Artikel von Thomas Ehlert

Auenentwicklung gemeinsam voranbringen

Foto: Thomas Ehlert

Bundesumweltministerin Svenja Schulze und die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) Beate Jessel haben im März die Ergebnisse des Auenzustandsberichts 2021 vorgestellt. Gegenüber dem ersten Bericht von 2009 zeigt sich ein wenig verändertes Bild: Der Großteil der Auen in Deutschland ist so stark verändert, dass die ökologischen Funktionen nur unzureichend erfüllt werden können. Zu gut einem Drittel werden die überflutbaren Auen heute als Ackerflächen sowie als Siedlungs-, Verkehrs- und Gewerbeflächen genutzt. Artenreiche Wiesen, Feuchtgebiete und Auenwälder sind dagegen selten. Nur noch neun Prozent der Auen sind ökologisch weitgehend intakt. Viele Flüsse sind heute begradigt und verbaut und kaum noch mit ihren Auen verbunden. An Rhein, Elbe, Oder und Donau sind mehr als zwei Drittel der ehemaligen Auen durch Deiche vom Fluss abgetrennt. Durch den Klimawandel steigt dadurch die Gefahr, dass sich häufende Hochwasser große wirtschaftliche Schäden anrichten können.

Es gibt aber Hoffnung für Deutschlands Flüsse und Auen. Seit etwa 20 Jahren werden vermehrt Renaturierungen durchgeführt und Deiche rückverlegt. Allein 80 große Auenrenaturierungsprojekte gab es seit dem Erscheinen des ersten Auenzustandsberichts. Verstärkte Anstrengungen zur Renaturierung lohnen sich: An einigen Flüssen – zum Beispiel an der Unteren Havel, der Mittelelbe oder der Lippe – sind regional beachtliche Erfolge zu verzeichnen. Neue Auengewässer, artenreiche Wiesen und Auenwälder sind entstanden. Davon haben Arten wie der Fischotter, der Schwarzstorch, die Sibirische Schwertlinie, aber auch viele Insektenarten profitiert. Für eine Trendwende im Auenschutz werden aber mehr und großflächigere Maßnahmen benötigt.

 

„Verstärkte Anstrengungen zur Renaturierung lohnen sich: An einigen Flüssen – zum Beispiel an der Unteren Havel, der Mittelelbe oder der Lippe – sind regional beachtliche Erfolge zu verzeichnen. Neue Auengewässer, artenreiche Wiesen und Auenwälder sind entstanden. Davon haben Arten wie der Fischotter, der Schwarzstorch, die Sibirische Schwertlinie, aber auch viele Insektenarten profitiert.“

Thomas Ehlert

 

Dafür soll unter anderem das Bundesprogramm Blaues Band Deutschland sorgen, eine gemeinsame Initiative von Bundesumweltministerium (BMU) und Bundesverkehrsministerium (BMVI). Seit 2019 werden Projekte an Bundeswasserstraßen im Förderprogramm Auen durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des BMU gefördert. Erste Projekte sind bereits gestartet. Der Bedarf für das bis 2050 laufende Auenförderprogramm wird auf jährlich zwischen 12 bis 15 Millionen Euro beziffert. Um Projekte überall in Deutschlands ins Leben zu rufen, werden viele Initiativen aus den Regionen benötigt: von Landkreisen und Kommunen, Naturschutz- und Umweltverbänden und weiteren Partnern, die als tatkräftigen Projektträger bei der Umsetzung tätig werden.

An einem Strang ziehen – mit dem Blauen Band
Im März 2021 hat der Deutsche Bundestag beschlossen, dass die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) für den wasserwirtschaftlichen Ausbau der Bundeswasserstraßen zuständig ist und damit zukünftig Rückbau- und Renaturierungsmaßnahmen durchführen kann. BMU und BfN sowie BMVI und WSV sind somit gemeinsam für die Umsetzung des Bundesprogramms Blaues Band verantwortlich. Auf bundeseigenen Flächen in den Auen wird auch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, vertreten durch die Bundesforstbetriebe der Fachsparte Bundesforst, Maßnahmen unterstützen und umsetzen.

Auch die Bundesländer können zur Unterstützung des Blauen Bandes beitragen, indem Projektideen in der Vorbereitungsphase durch aktives Verwaltungshandeln befördert werden, geeignete Trägerstrukturen (zum Beispiel Stiftungen) aufgebaut werden. Zudem können Landesflächen für Biotopentwicklungsmaßnahmen in die Projekte einbracht werden sowie Haushaltsmittel eingeplant und als Drittmittel zur Verfügung gestellt werden. Durch die enge Kooperation der verschiedenen Bundesbehörden, die aktive Einbindung regionaler Akteur*innen über das Förderprogramm Auen und das Mitwirken der Länder bestehen gute Voraussetzungen, umfassende Renaturierungsprojekte an Bundeswasserstraßen und deren Auen umzusetzen.

Schwarzstorch – c. pixabay (Pixel-Mixer)

Hoher Stellenwert für naturnahen Zustand
Die Renaturierung von Bächen und Flüssen findet in der Bevölkerung große Zustimmung. 93 Prozent wünschen sich lieber naturnahe als begradigte Fließgewässer. Neben den gesetzlichen Verpflichtungen zur Wiederherstellung naturnaher Gewässer sollte diese hohe Wertschätzung ein weiterer Grund für Politik und Verwaltung sein, Haushaltsmittel für Gewässer- und Auenrenaturierungen zur Verfügung zu stellen. Die Forderung vieler Natur- und Umweltschutzverbände, öffentliche Gelder für öffentliche Leistungen zu verwenden, wird bei Fluss- und Auenrenaturierungen geradezu bespielhaft umgesetzt: Auenrenaturierungen sind nicht nur für die biologische Vielfalt, sondern auch für die Gesellschaft von hohem Nutzen, etwa durch den verbesserten Hochwasserschutz, sauberes Trinkwasser und den hohen Freizeit- und Erholungswert naturnaher Flusslandschaften. Verstärkte Anstrengungen und Investitionen zur Auenrenaturierung lohnen sich daher doppelt und können wesentlichen dazu beitragen, politische, gesellschaftliche und gesetzliche Ziele zu erreichen.