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Videodokumentation: DNR-Tagung "Nur unter Wachstumsvorbehalt?!"

Tagung am 11.12.2017 in Berlin

„Die Beweislast umdrehen“ – so nennt es Maja Göpel, Geschäftsführerin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in ihrer Keynote zur DNR-Tagung „Nur unter Wachstumsvorbehalt?!“. Mit dieser Strategie sollte auch die organisierte Zivilgesellschaft die Themen Wachstumskritik und den notwendigen Wandel des Wirtschaftssystems als Teil der Transformation in Zukunft mutig vorantreiben. Dies wurde bei allen Inputs, Workshops und Diskussionen der DNR-Tagung den mehr als 80 Teilnehmer*innen mehr als deutlich vor Augen geführt.

Der Status Quo sieht den Schutz von Umwelt und Natur „nur unter Wachstumsvorbehalt“ als legitim an. Die Zustimmung zu einer ökologisch oder sozial relevanten Gesetzesvorlage wird mit einer Rückfalloption versehen, falls diese das BIP-Wachstum hindert. Akteure, die diese Argumentationshirarchie in Frage stellen und tatsächlichen systemische Veränderung erreichen wollen, müssen sich dafür rechtfertigen und bereits genaue Blaupausen, Analysen, Konzepte für das „neue System“ vorlegen können.

Die Frage sollte jedoch zurückgeworfen werden. Wie stellen die Vertreter*innen des aktuellen Wachstumssystems sich vor, wie es damit weitergehen soll? Denn die sogenannte absolute Entkopplung – also das voneinander Loslösen von Umweltverbrauch (Ressourcen, Land/ Boden etc.) und Wirtschaftswachstum – ist nicht möglich.

Auf der Tagung wurde vor allem die bisher unterbelichtete sozialpolitische Perspektive genauer betrachtet: Welche Versprechen, in sozialpolitischer Hinsicht, hält das Wachstumsmodell? Werden die Ziele, die wir von einem die Gesellschaft tragenden System erwarten, tatsächlich erfüllt? Ziele wie Gerechtigkeit und gerechte Verteilung? Soziale Stabilität und Zusammenhalt? Physische und psychische Gesundheit? Gute und sichere Arbeit? Internationale Solidarität?

Das Gegenteil ist der Fall: Anhaltende Massenarbeitslosigkeit und gravierende wirtschaftliche Diskrepanzen in der Europäischen Währungsunion, für die Deutschland einen Großteil der Verantwortung trägt. Ein nicht mehr funktionierendes Rentensystem, enorme Ungleichheit, Altersarmut, Kinderarmut, ein wachsender Niedriglohnsektor, immer weniger unbefristete und gut bezahlte Jobs, marode Infrastruktur, klamme Kommunen, überbordende Spekulation eines außer Kontrolle geratenen Finanzsektors, sinkende Investitionen der Unternehmen trotz blendender Gewinnsituation und viele ungelöste ökologische Aufgaben.

Wem nutzt das Wachstum also tatsächlich? Wie können wir die Debatte strategisch wenden?

Hier finden Sie das komplette Programm der Veranstaltung und die Videoplayliste der Vorträge.

A. Die ökologische Seite der Wachstumskritik

Nach der inspirierenden Keynote von Maja Göpel (WGBU) betrachtete Tilman Santarius vom IÖW die Wachstumsdebatte aus ökologischer Perspektive, indem er den Entkopplungsmythos und das Phänomen der Rebound-Effekte darstellte. In drei Themenworkshops (zu Ressourcen, Energie und Mobilität) konnten die Teilnehmer*innen mit Expert*innen die unterschiedliche Themenfelder hinsichtlich dieser Herausforderung durchleuchten.

