Archiv

DNR Workshops bei der Degrowth-Konferenz

Fotos: Thomas Victor, Klimagerechtigkeit Leipzig

Vom 2.-6. September 2014 fand in Leipzig die vierte Internationale Degrowth-Konferenz für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit statt. Die Konferenz befasste sich mit Konzepten alternativer Ökonomien und Gesellschaftsformen, die die Grenzen unserer Ressourcen und die Gleichberechtigung aller Menschen berücksichtigt. Das Generationengerechtigkeits-Projekt des Deutschen Naturschutzrings war hier zusammen mit dem Forum Umwelt und Entwicklung mit drei Workshops vertreten. Es ging dabei grundsätzlich um die Rolle der Umwelt- und Entwicklungsorganisationen in der Postwachstums-Bewegung. Analyse und Networking standen im Vordergrund: Warum tun sich die etablierten Verbände mit der Wachstums-Debatte so schwer? 
Wie könnte dies geändert werden? Beim Analyse-Workshop diskutierten wir mit Angelika Zahrnt (BUND), Kai Niebert (Naturfreunde und DNR), Georg Stoll (Misereor) und Christian Cray (VEN) über die Schwierigkeiten und Potenziale. Auch in den Networking-Workshops tauschten sich die TeilnehmerInnen darüber aus, was ihnen bei ihrer Arbeit fehlt und was sie hemmt, um das Thema Wachstum stärker in den Fokus zu nehmen und was es für Chancen gibt, dies zu ändern.

Lesen sie hier mehr zu den Ergebnissen des Workshop in einem Artikel von Theresa Klostermeyer und Marie-Luise Abshagen:

Fragend gehen wir voran!

Foto: Thomas Victor, Klimagerechtigkeit Leipzig

Was bedeutet Degrowth eigentlich? Die OrganisatorInnen der Konferenz beschreiben es so: „Unter ‚Degrowth‘ verstehen wir eine Verringerung von Produktion und Konsum in den frühindustrialisierten Staaten, die menschliches Wohlergehen, die ökologischen Bedingungen und die Gleichheit auf diesem Planeten fördert. Ziel ist eine Gesellschaft, in der Menschen mit Rücksicht auf ökologische Grenzen in offenen, vernetzten und regional verankerten Ökonomien leben. […] Degrowth stellt nicht nur das Bruttoinlandsprodukt als zentralen Politikmaßstab in Frage, sondern beschreibt darüber hinaus Wege für eine radikalen Wandel unseres Wirtschaftssystems, damit mehr Raum ist für menschliche Kooperation und resiliente Ökosysteme.“[1] Eine Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft, hin zu einem System, das ohne den Zwang zu wachsen zu mehr sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und Wohlbefinden führt.

Warum tun sich Umwelt- und Entwicklungsverbände so schwer?

Auf den ersten Blick scheinen die Vorteile auf der Hand zu liegen, die eine Abkehr vom Wachstumszwang für die Forderungen und Ziele der Umwelt- und Entwicklungs-Akteure mit sich bringen. Die Arbeit der Umwelt- und Entwicklungsverbände entsteht häufig erst durch die alles in den Schatten stellende Wachstumslogik in den Industrieländern und den damit verbundenen Konsequenzen, während gleichzeitig die Ergebnisse ihrer Arbeit immer wieder torpediert werden. Und dennoch: Zwar existieren viele kleine und große Projekte, die eine sozial-ökologische Transformation begleiten und unterstützen, eine dezidierte Wachstumskritik taucht nur sehr selten auf in Projekten, Kampagnen und Forschung. Warum also tun sich die Umwelt- und Entwicklungsorganisationen nach wie vor so schwer, die Wachstumsdebatte intensiv mitzuführen oder gar anzuheizen?

Woran liegt es?

