Das große Unwissen

Die konventionelle Förderung von Erdöl und Erdgas gilt als beherrschbare Technik. Dennoch kommt es immer wieder zu Störfällen – insbesondere undichte Leitungen und an den Bohrstätten entweichendes Öl oder Gas belasten die Umwelt. Ausströmendes Öl oder Gas ist leicht entzündlich und wird in der Regel schnell bemerkt, doch Verschmutzungen durch Leckagen bleiben oft lange unentdeckt.

Erdöl und Erdgas werden in Deutschland vor allem in Niedersachsen und Schleswig-Holstein gewonnen. Die Bohrstätten gehören Brachenriesen wie ExxonMobil, der DEA Group oder der Wintershall. Im Jahr 2014 förderte die Branche insgesamt 2,43 Millionen Tonnen Erdöl und 10,3 Milliarden Kubikmeter Erdgas.

Störfälle verursachen Umwelt- und Gesundheitsrisiken

Im gleichen Jahr ereigneten sich nach Angaben des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) mehr als 20 Störfälle, bei denen über 400 000 Liter Lagerstättenwasser und mehr als 150 000 Liter Nassöl ausgetreten sind. Als Lagerstättenwasser bezeichnet man Wasser, das in einem Erdöl- oder Erdgasspeicher vorhanden ist und bei der Gewinnung mitgefördert wird, während Nassöl ein Gemisch aus Öl und Lagerstättenwasser darstellt. Beide können Quecksilber und andere giftige Schwermetalle, sowie flüssige Kohlenwasserstoffe wie Benzol enthalten. Diese Stoffe sind extrem gesundheitsschädlich, Benzol zum Beispiel wirkt hochgradig krebserregend.

Ein Blick zurück offenbart das drastische Ausmaß der Verunreinigung auch in Deutschlands nördlichstem Bundesland. Nach Angaben der Landesregierung Schleswig-Holsteins sind seit 1965 im Zusammenhang mit der Förderung von Erdöl und der Verpressung von Lagerstättenwasser unter anderem fast 1,5 Millionen Liter Nassöl ausgelaufen, eine halbe Million Liter Salzwasser – womit wahrscheinlich Lagerstättenwasser gemeint ist – außerdem eine Viertel Million Liter Reinöl und 7 000 Liter Heizöl.

Die meisten Leckagen entstehen durch den Einsatz von Polyethylen-Rohren (PE-Rohren), die der Aggressivität der chemischen Stoffe im Lagerstättenwasser nicht standhalten können. Diese fressen sich durch die Rohre und sorgen dafür, dass das kontaminierte Wasser ins Erdreich eintritt. 2011 hatte das LBEG umfassende Untersuchungen entlang der PE-Leitungen angeordnet und den Weiterbetrieb von PE 80 Rohren untersagt, wenn diese Quecksilber- und Benzolhaltiges Wasser führen. Die Förderunternehmen sollten zudem nachweisen, dass aus den übrigen PE-Rohren keine Giftstoffe entweichen und im Fall von Leckagen oder Diffusion die Leitungen unverzüglich außer Betrieb nehmen. Trotz dieser Maßnahmen wurden 2012 im niedersächsischen Völkersen bis zu 5700 Mikrogramm Benzol pro Kubikmeter im Boden in der Nähe einer PE-Lagerstättenwasserleitung gemessen – zum Vergleich: Die Akzeptanzkonzentration beträgt 0,2 Mikrogramm.

Bergaufsicht: Anspruch und Wirklichkeit

Gefahrenfrei ist die Förderung von Erdöl und Erdgas also keineswegs. Dennoch kann von einem systematischen Monitoring der Umweltfolgen nicht die Rede sein.

Laut § 69 Abs. 1 Bundesberggesetz (BBergG) sind die jeweiligen Landesbehörden für die Aufsicht der Unternehmen zuständig. Sie sollen verhindern, dass durch den Betrieb „Gefahren für Leben und Gesundheit Dritter“ oder „gemeinschädliche Einwirkungen“ entstehen. Rein personell können sie allerdings nicht mehr als stichprobenartige Kontrollen leisten. In der Regel schaltet sich die Behörde erst ein, wenn die Fördergesellschaft selbst einen Störfall meldet oder Bürgerinitiativen und Naturschutzverbände Verschmutzungen nachweisen. Und auch dann kommt es nur in Sonderfällen zu einer Folgeuntersuchung. So etwa im Erdgasfeld Söhlingen in der Lüneburger Heide. Hier hatte ExxonMobil 2007 - durch Zufall, bei einer Routine-Untersuchung - ein Leck bemerkt. Daraufhin ließ die Firma die Rohre ersetzen, baggerte das vergiftete Erdreich weg und pumpte das Grundwasser ab. Die Behörden gingen davon aus, dass die ergriffenen Maßnahmen den gewünschten Zweck erreicht hatten. Im Jahr 2014 entdeckte der NABU dann 60-fach erhöhte Quecksilberwerte im Boden.

Aus einem Gutachten des LBEG geht hervor, dass der Behörde eine Überschreitung des Vorsorgewerts für Quecksilber an mehreren Orten in Söhlingen bekannt war. Eine Sicherung oder Sanierung hielt sie allerdings nicht für erforderlich. Lediglich die Nutzung als Weide oder Wiese untersagten die Beamt*innen.

