Wissenschaft

Plattform Forschungswende

Forschung und Innovation für die Transformation

Foto: Plattform Forschungswende

Eine Wissenschafts- und Forschungslandschaft vom Typ „Business as usual“, die ausschließlich der kapitalistischen Wirtschaftsweise und den technologischen Wissenschaften in der Forschungs- und Innovationspolitik (F&I) folgt, vernachlässigt die Suche nach Strategien, die geeignet sind, den großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Klimawandel, soziale Ungleichheit und Ressourcenübernutzung angemessen zu begegnen. Die Plattform Forschungswende, ein Netzwerk großer Dachverbände aus dem Umwelt- und Naturschutz, Wohlfahrts- wie Entwicklungshilfeverbänden, versteht sich als Prototyp im Sinne einer Schnittstelle für mehr Empowerment und Capacity der organisierten Zivilgesellschaft in Forschung und Innovation.

In unserer Gesellschaft gilt der Grundsatz: Die Wissenschaft diene am besten dem Gemeinwohl, wenn sie völlig unbehelligt, nur ihrer Neugierde und ihrem Erkenntnisinteresse verpflichtet sei, oder wenn sie objektiv nach der Wahrheit suche. Diese ideale „republic of science“ (Polany 1962) ist jedoch schon immer ein Wunschtraum gewesen. Heute werden rund ein Drittel der Ausgaben in den Hochschulen über Drittmittel finanziert, Tendenz steigend. Staatliche Fördermittel belegen dabei Platz zwei direkt nach den Mitteln der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG). Europa zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum zu machen, ist das ausgesprochene Ziel milliardenschwerer Forschungsrahmenprogramme (FRP) auf europäischer Ebene. Auch hier sind die Forschungs- & Innovationsstrategien sehr eng mit den einflussreichsten europäischen Industrien über sogenannte Technologieplattformen und Public Privat Partnership (PPP) Programme abgestimmt. Im aktuellen Forschungsprogramm Horizon 2020 laufen einzelne PPP-Aktivitäten - wie z.B. der Ausbau der BioÖkonomie – ausschließlich unter der Führung der Industrie. Nicht weniger als 3,7 Mrd. Euro sollen so in „competition in the interantional bioeconomy race“ investiert werden.

Die Systemlogik der Wirtschaft orientiert sich im Kapitalismus an Gewinn, Konkurrenz und Markt. In dieser Logik treibt Wirtschaft die Suche nach der nächsten Innovation und damit Investitionsmöglichkeit an. Ob diese Innovation sozial- und umweltverträglich ist, spielt als eigenständiger Wert keine Rolle im ökonomischen System. In solchen Konstellationen liegt zumindest die Gefahr, dass sich Forschungspolitik mit einem Bias aufstellt.

Die Kritik der organisierten Zivilgesellschaft, dass die Forschungspolitik in Deutschland und der EU Partialinteressen folge und undemokratisch sei, wird daher lauter (Ober 2015). In einer pluralistischen Gesellschaft kann nicht eine privilegierte Akteursgruppe bestimmen, vielmehr müssen Interessen im politischen Alltag ausgehandelt werden. Vielfältige Akteure sollten ihre Erfahrungen, Interessen und Vorstellungen für eine soziale und ökologische Gestaltung der Gesellschaft einbringen können, auch Akteure, die zentralen Dogmen wie der Wachstumsorientierung widersprechen. De facto werden in der Forschungspolitik jedoch gewinnorientiertes Wirtschaften und eine technologiefixierte Wissenschaft privilegiert und soziale und ökologische Belange marginalisiert und geschwächt. Bereits ein  kurzer Blick auf die Forschungslandschaft macht deutlich, dass Postwachstums-Diskurse, die nach neuen ökonomischen Konzepten und Lebensstilen suchen, in den etablierten Strukturen der Forschung(spolitik) derzeit wenig Resonanz finden. Eine Möglichkeit, neue Themen in den Diskurs zu bringen, wäre die frühzeitige Einbindung relevanter zivilgesellschaftlicher Kräfte, die sich im Postwachstumsdiskurs engagieren, gemeinsam mit Wissenschaftseinrichtungen, die Postwachstum erforschen und postwachstumsorientierten Unternehmen.

Dazu müssten sich die Zivilgesellschaft ebenso wie nachhaltigkeitsorientierte Unternehmen und Wissenschaftsnetzwerke stärker als bislang in das FuE-System einbringen (können). Als unterstützende und wichtige Voraussetzung für das Engagement dieser neuen Akteure in einem unvertrauten System hat sich die Etablierung einer koordinierenden Schnittstelle erweisen. Die Plattform Forschungswende, ein Netzwerk großer Dachverbände aus dem Umwelt- und Naturschutz, Wohlfahrts- wie Entwicklungshilfeverbänden, versteht sich als Prototyp einer solchen Schnittstelle für mehr Empowerment und Capacity für die organisierte Zivilgesellschaft in Forschung und Innovation.