Zum einen gibt es sehr unterschiedliche Verbandstraditionen und Herangehensweisen an Themen innerhalb der Verbändelandschaft. Die Umweltverbände ihrerseits sind nicht dezidiert aus der Auseinandersetzung mit der Wachstumsdebatte entstanden. Die Bewahrung der Natur und die Schonung der Ressourcen, im Sinne der Einhaltung der planetaren Grenzen, schienen lange als ausreichendes Ziel ihrer Arbeit. Die Erkenntnis, dass die Mechanismen und vermeintlichen „Zwänge“ des Wirtschaftssystems im Globalen Norden mit diesen Zielen langfristig nicht vereinbar sind und dass dem zum Trotz die Pro-Wachstums-Argumente immer die gewichtigeren blieben, etabliert sich erst nach und nach. Die Entwicklungsverbände wiederum konzentrierten sich lange primär auf die Bekämpfung von Hunger und Armut in Ländern des Globalen Südens, und sahen erst später, wie notwendig dazu auch die Beschäftigung mit der Wirtschaftspolitik im eigenen Land ist (Stichwort: Entwicklungszusammenarbeit beginnt im Globalen Norden). Beeinflusst wird die Wachstumsdebatte im Entwicklungsbereich zudem von Stimmen aus dem Globalen Süden, die die Wachstumsdebatte im Norden zum Teil auch als Bedrohung ihrer Produktion und Arbeitsplätze sehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt scheint für die Verbände die Frage der Glaubwürdigkeit. Denn auch Verbände brauchen finanzielle Förderung und streben ein Mitgliederwachstum an. Außerdem herrscht oft ein Widerspruch zwischen dem eigenen Verhalten und dem Verhalten des Verbandes und dessen Forderungen. Auch der Kontakt zu Politik, für Lobbyarbeit so wichtig, birgt das Risiko der Vereinnahmung und der Bedeutungsminderung der eigentlichen Forderung. Ein Negativbeispiel bietet hier der mittlerweile inflationär gebrauchte Begriff der „Nachhaltigkeit“, dessen Tragweite durch die verbreitete Nutzung stark gelitten hat.

An dieser Stelle knüpft auch das Problem der unzureichenden Verankerung des Wachstumsthemas in der Gesellschaft an. Während einerseits Verbände als ein „Spiegelbild der Gesellschaft“ fungieren, sehen sie sich gerade bei der kritischen Auseinandersetzung mit Wachstum mit der Herausforderung konfrontiert, diese im täglichen Leben und Politik zu verankern. Und zwangsläufig beruhen Verbänden auf der Rückkopplung mit ihren Mitgliedern. Wenn bestimmte Themen hier keinen Raum haben, kann ein Verband nur schwer in jene Richtung steuern. Schließlich bleibt die Wachstumsdebatte ein kompliziertes, weil häufig auch abstraktes Feld, das viel Expertise verlangt, die wiederum auf eine auch für Laien verständliche Ebene runtergebrochen werden muss. Beides bietet für Verbände eine enorme Herausforderung. Vor allem ist es nie leicht Inhalte zu bearbeiten, für die noch niemand praktische, umfassende Lösungen parat hat, oder sich zu äußern, ohne fertige Alternativen vorlegen zu können.

Und doch – Es kann gelingen

Die Erkenntnis, dass die weiter an Wirtschaftswachstum ausgerichtete Grundstrategie für die Lebenswelt sowohl zwischen den heute lebenden Generationen als auch für zukünftige Generationen nicht tragbar ist, steht fest. Man kann sich aber offensichtlich nicht auf der „na wir schrumpfen sowieso“-Hoffnung ausruhen, denn leider ist weiterhin für ALLE wichtigen politischen Entscheidungen, mit ihren weitreichenden Konsequenzen, die Wachstumsargumentation jene, die gewinnt. 

