Die einsame Spitze des Müllbergs

Im Rückblick lässt sich sagen: Deutschland ist 2016 doch Europameister geworden. Zumindest was den Pro-Kopf-Verbrauch an Verpackungsmüll angeht. Mit einer stolzen Menge von 220 Kilogramm haben wir uns diesen Titel erneut gesichert, stellt ein Bericht des Umweltbundesamtes fest. Der europäische Durchschnitt liegt bei etwa 167 Kilogramm. Immerhin stagniert der deutsche Wert im Vergleich zum Jahr 2015.

Immer aufwändigere Verpackungen für immer kleinere Packungsgrößen sowie die grassierende To-Go-Mentalität sind die Hauptgründe für den seit den 90er Jahren stetig wachsenden Verpackungsmüllberg. Diese vom UBA diplomatisch als „Veränderungen im Verbraucherverhalten“ bezeichneten Entwicklungen sind hochproblematisch, denn Einwegverpackungen sind zwangsläufig sehr kurzlebig und verschwenderisch. Die aufgewendeten energetischen und materiellen Ressourcen sind nach der Nutzung, also dem Auspacken des Produktes, verloren. Nach der Entsorgung ist sogar weitere Energie notwendig für Transport, Trennung und Behandlung der angefallenen Abfälle.

In die Tonne, aus dem Sinn

Nun ließe sich einwenden: immerhin die materiellen Ressourcen werden zurück in den Kreislauf gegeben. Deutschland ist schließlich Recycling-Weltmeister und hierzulande wird der Müll fleißig in vier oder mehr Tonnen getrennt. Tatsächlich konnten die Verwertungsquoten der verschiedenen Bestandteile des Hausmülls (Weißblech, Aluminium, Glas, Papier und Kunststoffe) in den letzten Jahrzehnten signifikant gesteigert werden. Für Glas lag die Verwertungsquote im Jahr 2016 bei rund 85%, für die anderen Fraktionen sogar weit über 90 Prozent. Unter Verwertung zählt, neben dem stofflichen Recycling, jedoch auch die thermische Verwertung in einer Müllverbrennungsanlage. Dennoch dürfte das Gefühl eines gut funktionierenden Abfallsystems den meisten helfen, die Ausmaße der Müllproblematik auszublenden und guten Gewissens Verpackungen zu entsorgen.

Doch vor allem bei Kunststoffverpackungen ist die Diskrepanz zwischen Verwertung und Wiederverwendung groß, denn nur knapp die Hälfte des Abfalls wurde tatsächlich stofflich verwertet. Diese Quote gibt überdies nur den Eingang in die Sortieranlagen an, nicht den verwendbaren Output, der – besonders bei Kunststoffen – oft nur für minderwertigere Verwendungszwecke in Frage kommt (sog. Downcycling). Das bedeutet, dass mindestens die Hälfte aller anfallenden Kunststoffabfälle zur Energieerzeugung verbrannt wird und nur ein geringer Bruchteil des Rests wieder für Verpackungen genutzt werden kann. Mit Blick auf die verwendeten Rohstoffe (Erdöl) und Energie in der Herstellung ist dies eine gewaltige Verschwendung. Glas hingegen, das wesentlich besser im Kreislauf geführt werden kann und eine stoffliche Verwertungsquote von etwas mehr als 85 Prozent aufweist, verliert seit Jahren an Bedeutung als Verpackungsmaterial.

Verpackungspolitik ist Rohstoffpolitik

Die Verringerung der Abfallmengen sowie eine Erhöhung der stofflichen Verwertung der Abfallströme sind letztlich auch rohstoffpolitische Forderungen. Unter anderem kann dies durch eine Förderung von Mehrweg-Systemen bei gleichzeitig stärkerer Besteuerung schlecht im Kreislauf zu führender Materialien erreicht werden. Das neue Verpackungsgesetz, das am 1. Januar 2019 in Kraft tritt, ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber bei weitem nicht ambitioniert genug. Wie wirkungsvoll die Kunststoffstrategie der EU ist, wenn sie (möglicherweise und in einigen Jahren) in europäischen bzw. nationales Recht umgesetzt wurde, bleibt abzuwarten.

Mit Blick auf die enthaltenen Rohstoffe in Verpackungsmüll beleuchtet der UBA-Bericht einen weiteren interessanten Aspekt: die Verwendung von neodymhaltigen Magneten in Verschlussmechanismen. Obwohl ein einzelner Magnet meist weniger als ein Gramm wiegt, summiert sich das enthaltene reine Neodym auf mehr als eine Tonne, so die Schätzung für 2017. Abgesehen von der Knappheit des Rohstoffs und der hohen ökologischen Kosten für dessen Gewinnung vor Allem in China stellt sich hier das Problem, dass die neodymhaltigen Magnete derzeit und in absehbarer Zukunft nicht aus dem Abfallstrom zurückgewonnen werden können und damit unwiederbringlich verloren sind. An diesem Beispiel offenbart sich unser absurden Umgang mit den Rohstoffen des Planeten: am anderen Ende der Welt wird die Umwelt beim Rohstoffabbau verheert, um unser haptisches Erlebnis beim Öffnen und Schließen einer Pralinen- oder Whiskey-Verpackung zu verbessern. Ob neue Gesetze hier helfen, muss bezweifelt werden.