Das Ende des fossilen Zeitalters?

Bereits in den 1950er Jahren wurde der Begriff Peak Oil, das Überschreiten des globalen Ölfördermaximums, geprägt und seit dem kontinuierlich weiter in die Zukunft datiert. Für die „konventionelle“ Ölförderung wurde das Fördermaximum bereits 2006 überschritten, der stark gestiegene Einsatz der Fracking-Technologie in „unkonventionellen“ Lagerstätten wie Teersanden hat dies jedoch mehr als kompensiert. Im Ergebnis stieg die globale Ölförderung auch nach 2006 in jedem Jahr abgesehen vom „Krisenjahr“ 2009. Jüngste Entwicklungen der Öl- und Gasbranche geben jedoch Anlass zur Annahme, dass das globale Fördermaximum fossiler Rohstoffe bald erreicht sein könnte und das Ende des fossilen Zeitalters eingeläutet ist: Im Jahr 2016 sind sowohl die Neufunde, Investitionen und Reserven in der Öl- und Gas-Branche zurückgegangen. Ist dies, vor allem mit Hinblick auf die drängende Problematik der globalen Erwärmung, ein Hoffnungsschimmer?

Der neueste Investmentreport der internationalen Energieagentur IEA (International Energy Agency) belegt für den Upstream-Sektor der Öl- und Gas-Branche (Aufsuchung und Produktion) im Jahr 2016 den zweiten gravierenden Investitionsrückgang in Folge. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Investitionssumme um rund 26 Prozent, im Vergleich zu 2014 sogar um 38 Prozent zurück. Zwar wird für das laufende Jahr ein leichter Anstieg der Investitionen um einige Prozent prognostiziert, der Trend zeigt jedoch insgesamt nach unten. Ein Grund dafür dürfte der weiterhin konstant niedrige Ölpreis sein, der im Vergleich zu den Höchstwerten 2014 nur noch etwa die Hälfte beträgt.

Hinzu kommen die seit Jahrzehnten kontinuierlich sinkenden Entdeckungen neuer Öl- und Gasvorkommen. Der Aufwand zur Aufsuchung und später auch Förderung neuer Lagerstätten steigt kontinuierlich an, denn die großen und leicht zugänglichen Vorkommen sind längst gefunden. So beliefen sich die Neufunde 2016 auf nur 2,4 Milliarden Barrel, eine Menge, die bei aktuellem Verbrauch gerade einmal 25 Tage reicht. In den letzten 15 Jahren lagen die Neufunde im Schnitt fast viermal so hoch, in den 1960er Jahren waren jährliche Neufunde zwischen 40 und 100 Milliarden Barrel üblich. Sofern dieser Trend anhält und über einen längeren Zeitraum nur wenige neue Lagerstätten gefunden und erschlossen werden, verringert sich kontinuierlich das Angebot und die Preise steigen. Angesichts sinkender Investitionssummen ist von einer Umkehr dieses Trends vorerst nicht auszugehen.

Damit hängt eine dritte interessante Entwicklung zusammen: Laut IEA sind die Ölreserven von 67 großen Konzernen 2016 erneut gefallen und liegen jetzt unter der symbolischen Marke von 100 Milliarden Barrel. Neben geringen Neufunden ist einer der Gründe, dass Reserven aus den Büchern der Konzerne gestrichen werden, wenn diese angesichts niedriger Preise nicht profitabel gefördert werden können. Dies betraf 2016 unter anderem große Mengen kanadischer Ölsande, deren Förderung besonders teuer und umweltschädlich ist, und setzt sich in 2017 fort. Der Öl-Multi Shell etwa gab Anfang des Jahres Deinvestitionen von über 7 Milliarden US-Dollar bekannt. Legt man den aktuellen Verbrauch von knapp 100 Millionen Barrel pro Tag zugrunde, so reichen die von der IEA bezifferten Reserven der 67 Großkonzerne nur noch etwa 1000 Tage, also etwas weniger als drei Jahre – zumal für die kommenden Jahre eine leichte Steigerung des Verbrauchs prognostiziert ist. Versorgungsengpässe sind dennoch noch nicht zu befürchten, da die genannten 67 Konzerne lediglich 25 Prozent der gesamten Öl- und Gas-Branche abbilden - die gesamten Reserven sind also wesentlich größer. Zudem wachsen die Reserven automatisch, wenn die Ölpreise steigen, da unkonventionelle Lagerstätten wie die oben genannten Ölsande, deren Erschließung kostspielig ist, dann wieder in die Bücher der Unternehmen geschrieben werden.

Unter dem Strich ergibt sich ein ambivalentes Gesamtbild: Die seit einigen Jahren niedrigen Ölpreise führen zu sinkenden Investitionen in Exploration und Erschließung von Lagerstätten, dies wiederum führt zu historisch niedrigen Neufunden. Verschärfend kommt hinzu, dass die Konzerne für die Aufsuchung neuer – häufig „unkonventioneller“ – Lagerstätten einen immer größeren finanziellen und technischen Aufwand betreiben müssen. Die sinkenden Förderraten bei konstantem oder leicht steigendem Verbrauch werden in absehbarer Zeit aber auch wieder zu einem Preisanstieg für Öl und Gas führen. Der Trend würde sich dann umkehren und die Unternehmen neue Reserven erschließen.

Vor dem Hintergrund fortschreitender globaler Erwärmung und der damit verbundenen Notwendigkeit, die Nutzung fossiler Energieträger in den nächsten Jahren stark zu reduzieren, können die skizzierten Entwicklungen durchaus als Hoffnungsschimmer interpretiert werden. Sinkende Investitionen und schrumpfende Reserven deuten auf eine, wenn auch langsame, Abkehr von den fossilen Energieträgern hin. Diese Entwicklungen haben ihre Ursache jedoch hauptsächlich in einem niedrigen Preisniveau für Erdöl und-gas. Steigen die Preise, könnte die Erschließung neuer „unkonventioneller“ Lagerstätten (z.B. Schiefergas und Ölsande in in den USA und Kanada) das Fördermaximum noch um Jahrzehnte hinauszögern - mit gravierenden Folgen für Umwelt und Klima. Deshalb ist das Wechselspiel aus Angebot und Nachfrage und den damit verbundenen fallenden oder steigenden Preisen nicht dazu geeignet, eine Abkehr von fossilen Energieträgern zu bewirken. Notwendig ist vielmehr ein Richtungswechsel auf globaler Ebene, um die in Paris vereinbarten Ziele zu erreichen. Neben Anpassungen in der Verkehrs- und Energiepolitik könnte dies die Vereinbarung und Durchsetzung eines absoluten Fördermaximums, abgeleitet aus dem 1,5°-Ziel, bedeuten.