Nachhaltigkeit 4.0 – was bringt die Digitalisierung?

Spätestens seit die FDP im Wahlkampf überall „Digital first, Bedenken second“ plakatiert hat, steht das Thema Digitalisierung weit oben auf der politischen Tagesordnung. Aber auch schon bevor die FDP ihren Digitalisierungswahlkampf startete hatte das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) eine Plattform Industrie 4.0 ins Leben gerufen und ein Weißbuch „Digitale Plattformen“ veröffentlicht. Das Bundesarbeitsministerium (BMAS) hingegen befasst sich mit Arbeit 4.0 in einer digitalisierten Welt. Weder die FDP, noch BMWi oder BMAS vermögen hingegen zu sagen, was genau mit der Digitalisierung tatsächlich auf uns zukommt. Auch Umwelt- und Entwicklungsorganisationen haben bislang nur wenige Berührungspunkte mit diesem Megatrend, der – so eine oft gehörte Meinung – das Potenzial hat, alles zu ändern.

Digitalisierung: Ein Thema für Umwelt- und Entwicklungsorganisationen?

Aus Sicht des Deutschen Naturschutzrings, Brot für die Welt und PowerShift war es also längst überfällig, dass sich auch zivilgesellschaftliche Organisationen stärker mit dem Veränderungs-Potenzial der Digitalisierung befassen. Unter der Fragestellung „Digitalisierung: Eine – falsche – Wette auf die Zukunft? Auswirkungen der Industrie 4.0 in Nord und Süd“ luden sie zur Podiumsdiskussion. Vor allem die Auswirkungen der Digitalisierung auf Umwelt, Ressourcenverbrauch und Arbeit standen im Mittelpunkt der Diskussion zwischen Henning Banthien (IFOK/ Plattform Industrie 4.0), Thomas Hahn (Siemens), Viviana Munoz Tellez (South Center), Hermann Ott (DNR) und Jannick Hahn (SPD).

Henning Banthien, Generalsekretär der Plattform Industrie 4.0, und Siemens-Vertreter Thomas Hahn zeichneten ein optimistisches Bild von Digitalisierung und Industrie 4.0, die große ökologische Chancen böten. Die Digitalisierung der industriellen Produktion brächte enorme Effizienzgewinne beim Materialeinsatz und beim Stromverbrauch. Dieser Punkt ist allerdings umstritten. So wies DNR-Präsidiumsmitglied Hermann Ott auf mögliche Reboundeffekte hin, die Effizienzgewinne in der Produktion durch steigenden Verbrauch wieder zunichtemachten. Die angebliche Tendenz zum papierlosen Büro als Folge der Computerisierung etwa hätte nichts daran geändert, dass der Papierverbrauch massiv gestiegen ist. Und auch dort, wo Papier tatsächlich durch E-Reader oder Tablets eingespart wird, werden andere Rohstoffe umso stärker beansprucht. Weltweit lagerten schon jetzt allein in Tablets 40 Tausend Tonnen Aluminium, 30 Tausend Tonnen Kupfer und 11 Tausend Tonnen Kobalt, erklärte Hermann Ott.

Droht der Ressourcenfluch 4.0?

Die Digitalisierung schafft also einen ganz eigenen, spezifischen Rohstoffbedarf. Zahlreiche dieser Rohstoffe für Zukunftstechnologien werden in den Ländern des globalen Südens gewonnen. Schon jetzt leiden diese Staaten unter dem Ressourcenfluch: Ihr Rohstoffreichtum kommt nicht der Bevölkerung vor Ort zu Gute, sondern stabilisiert Diktaturen und korrupte Regime. Viviana Munoz Tellez vom South Center äußerte daher die Befürchtung, dass die voranschreitende Digitalisierung vor allem die Polarisierung zwischen Nord und Süd weiter vorantreiben könnte. Aber auch hierzulande könnte die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gehen, wenn durch digitale Produktionsprozesse Jobs gestrichen werden, warnte SPD-Mann Jannick Hahn.

Digitalisierung als große Gestaltungsaufgabe

Diese Sorgen wollten weder Henning Banthien noch Thomas Hahn teilen, auch wenn sie zugestanden, dass Digitalisierung gestaltet und rechtlich gesteuert werden muss, damit ihre Chancen zum Tragen kommen. Auch wenn die Diskussion deutlich zeigte, wie wenig Berührungspunkte es bislang zwischen der Digitalisierungs- sowie der Umwelt- und Entwicklungs-Communitie gibt, war das vielleicht die Quintessenz, auf die sich alle Diskutant*innen einigen konnten: Digitalisierung kann und muss gestaltet werden. Hier sind in Zukunft auch Umwelt- und Entwicklungsorganisationen stärker gefordert.