Auf der Basis dessen, dass eigentlich kein Thema, kein Arbeitskontext, um die Auseinandersetzung mit der Wachstumsfrage herum kommt, keine AkteurIn glauben darf, dass diese nichts mit der eigenen Arbeit zu tun hat, muss die Frage stärker in die Debatten der unterschiedlichen Verbände getragen werden. Effektiv kann dies nur über eine Zusammenarbeit der Akteure aus der umwelt-, entwicklungs- und auch der sozialpolitischen Szene geschehen, nicht zuletzt, um einer analytischen beziehungsweise inhaltlichen Überforderung entgegenzuwirken. Fragen wie: „Wie können wir Akteure aus anderen Gesellschaftsschichten oder anderen Ländern einbeziehen?“, „Welche Konsequenzen hat ein anderes Verständnis von Arbeit und Wohlstand für eine gerechtes Miteinander?“ können nur gemeinsam gelöst werden. Denn es gilt, die Wachstumskritik mit anderen Themen wie Arbeit, Geldsystem, Ernährung, Gesundheit und vielem mehr zu verknüpfen. In Kooperation mit den jeweiligen SpezialistInnen, im Sinne einer Aufteilung der Kompetenzen, kann eine Verbreitung des Problembewusstseins und die damit einhergehende, kooperative und transdisziplinäre Suche nach neuen Wegen, nach Geschichten des Gelingens, vor allem eine Ausweitung der Allianzen erreicht werden, die es schaffen, sich auch politisch der derzeit übergroßen Macht von Wirtschafts- und Finanz-Lobbyinteressen entgegenzustellen.

Es muss dabei nicht zuletzt gemeinschaftlich auch der breiten Bevölkerung klar gemacht werden, dass man sich auf den Weg machen und von alten und liebgewonnenen Illusionen trennen muss. Um diese Feststellung zu erleichtern, muss gezeigt werden, dass die Wachstumsraten ohnehin stagnieren, es keine Alternative gibt und Wachstum schon heute nicht mehr zu mehr Wohlstand führt. Bei vielen Menschen, gerade bei der Wirtschaftswundergeneration, ist dies zu Recht-wenn man nur auf den Wohlstand des globalen Nordens achtet – natürlich noch fest in den Köpfen verankert.

Verantwortung der Verbände

Die Umweltbewegung spielt bei all diesen Herausforderungen eine zentrale Rolle, da sie wahrscheinlich der erste und vielleicht einzige Bereich ist, in dem die Alternativlosigkeit in der Abwendung vom Wachstumszwang derart klar zu Tage tritt. So kann sie die ersten Schritte für die Sensibilisierungsarbeit der anderen Felder in Angriff nehmen. Nicht zuletzt hierfür ist es mehr als notwendig, sich von „Erhaltungsbedürfnis und Beruhigungspille Green Growth“ zu emanzipieren, das heißt, nicht länger auf die Problemlösung durch zukünftige Technologien oder Innovationen zu setzen.

Auch die Entwicklungszusammenarbeit ist hier oft schon auf einem guten Weg. Sie hat in Teilen erkannt, dass ihre Arbeit häufig eine Sisyphos-Tragödie ist, mit weiter wachsenden und verschlingenden Industrieländern und der Übertragung derer Ideologie auf die Schwellenländer. Es gilt, die unterschiedlichen Implikationen mit Feingefühl und unbedingt in Zusammenarbeit mit den Menschen im Globalen Süden auszutarieren und nach Strategien zu suchen, die Wohlstandszuwachs ermöglichen, ohne ein paar Städte weiter katastrophale Konsequenzen hervorzurufen. Betrachtet man die aktuellen globalen Mechanismen, sieht man schon heute, dass viele „Entwicklungen“ bei einem Großteil der Bevölkerung nie ankommen. Wieso also nicht über revolutionär andere Strategien nachdenken. Das Konzept des „buen vivir“, des schönen Lebens, wie es in Lateinamerika verbreitet ist, bietet hier inspirierende Ansätze. Es muss also der Mut aufgebracht werden, sich auch ohne fertige Lösungen auf den Weg zu machen. Auf einen Weg, der jedoch zudem auch als größte Chance für mehr Gerechtigkeit verstanden werden kann.