen Wälder und zur Stärkung ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber Waldbränden. Außerdem sollen bis 2030 mindestens drei Milliarden Bäume gepflanzt werden.

Der Verlust europäischer Wälder nimmt rasant zu, ergab eine im Juli veröffentlichte Studie (EU-News 02.07.2020). Die steigende Nachfrage nach Forstdienstleistungen und -produkten, angetrieben von der Bioökonomie, hat dazu geführt, dass zwischen 2016 und 2018 mehr als zwei Drittel der Biomasse in Europas Wäldern verloren ging (69 Prozent). [jg]

Offener Brief der MdEPs

Kommissionsbericht: Bedrohung für Europas Natur – weltweit schlimmstes Waldbrandjahr seit Beginn der Aufzeichnungen