Bohrschlämme: Die Altlasten der Erdgasindustrie

Altlasten kennt man bislang vor allem im Zusammenhang mit der Atom- und der Kohleindustrie. Doch nun zeigt sich: Auch die Erdgas- und Erdöl-Förderung produziert sie - Millionentonnen-fach. Diese Altlasten heißen Bohrschlämme.

Rund 1400 Bohrschlammgruben gibt es in Deutschland - und der Großteil davon ist unsaniert. In diesen Gruben lagern Rückstände von Erdgas- und Erdöl-Bohrungen: Schlamm, der nicht nur Öl-Rückstände enthält, sondern krebserregende Kohlenwasserstoffe und oftmals giftige Schwermetalle wie Quecksilber und Arsen, sowie radioaktives Radium 226.

Jahrzehntelang haben Erdöl- und Erdgaskonzerne diese giftigen Schlämme ohne weitere Vorsichtsmaßnahmen direkt neben den Borhlöchern entsorgt. Heute ist deswegen häufig nicht klar, wo sich ehemalige Bohrschlammgruben befinden. Das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) besitzt eine Karte mit 519 “Verdachtsflächen”, von denen einige in Trinkwasser- und Naturschutzgebieten liegen, oftmals völlig unzureichend abgesichert.

Allein in den 40 aktuell vom LBEG kontrollierten Gruben befinden sich 1,9 Millionen Tonnen Schlamm. Bundesweit geht es also um mehrere hundert Millionen Tonnen Giftmüll, die durchs Land transportiert werden müssen. Denn Niedersachsen, das Bundesland, in dem am meisten Erdgas gefördert wird, besitzt keine adäquaten Sondermülldeponien. Deswegen bringen LKWs den giftigen Schlamm nach Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz - Hunderttausende LKWs, denn einer lädt nur etwa 40 Tonnen.

Kurz: Schon jetzt sind Industrie und Verwaltung mit der Altlasten-Bewältigung überfordert - und dennoch will die Große Koalition ein Regelungspaket auf den Weg bringen, dass einen sicheren Rechtsrahmen für Fracking in Deutschland schaffen würde. Fracking würde das Entsorgungsproblem giftiger Bohrschlämme noch weiter verschärfen. Aus Sicht von Umweltverbänden und Bürgerinitiativen ist das ein weiteres Argument für ein bundesweites Fracking-Verbot. In einem offenen Brief richteten sich die Verbände, darunter der Deutsche Naturschutzring (DNR), daher an die Spitzen von Union und SPD im Bundestag. „Der aktuelle Skandal zeigt einmal mehr: Die Gewinnung fossiler Energieträger ist mit unzähligen Risiken für Klima, Umwelt und Gesundheit verbunden. Fracking treibt den fossilen Rohstoffhunger noch auf die Spitze und schafft neue unzumutbare Folgekosten – die Rechnung zahlen am Ende die Bürgerinnen und Bürger“, kritisierte DNR-Präsident Prof. Dr. Kai Niebert.