Transformationsmodelle

Wandel von der Zukunft her gestalten: Theorie U

Wie geschieht tiefgreifender Wandel, und wie können wir ihn begleiten? Wie finden wir angesichts aktueller Herausforderungen neue Lösungen jenseits eines ‚weiter so’, die das Wohl des Ganzen im Blick haben – sei es in großen gesellschaftlichen Fragen oder bei der Entwicklung eines neuen Projektes? Für solche Fragen bietet die Theorie U einen theoretischen Hintergrund, sowie konkrete praktische Schritte und Methoden.

Entwickelt wurde der Ansatz von Otto Scharmer und Kolleg*innen vom MIT aus zahlreichen Interviews mit Pionier*innen des Wandels (change agents) und hat Wurzeln u.a. in der Aktionsforschung zu Organisationen, östlichen Achtsamkeitstraditionen und Goethes Vision einer ganzheitlichen Wissenschaft.

Im Gegensatz zu den uns gewohnten Denkmustern von Zielsetzung und Meilensteinen, um von Situation ‚A’ zu ‚B’ zu gelangen, ist der Ausgangspunkt hier: Eine wirklich neue Situation können wir im Status Quo gar nicht denken, ohne diesen erst einmal zu verlassen. Wir müssen ‚A’ vergessen, bevor wir auf neue Ideen kommen können, die jenseits von ‚B’ liegen. ‚B’ wäre ohnehin nur der nächste Buchstabe im gleichen Alphabet.

 Dazu beschreibt Otto Scharmer folgende Schritte:

  1. Entdecken der (gemeinsamen) Intention (co-initiating). Fragen „Warum sind wir unterwegs?“ „Welche Aufgabe ‚ruft’ mich, ‚ruft’ uns?“ „Wer noch sollte Teil dieser Unternehmung sein?“
  2. (Gemeinsames) Erkunden und Eintauchen in das zu verändernde System (co-sensing). Was ist schon alles da? Sammlung von Daten, Informationen, Perspektiven auf die Situation – dabei sind vor allem die ‚Ränder’ des Systems besonders reich an Lernmöglichkeiten!
  3. Reflektieren, Loslassen und Innehalten (co-inspiring): das höchste Potenzial der Situation erspüren (Scharmer nennt dies „presencing“, eine Wortschöpfung aus präsent sein und „sensing“=erspüren)
  4. Neue Ideen auftauchen und wachsen lassen (co-creating). Hier geht es darum, sehr konkret zu sein und gleichzeitig neuen Ideen den Raum zu geben, den sie brauchen. Als Prototypen werden diese Ideen getestet und weiterentwickelt. Nicht Fehlerlosigkeit, sondern schnelles Lernen steht im Mittelpunkt.
  5. Was sich solchermaßen bewährt hat, wird verstetigt und an anderen Orten und Ebenen weiter verfeinert (co-evolving). Hierbei handelt es sich nicht um das klassische ‚upscaling  – vielmehr werden Mikro-, Meso- und Makro-Ebenen verbunden, das Neue aus Sicht des Ganzen weiterentwickelt.

Diese Schritte bilden eine U-Form (siehe Grafik), die sowohl das Eintauchen in ein Themenfeld als auch den inneren Prozess der Beteiligten symbolisieren soll: „Der Erfolg einer Intervention gründet in der inneren Verfasstheit des Intervenierenden”, formuliert Bill O’Brien. Diese innere Verfasstheit oder „Struktur unserer Aufmerksamkeit“, wie Otto Scharmer sagt, ist zugleich blinder Fleck und stärkster Hebelpunkt für Veränderungen.

Erkennen und gut üben lässt sich diese innere Verfasstheit am Zuhören: Die Theorie U beschreibt vier Ebenen des Zuhörens bzw. der Aufmerksamkeit, die sich in unseren Gesprächen, aber auch in unseren Organisationen auf Mikro- Meso- und Makro-Ebene widerspiegeln, und die radikal verschiedene Ergebnisse dieser Gespräche bewirken. Wie kann ich mich beispielsweise auf der 4. Ebene des Zuhörens, nicht nur von meiner eigenen Perspektive lösen und mich auf andere Sichtweisen einlassen, sondern mich mit dem Potenzial der Situation verbinden, um einer neuen, im Entstehen begriffenen Zukunft Raum zu geben? Solchermaßen ‚generatives’ Zuhören bedeutet loslassen eigener Vorstellungen und Konzepte und die Überwindung der Angst vor der Leere und dem Nicht-Wissen.

Mit verschiedenen solcher Praktiken können wir mehr mit Verständnis für das Ganze handeln und vom ‘Ego-System-Bewusstsein’, aus dem die Krisensymptome unserer Zeit entstehen, zu einem 'Öko-System-Bewusstsein' gelangen. Natürlich gibt es auch detaillierte und ganz konkrete Methodenbeschreibungen, um die hier beschriebenen Prozess zu unterstützen. Vieles dazu ist auf auf der Seite www.presencing.org zu finden. Dort findet sich auch ein Theory U online Kurs (U.Lab), der im September 2017 zum 4. Mal beginnt.

 


Henrike Lindemann und Benjamin Kafka sind Gründer*innen von Impuls, der Agentur für angewandte Utopien in Berlin. Impuls begleitet Gruppen aller Art in Entwicklungs- und Transformationsprozessen.