Politik

Studie „Umweltbewusstsein in Deutschland 2016“

Wachstumskritik ist in der Bevölkerung angekommen!

Alle zwei Jahre befragen das Umweltbundesamt (UBA) und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) in einer repräsentativen Umfrage die Deutschen zu ihrem Verhältnis zur Umwelt. Die aktuelle Umweltbewusstseinsstudie aus dem Jahr 2016 hat dieses Mal stärker auch das Thema Wachstum in den Fokus genommen hat. So findet beispielsweise die Notwendigkeit, Wege zu einem guten Leben unabhängig vom Wirtschaftswachstum zu finden bei einer überwältigenden Mehrheit Akzeptanz (91 Prozent), davon bei mehr als der Hälfte voll und ganz. Dass es natürliche Grenzen des Wachstums gibt, die unsere industrialisierte Welt längst erreicht oder schon überschritten hat, dem stimmen 78 Prozent zu. Dass wir unsere Umweltprobleme nur lösen können, wenn wir unsere Wirtschafts- und Lebensweise grundlegend umgestalten, halten 81 Prozent für richtig und dass Umweltschutz für Deutschland Vorrang haben sollte, selbst wenn er das Wirtschaftswachstum beeinträchtigt, sehen 71 Prozent so. Viele sind auch davon überzeugt, dass es hierfür eine starke politische Regulierungen braucht. Der Aussage: „Die erforderlichen Veränderungen können (allein) durch das Wirken der Marktkräfte erreicht werden“, stimmen insgesamt 61 Prozent nicht oder überhaupt nicht zu. Eine Mehrheit findet also eine aktive Politik, die auf Basis von Nachhaltigkeitsprinzipien die Marktwirtschaft reguliert und so den sozial-ökologischen Wandel unterstützt, richtig und wichtig (S. 19f).

Von Milieu zu Milieu verschieden

Natürlich ist die Haltung gegenüber der Wachstumsfrage von Milieu zu Milieu unterschiedlich. Traditionelle Milieus sind häufig überzeugte Wachstumsskeptiker*innen, ähnlich wie das kritisch-kreative Milieu. „Ganz entschieden (zu 89 Prozent) vertreten sie die Meinung, dass Umwelt und Klimaschutz Vorrang gegenüber den Erfordernissen des wirtschaftlichen Wachstums haben sollte. Und noch eindeutiger (zu 97 Prozent) fordern sie, dass wir Wege finden müssen, wie wir wachstumsunabhängig weiter ein gutes Leben gewährleisten können“ (S. 77). Bei diesem Milieu ist die Frage nach der Bemessung des Wohlstandes also besonders wichtig. Der bürgerliche Mainstream ist verunsichert. „Einerseits sind sie davon überzeugt, dass ein endlos fortgesetztes wirtschaftliches Wachstum unmöglich ist. Andererseits: Ohne ausreichende Wachstumsraten, so haben sie es gelernt, drohen Wirtschaftskrisen und sozioökonomische Verwerfungen. So stellen sie sich immer wieder die Frage, wie eine angemessene Lebensqualität erhalten werden kann, ohne dass Nachhaltigkeitsziele dem Bruttoinlandsprodukt untergeordnet werden müssen“ (S. 74). Bei den prekären Milieus ist eine paradoxe Situation zu erkennen. Zwar sind sie am stärksten von Mehrfachbelastungen wie Luftverschmutzung, Lärm etc. betroffen, aber trotzdem spielen Umweltthemen für sie eine nachgeordnete Rolle. Dies muss jedoch nicht zwangsläufig bedeuten, dass ständiges BIP-Wachstum an sich für sie alternativlos ist (S. 75f). Der Arbeitssoziologe Klaus Dörre fasst es gut zusammen wenn er sagt, dass es den Menschen nicht wichtig ist, dass der Kuchen wächst, sondern, dass er gerecht verteilt wird. Einzig die gehobenen Milieus fordern, dass Maßnahmen für den Umwelt- und Klimaschutz das wirtschaftliche Wachstum und die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nicht beeinträchtigen dürfen (S. 73).

Akzeptanz für Politiken, die mehr Wachstumsunabhängigkeit schaffen, scheint somit möglich zu sein.