Keynote "Wirtschaftswandel für Zukunftsgerechtigkeit" von Dr. Maja Göpel, Generalsekretärin des WBGU (Powerpoint)

Input „Die Grenzen der Effizienz – Wirtschaftswachstum, Umweltverbrauch und der Rebound-Effekt" von Dr. Tilman Santarius, IÖW

Warum Suffizienz notwendig ist: Workshops zu unterschiedlichen Politikfeldern (Ein Foto der zentralen Aussagen des Workshops kann hier heruntergeladen werden)

  • „Transformation des Energiebedarfs: Energiesuffizienz“ mit Meike Spitzner, Wuppertal Institut (Powerpoint)
  • „Nicht ohne Suffizienz! – Demokratische und global gerechte Rohstoffpolitik“ mit Daniel Hiß, DNR (Powerpoint)
  • „Verkehrswende: Mehr Mobilität – mit weniger Verkehr“ mit Jens Hilgenberg und Christine Wenzl, BUND (Tischvorlage für die Diskussion der Teilnehmer*innen)

B. Die soziale Seite der Wachstumskritik

Die sozialpolitische Legitimität der auf Wachstum fixierten Wirtschaftspolitik unterzog Birgit Mahnkopf (HTW) einer spannenden Analyse. Im Anschluss wurden auch hier mit Expert*innen unterschiedliche sozialpolitische Felder (Arbeit, Verteilung und Care-Debatte) in den Blick genommen.

Input "Wachstum wofür? Brauchen wir Wirtschaftswachstum für gute Arbeit, soziale Sicherheit und eine gerechte Verteilung?" von Prof. Dr. Birgit Mahnkopf, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (Powerpoint

Workshops zu unterschiedlichen sozialpolitischen Feldern (Ein Foto der zentralen Aussagen des Workshops kann hier heruntergeladen werden)

  • „Wachstum und Arbeitsmarkt“ mit Dr. Steffen Lange, IÖW (Powerpoint)
  • „Ungleichgewicht von Reproduktion und Produktion: Debatten um SorgeArbeit und Wachstumskritik“ mit Corinna Dengler, Universität Vechta
  • „Wachstum und die Verteilungfrage“ mit Dr. Martin Fritz, Universität Bielefeld (Powerpoint)

C. Genug der Informationen – Kapazitäten, Strategien, Politiken jetzt!

Ein weiterer Teil der Tagung nahm die existierende gute Praxis aus etablierten Organisationen der Entwicklungs- und Umweltszene in den Blick. Greenpeace und Oxfam stellten vor, wie sie derzeit daran arbeiten, das Thema Wachstumskritik bei sich zu verankern. Das Netzwerk des Smart CSOs Lab und die Zivile Enquete Wohlstand, Wachstum Lebensqualität wurden vorgestellt. Bei beiden handelt es sich um Netzwerke, in denen sich Akteure der Zivilgesellschaft zusammentun, um tiefgreifenden Wandel in der Arbeit ihrer Organisationen zu erreichen.

Zur Abrundung der Thematik wurde innerhalb des Abendprogramms die Diskursebene rund um den Wachstumsmythos betrachtet sowie Rolle und Möglichkeiten der Zivilgesellschaft besprochen. Manuel Rivera vom IASS stellte Ergebnisse aus der Forschung zur Wachstumsfrage innerhalb der Mitglieder des Bundestages und aus einer Analyse zum Wirtschaftsjournalismus vor. Auf dem Abschlusspodium diskutierten Vertreter*innen aus Umwelt- und Entwicklungsszene die Notwendigkeiten, die sich aus dieser Gemengelage für ihre Arbeit ergeben.

Kurze Vorstellung: Kapazität für den Wandel - Organisationsentwicklung und Vernetzung mit

  • Greenpeace, vorgestellt von David Pertersen (Powerpoint)
  • Oxfam, vorgestellt von Ellen Ehmke
  • Smart CSOS Lab, vorgestellt von Rui Montez (Fairbindung e.V.) (Powerpoint)
  • Zivile Enquete Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität, vorgestellt von Elena Hofmann (DNR) (Powerpoint)

Input „Das Wachstumsparadigma in Politik und Medien: Warum und wie es sich gegen Kritik immunisiert“ von Dr. Manuel Rivera, Institute for Advanced Sustainability Science (Powerpoint)

Podium zur strategischen Diskussion: Gerechtigkeit und Umweltschutz auf Makroebene – NGOs und das Wirtschaftssystem mit Anna Cavazzini (Brot für die Welt), Stefan Krug (Greenpeace), Dr. Manuel Rivera (Institute for Advanced Sustainability Science) und Prof. Dr. Herman Ott (DNR), moderiert von Theresa Klostermeyer (DNR)