Drei Fragen an Helmut Röscheisen

Was verbindet Sie mit dem DNR und was waren Ihre kuriosesten Erlebnisse im DNR?

Wer - wie ich - sein ganzes Berufsleben in einer Institution, dem DNR, verbracht hat, kann nicht nur einiges erzählen, sondern hat während dieser 35 Jahre eine intensive Beziehung zum DNR entwickelt. Von daher kann es nur gut sein, die Dinge mit ausreichend zeitlichem Abstand nochmals Revue passieren zu lassen.

Prägend war die Anfangsphase und die enge vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem langjährigen Vize-Präsidenten des DNR, Prof. Reinhard Sander, der mich letztlich als damaligen Geschäftsführer eingestellt hat. Mit diesem fortschrittlichen hessischen Sozialdemokraten, der einer der Sprecher der Bürgerinitiative gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens war, verband mich eine lebenslange Freundschaft, verbunden mit jährlichen Familienaufenthalten und Bergwanderungen auf der Verpeilhütte, die von der Frankfurter Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) betrieben wurde. Reinhard Sander war zu dieser Zeit auch Vorsitzender des DAV.

Als vollbärtiger, friedensbewegter, atomkritischer und tatendurstiger Geschäftsführer wurde ich von einigen Mitgliedsverbänden kritisch beäugt und sogar bekämpft. In den Anfangsjahren konnte der DNR auch seinem Anspruch als Dachverband der Naturschutzverbände wegen der Einflussnahme naturnutzender Organisationen, wie dem finanzkräftigen Deutschen Jagdschutzverband (heute: Deutscher Jagdverband), oft nicht gerecht werden. Die Gründung des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) 1975 war die logische Folge. Von daher ist nur konsequent, wenn ich heute im Kölner Kreisverband des BUND versuche, meine Vorstellungen für eine nachhaltige Stadtentwicklung voranzutreiben.

Nach dem Ausscheiden von Reinhard Sander aus dem Präsidium des DNR war für mich die enge Kooperation und lebenslange Freundschaft zum späteren Vize-Präsidenten des DNR, Albert Lippert, wichtig. Albert Lippert setzte sich erfolgreich für die Belange des Naturschutzes in den Reihen der Wanderverbände ein.

"Als kurioses Erlebnis kann ich das vom damaligen Umweltminister Prof. Klaus Töpfer mir erteilte zeitweilige Hausverbot im Bundesumweltministerium (BMU) anführen. Vorausgegangen war meine Kritik am damaligen Referatsleiter für Artenschutz im BMU, der die Anforderungen beim Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten des Washingtoner Artenschutzabkommens allzu lax angewandt hatte."

Dr. Helmut Röscheisen

Was waren aus Ihrer Sicht die größten Erfolge des DNR für den Natur-, Tier- und Umweltschutz?

Da die Vermeidung von Kriegen für mich eine der wichtigsten Aufgaben ist, stelle ich die Mitorganisation des DNR bei einer der größten Kundgebungen in Deutschland 1991 im Bonner Hofgarten mit über 300.000 Teilnehmern gegen den Golfkrieg besonders heraus. Einer der Redner war der damalige DNR-Präsident Prof. Wolfgang Engelhardt. In der Frühphase des DNR war die Aufnahme des Naturschutzes in den Schulunterricht sehr sinnvoll. Besonders zu erwähnen sind der Kongress zur Entwicklungspolitik 1983, der die Umweltverträglichkeitsprüfung in diesem Sektor einführte. Drei Jahre später kam es in Würzburg zum 1. Deutschen Umwelttag. 1986 wurde außerdem der alternative Verkehrsclub VCD gegründet. Ein wichtiger Meilenstein gegen die Zerstörung des Alpenraums war die Erstellung einer Bilanz Umweltpolitik in den Alpen zusammen mit der CIPRA, Grundlage für die spätere Alpenkonvention.

"Unvergesslich bleiben für mich die erheblichen Anstrengungen zur Einführung des gesamtdeutschen Grünen Runden Tisches mit Matthias Platzeck und Klaus Schlüter und die großen gesamtdeutschen Naturschutztreffen 1990 in Berlin und dem späteren Kongress ökologisches Wirtschaften in Leipzig."

Dr. Helmut Röscheisen

Für die Umsetzung der Rio-Konventionen ist und war die Gründung des „Forums Umwelt und Entwicklung“ von großer Bedeutung und auch die Erste Umwelterfindermesse „econova“ 1994 in Hannover bleibt positiv in Erinnerung. Mit heftigen innerverbandlichen Auseinandersetzungen verbunden waren die Initiativen zur Reform des Bundesjagdgesetzes sowie die Erstellung von Leitbildern für einen natur- und landschaftsverträglichen Sport. Ohne die DNR-Kampagne „Ökologische Steuerreform“ gäbe es ihre - leider nur sehr zaghafte - Einführung in Deutschland vermutlich nicht. Und nicht zuletzt sind da die Bemühungen der DNR, Alternativen zum Dogma Wirtschaftswachstum aufzuzeigen. Bleibt zum Schluss, die Nachwuchsförderung in Form der Zukunftspiloten herauszustellen.

Was wünschen Sie dem DNR für die nächsten 70 Jahre?

Die erfolgreiche Auseinandersetzung in der Wachstumsdebatte, die gezielte Förderung, um die Anzahl tatsächlich aktiver Menschen in den Umweltverbänden zu steigern, mehr Transparenz auf allen Ebenen, eine stärkere Integration von Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter und solchen mit Migrationshintergrund und natürlich die Unterstützung der Nachwuchsarbeit. Ein Blick über den Tellerrand und zur Unterstützung der Bemühungen, die außergewöhnlich große biologische Vielfalt in den Westbalkanstaaten zu erhalten, wäre besonders verdienstvoll.