Beitrag in "Natur und Landschaft" Mai 2020

Naturschützerinnen und Naturschützer sollten die Debatte um die neue Gentechnik nicht scheuen

(c) Timo Zett

Seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) im Juli 2018 ist der Streit um die Gefahren und den Nutzen von Gentechnik wieder voll entbrannt. Doch weder die Debatte noch die Argumente des Naturschutzes sind von gestern. Denn die Gretchenfrage lautet nicht „dafür oder dagegen“, sondern: Wie hältst Du es mit der Risikovorsorge?

Neue Techniken sind Gentechnik

Im Juli 2018 urteilte der EuGH: Auch neue Gentechnikverfahren sind Gentechnik und sollten nach dem EU-Gentechnikrecht reguliert werden. Was Kritiker kaum noch zu hoffen gewagt hatten, löste bei den Befürwortern eine Welle der Empörung aus. Die Panikmache habe gesiegt und die Ideologie über die Vernunft. Haben die Richterinnen und Richter tatsächlich ein von Interessen geleitetes oder gar Fehlurteil gefällt? Nein. Der EuGH spricht Recht, er macht es nicht. Klargestellt hat das höchste europäische Gericht allerdings, dass die Achtung des europäischen Vorsorgeprinzips die Messlatte ist, die ohne Ausnahmen auch für die neuen Gentechniken gilt.

Auch wenn das immer wieder behauptet wird: Ein Verbot neuer Gentechnik ist das nicht. Im Gegenteil. Das Urteil schafft Rechtssicherheit über die Regeln, die in einem sich so rasant entwickelnden Bereich feststehen müssen. Die immer vehementer vorgebrachte Forderung nach einer Deregulierung legt allerdings nahe, dass nicht Rechtssicherheit, sondern die Änderung des Rechts das Ziel war und ist. Die häufigste Begründung: Die Technik sei sicher, darüber bestehe wissenschaftlicher Konsens. Überzeugend ist das nicht, denn Behauptungen sind noch keine Beweise. Zu erbringen sind sie zudem nicht von jenen, die sie im Interesse der Risikovorsorge einfordern. Denn das wäre die Umkehrung des Vorsorgeprinzips. Es gewahrt zu wissen, ist weder ideologisch, unwissenschaftlich oder gar fortschrittsfeindlich. Es ist Recht und muss Recht bleiben, wenn wir uns und unsere Natur keinen unkalkulierbaren Risiken aussetzen wollen.

Neue Techniken stellen neue Anforderungen an Risikobewertung

Denn weder gibt es eine „history of safe use“ noch eine nennenswerte Risikoforschung, die die Sicherheit der Technik belegen könnte. Die Techniken sind – wie der Name sagt – neu. Und sie sind sehr wirkmächtige Instrumente, die unabhängig von der Größe des Eingriffs ins Erbgut sehr umfassende und tiefgreifende Veränderungen der Organismen ermöglichen. Damit eröffnen sich in der Tat vollkommen neue Möglichkeiten und Ziele. Sie gehen weit über das bisherige Anwendungsspektrum der sogenannten grünen Gentechnik hinaus. Es sind die Natur bzw. natürliche Populationen selbst, die zu Zielobjekten neuer Gentechnikverfahren geworden sind (siehe auch: "Gentechnik gefährdet den Artenschutz")

Natur als Zielobjekt – Rückholbarkeit muss Bedingung für Freisetzungen sein

Damit geht es um ganz andere Fragestellungen, als das Risiko möglicher Kollateralschäden der Agrogentechnik für die Umwelt zu bewerten. Gentechnisch veränderte Insekten, Nagetiere, Fische oder Bäume würden Teil hochkomplexer Ökosysteme, deren Interaktionen unter Laborbedingungen nur sehr begrenzt erfasst und deren vollständige Rückholbarkeit kaum gewährleistet werden kann. Das stellt vollkommen neue Herausforderungen an die Risikobewertung in der Zulassung bzw. an das Monitoring der freigesetzten Organismen. Selbst wenn diese Vorsorgemaßnahmen nach bestem Wissen und Gewissen geregelt sind, eine Sicherheitsgarantie ist das nicht, denn wer könnte sie schon abgeben?

Sicher ist nur: Den neuen Gentechniken Risiken pauschal abzusprechen bzw. die Anforderungen an eine Vorsorge herunterzuschrauben, ist der schlechteste aller Wege. Der Schutz der biologischen Vielfalt ist kein Fall fürs Roulette oder „trial and error“. Insbesondere der Anspruch, Natur „besser“ zu machen und natürliche durch künstliche Populationen zu ersetzen, wirft tiefgreifende ethische, rechtliche und naturwissenschaftliche Fragen auf. Die Verfechterinnen und Verfechter der neuen Techniken sollten diese Bedenken endlich ernst nehmen und den gesellschaftlichen Dialog nicht scheuen. Genauso wenig wie die Naturschützerinnen und Naturschützer die Debatte um die neue Gentechnik. Denn sie sind gefragt, die Interessen der Natur zur Sprache zu bringen. Jetzt.