Das BbergG sieht in § 70 Abs. 2 vor, dass die Förderfirmen die Kosten für die Untersuchung entstandener Umweltschäden tragen. Deswegen geben sie häufig selbst Gutachten in Auftrag, was sich unter Umständen auf deren Ergebnisse auswirkt. Zum Beispiel, indem die Firmen eigenständig festlegen, an welchen Stellen die Gutachter Proben entnehmen, wie es zum Teil auch in Söhlingen nach Angaben dortiger Naturschützer der Fall gewesen sein soll.

Die Frage nach Altlasten

Angesichts des Laissez-faire Prinzips, das den Umgang der Landesbehörden mit den Förderfirmen charakterisiert, überrascht es kaum noch, dass eine Vorher-Nacher-Untersuchung der Beschaffenheit von Böden und Gewässern in der Nähe der Förderstätten nicht stattfindet. Entsprechend schwierig ist es, die Langzeitfolgen von Erdöl- und Erdgasförderung auf die Umwelt abzuschätzen. Die Rede von langjähriger Förderung ohne negative Konsequenzen beruht also wesentlich darauf, dass die Behörden seit Jahren auf eine systematische Untersuchung ebendieser Konsequenzen verzichten.

Folgeschäden für Mensch und Umwelt stellen aber nicht die einzige Monitoring-Lücke bei der Gewinnung von Erdöl und Erdgas dar. So sind es manchmal auch logistische Informationen, die den Landesbehörden fehlen. Aktuell arbeitet das LBEG beispielsweise an einer Kartierung alter Bohrschlammgruben. In diesen Gruben lagern Bohrrückstände, die lange Zeit ohne besondere Sicherung direkt in der Nähe der Förderstätten vergraben und dann vergessen wurden. 519 “Verdachtsflächen” gibt es allein in Niedersachsen. Bohrschlamm kann verschiedene Öl-Rückstände enthalten, wie zum Beispiel krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), giftige Schwermetalle und radioaktives Radium 226. Experten fordern deswegen einen äußerst sorgsamen Umgang mit diesen Abfällen, manche sogar eine Lagerung unter Tage, wie sie aktuell für Atommüll vorgesehen ist.

Fehlende Information und Anwohnerschutz

Tatsächlich schreibt die Erdöl- und Erdgas-Förderung Transparenz nicht besonders groß. Insbesondere in Bezug auf die damit verbunden Schäden wird noch immer eher Geheimhaltung als detaillierte Aufklärung betrieben. Erst seit 2011 sind Meldungen über Störfälle online auf der Seite des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) zugänglich. Gibt es einen Vorfall, kündigt die Pressemeldung häufig eine Untersuchung des Grundwassers durch unabhängige Experten an. Über die Ergebnisse dieser Untersuchungen oder ihre genauen Parameter finden sich allerdings selten Angaben.

An Informationen über mögliche Altlasten durch Schäden, die vor 2011 entstanden, zu gelangen, ist deutlich schwieriger. Hier bedarf es einer kleinen Anfrage eines bzw. einer Abgeordneten an die Landesregierung. Diese erstellt dann, wie jüngst im Fall von Schleswig-Holstein und der Anfrage Patrick Breyers (Piratenpartei), eine Liste von Schadensfällen. Eine genaue Untergliederung in Bohrstätte, Schadensfall und Ausmaß nahm die Behörde allerdings erst nach einer weiteren, expliziten Nachfrage des Abgeordneten vor. Auch hier geht die Landesregierung ohne noch einmal nachzumessen davon aus, dass alle Umweltbelastungen aus früheren Leckagen vollständig beseitigt sind. Doch der Großteil der Bevölkerung weiß nicht, dass diese Leckagen überhaupt einmal vorhanden waren - selbst wenn sie unter Umständen direkt in einem ehemaligen Fördergebiet leben.

Wohngebiete dürfen nach der aktuellen Bauverordnung im Abstand von 60 Metern zu einem Bohrloch entstehen. Das entspreche der Länge eines Bohrturms. Angesichts der Tatsache, dass viele Rohre sowohl für die Gasförderung als auch für den Abtransport von Lagerstättenwasser horizontal verlaufen, ist das eine völlig unangebrachte Vergleichsgröße. Rund 750 km an Rohrleitungen, die Lagerstättenwasser transportieren, verlaufen allein in Niedersachsen, ohne dass die Bevölkerung Kenntnisse des Netzplans besitzt.

Als Worst Case Szenario bei einem Störfall in der Erdgas- und Erdöl-Förderung steht Sachverständigen zufolge das unkontrollierte Freisetzen von Giftstoffen sowie die Kontamination des Grundwassers im Raum. Dennoch gibt es für die Menschen, die in der Nähe einer Förderstelle wohnen, keinen Notfallplan. Dafür bestehe keine Notwendigkeit, meint die niedersächsische Landesregierung.

Norddeutsche Bürgerinitiativen sehen das anders. Sie fordern mehr Transparenz, besseres Monitoring und ausgedehnte Untersuchungen der Umweltfolgen - kurz, eine Einhaltung des Vorsorgeprinzips anstelle der geltenden Laissez-faire Mentalität.

Vor dem Hintergrund der Informationsdefizite bei den Behörden und der Zurückhaltung von Informationen gegenüber Anwohnern, erscheint auch die aktuelle Fracking-Debatte in einem neuen Licht. Ob beherrschbare Technik oder nicht, Störfälle passieren. Und wie mit ihnen umgegangen wird - seitens der Behörden sowie seitens der Firmen - können wir bereits beobachten. Angesichts dieser Umstände ist es leichtsinnig, eine Fördermethode zu genehmigen, die erwiesener Maßen ein erhöhtes Gefahrenpotential für Mensch, Tier und Umwelt aufweist.