Von wegen "Schwarze Null": Ab heute leben wir auf Pump

Spätestens seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007 und der daraus resultierenden Staatsschuldenkrise im Euroraum gelten Schulden – insbesondere Staatsschulden – als die Wurzel (fast) allen Übels. Die Bundesregierung hat einen regelrechten Spar-Fetisch entwickelt. Die „Schwarze Null“ hat es 2014 sogar auf Platz zwei des Wort des Jahres geschafft, eine Schuldenbremse ist sogar schon seit 2009 verfassungsrechtlich verankert und macht Bund und Ländern seit 2011 verbindliche Vorgaben zur Reduzierung der Haushaltsdefizite. Mit Blick auf die griechische Staatsverschuldung urteilte  Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2010: „Das Leben über die Verhältnisse ist die eigentliche Ursache des Problems.“

Ein schöner Universalsatz, der auch angesichts der zunehmenden Ausbeutung natürlicher Ressourcen und Überforderung der Biokapazität der Erde gut gewählt wäre. Übertragen auf die natürlichen Grenzen unseres Planeten müsste diesem Ausspruch der Kanzlerin der Richtigkeit halber noch ein weiteres Kanzlerzitat nachgestellt werden: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“

„Das Leben über die Verhältnisse ist die eigentliche Ursache des Problems.“(Angela Merkel, 2010) Ein schöner Universalsatz, der auch angesichts der zunehmenden Ausbeutung natürlicher Ressourcen und Überforderung der Biokapazität der Erde gut gewählt wäre.

Denn: Heute ist Earth Overshoot Day. Seit heute hat die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren kann. Kurz gesagt: Wir leben jetzt auf Pump und zehren von den stillen Reserven der Erde. Mittlerweile verbrauchen wir im weltweiten Durchschnitt 1,7 Erden. Würden alle Menschen so leben wie wir, bräuchten wir sogar 3,2 Erden. In Deutschland überschreiten wir eine planetare Belastungsgrenze nach der anderen: Der Artenschwund nimmt auch hierzulande dramatische Ausmaße an, der Flächenverbrauch ist viel zu groß, Stickstoff und Phosphat belasten unsere Böden und Gewässer und wir haben noch keine Antworten auf das bevorstehende Ende des fossilen Zeitalters gefunden. Diese Beobachtungen gehen sogar noch weiter: Seit Beginn der Industrialisierung sind so viele neuartige Mineralien in so kurzer Zeit in Umlauf gekommen wie seit Jahrmilliarden nicht; der Stickstoffeintrag in der Biosphäre durch Dünger ist in der Erdgeschichte ohnegleichen. Langfristig führt dieser Weg nicht nur in eine ökologische, sondern auch in eine ökonomische Katastrophe. Das gefährdet unseren Wohlstand und raubt sowohl den Menschen im globalen Süden als auch zukünftigen Generationen faire Entwicklungschancen.

Wir müssen also Lösungen finden, die allen ein Leben und Wirtschaften im Rahmen der natürlichen Belastungsgrenzen ermöglichen. Das erfordert ein radikales Umdenken in allen Politikfeldern. Es braucht ebenso einen Klimaschutz, der den Klimawandel deutlich unter zwei Grad bremst und den Ausstieg aus der Kohleverstromung sofort anschiebt, wie eine Agrarpolitik, die dem Leitbild einer bäuerlich-ökologischen Landwirtschaft folgt und landschaftliche Vielfalt sowie Böden erhält, statt sie auszubeuten, oder wie eine Ordnungs- und Finanzpolitik, die eine nachhaltige Zukunft unterstützt und umweltschädliche Subventionen abbaut. Auch in der derzeit viel diskutierten Verkehrspolitik ist eine Wende unabdingbar. Es reicht nicht aus, dreckige Verbrennungsmotoren mit neuer Software auszustatten und langfristig eins zu eins durch Elektroautos zu ersetzen. Die Ausbeutung natürlicher, insbesondere mineralischer Rohstoffe würde dann ungebremst weitergehen und weitere irreversible Umweltschäden verursachen. Stattdessen müssen wir Infrastrukturen schaffen, die mehr Mobilität ermöglichen und gleichzeitig das Verkehrsaufkommen von PKW senken.

Unser ökologischer Schuldenberg wächst. Von einer Schuldenbremse redet hier aber niemand

Gelingt dieser Wandel nicht, werden wir auch weiterhin jedes Jahr mehr natürliche Ressourcen verbrauchen als uns die Erde nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Schon jetzt erreichen wir den Earth Overshoot Day immer früher im Jahr. Im Vergleich zu 2016 ist der Stichtag in diesem Jahr sechs Tage nach vorne gerutscht, vor dreißig Jahren war die Überlastungsgrenze erst am 19. Dezember überschritten. Der Trend ist eindeutig: Unser ökologischer Fußabdruck ist riesig und unser ökologischer Schuldenberg wächst immer weiter an. Von einer Schuldenbremse oder nachhaltiger Ressourcenbuchhaltung redet hier aber niemand. Dabei ist es mehr als offensichtlich, dass wir weit über unseren Verhältnissen leben.