Pressemitteilung

Menschheit ist in einer neuen Epoche angekommen

29.08.2016

Gestern hat die zuständige Arbeitsgruppe des Internationalen Geologischen Kongresses im südafrikanischen Kapstadt offiziell den Beginn des Anthropozäns, der Menschenzeit, bestätigt. „In der 4,5 Milliarden Jahre währenden Geschichte der Erde dominiert mit uns Menschen erstmals eine einzelne Spezies nicht nur auf der gesamten Oberfläche des Planeten, sondern auch tief im Boden“, sagte der Präsident des Umweltdachverbands Deutscher Naturschutzring (DNR), Prof. Dr. Kai Niebert. Dies anzuerkennen zwinge uns, den Kopf aus dem Sand zu ziehen und Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen.

Durch seinen maßlosen Ressourcenverbrauch habe der Mensch die Natur in den letzten 150 Jahren immer stärker übernutzt und seit 60 Jahren die ersten roten Linien überschritten. Dies belege: Entweder wird das Anthropozän ein Zeitalter des Kampfes um Wohlstand gegen die Natur, oder es wird eines der Nachhaltigkeit, in dem wir uns mit unserer Umwelt und den begrenzten Ressourcen der Erde arrangieren. „Wir müssen an einigen Stellen radikal umdenken“, so Niebert. „Die Menschenzeit zeigt auf, dass Naturschutz und Naturnutzung keine Gegenpole sind, sondern zwei Seiten einer Medaille. Wenn wir nicht selber als Fossilien enden wollen, müssen wir von Zerstörern zu Gärtnern der Natur werden. Wir haben nur dann eine Chance auf ein nachhaltiges Leben, wenn wir uns nicht mehr als eine Kraft außerhalb der Natur sehen, sondern als ihr integraler Bestandteil.“

Nach Überzeugung des DNR müssten Politik und Wirtschaft künftig konsequent auf eine Einhaltung der planetaren Grenzen ausgerichtet werden. Für Deutschland bedeute dies einen möglichst raschen Ausstieg aus der Kohleverstromung, eine Neuausrichtung des Steuer- und Abgabensystems durch Abschaffung umweltschädlicher Subventionen sowie eine Wende in der Verkehrs- und Agrarpolitik. Die aktuelle Debatte um die Entwürfe des Klimaschutzplans 2050 sowie des Bundesverkehrswegeplans 2030 mache deutlich, dass die Bundesregierung noch meilenweit davon entfernt sei, die Konsequenzen aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Anthropozäns zu ziehen.

„Politik und Gesellschaft müssen Konsequenzen ziehen, um das Anthropozän möglichst nachhaltig auszugestalten“

Kai Niebert

Doch Niebert blickt auch selbstkritisch auf die Umweltbewegung und die Umweltpolitik: „Wir haben in den letzten Jahrzehnten viel erreicht: Wir konnten die Zahl der Schutzgebiete in Deutschland ausweiten, den Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz verankern und den Ausstieg aus der Atomenergie durchsetzen. Gleichzeitig haben wir jedoch keine Antworten auf den – als Folge des ungebremsten Wirtschafts- und Konsumwachstums – steigenden Artenschwund, den viel zu hohen Flächenverbrauch und das bereits überschrittene Ölfördermaximum (Peak Oil) gefunden.“ Wenn es zu einer Abschwächung der globalen Negativtrends kam, dann waren ökonomische Krisen die Ursache: Die Ölkrisen der 1970er Jahre, der Zusammenbruch des Kommunismus im Osten oder auch die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2009 ließen die Kurven des Ressourcenverbrauchs jeweils leicht abflachen. Die politischen Erfolge von Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden konnten die Beschleunigung des Ressourcenverbrauchs nicht aufhalten, sondern ihn höchstens räumlich oder zeitlich verlagern.

„Ein nachhaltiges Anthropozän werden wir nur erreichen, wenn wir auch unsere Vorstellung von Nachhaltigkeit verändern: Ökologie, Ökonomie und Soziales stehen eben nicht gleichberechtigt nebeneinander“, so Niebert weiter. Die Erdsysteme setzten diesem Wirtschaften klare Grenzen. „Wir leben seit gestern in einer Zeit, in der wir von Zaungästen zu Akteuren des Wandels geworden sind. Niemand kann wollen, dass das Zeitalter des Menschen morgen wieder endet, denn dann endet auch die Zeit der Menschen. Deshalb müssen wir gemeinsam einen Lebensstil innerhalb der planetaren Grenzen finden.“

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