Wie Ernährung die Natur entlastet

Die Wissenschaft ist sich einig, dass unsere Ernährung nachhaltiger werden muss. Doch in der Praxis hapert es an der Umsetzung. Ein Dilemma. Für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem braucht es ein geschicktes Zusammenspiel von politischen Vorgaben und Appellen an die Eigenverantwortung. Unsere Gastautorin plädiert für eine Allianz aus Politik und Recht plus Maßnahmen, die Ernährungskompetenz fördern und Menschen motivieren. Eine Schlüsselrolle spielen dabei Betriebsgastronomie und Supermarkt.
Unser Ernährungssystem verursacht fast ein Viertel der deutschen Treibhausgas-Emissionen. Die tierische Landwirtschaft ist dabei maßgeblich für die landwirtschaftlichen Emissionen verantwortlich – und beansprucht allein 60 Prozent der Agrarflächen für den Anbau von Futtermitteln. Pflanzenbetonte Ernährung wie die Planetary Health Diet kann dagegen Emissionen um bis zu 80 Prozent und Landnutzung um bis zu 25 Prozent senken.
Eine nachhaltige Ernährung ist damit eines der wirkungsvollsten Instrumente für den Natur- und Klimaschutz. Sie sichert unsere ökologische Lebensgrundlage und stärkt zugleich die gesundheitliche Prävention. Um diese Chance wirksam zu nutzen, reicht Wissen allein nicht aus. Wir müssen Bedingungen schaffen, die es den Menschen im Alltag ganz praktisch ermöglichen, nachhaltige und gesunde Entscheidungen einfach und intuitiv zu treffen.
Der Hebel liegt in der Umgebung
Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die Umgebung, in der wir täglich über unsere Ernährung entscheiden, etwa das Betriebsrestaurant oder der Supermarkt. Wird das pflanzliche Angebot hier größer, besser erkennbar und attraktiver, dann verändert sich ein gesamtes System, mit nachhaltiger Wirkung.
Das lässt sich zum Beispiel in der Gemeinschaftsverpflegung und im Lebensmitteleinzelhandel beobachten: Das Verpflegungsangebot in Betriebsrestaurants und öffentlichen Kantinen fördert pflanzliche Ernährung bereits aktiv. Caterer berichten dabei besonders transparent über Fortschritte. Die Nachfrage nach pflanzlichen Alternativen wird wachsen, prognostizieren acht von zehn Betrieben – und fordern von den Herstellern passendere Großgebinde bei Alternativprodukten.

Auch Qualitätssiegel wie das V-Label sind eine wertvolle Entscheidungshilfe. Allein in Deutschland bieten rund 13.000 lizenzierte Produkte klare Orientierung, welche Rezepturen pflanzlich sind. Zudem haben große Handelsketten ihre Einstiegspreise fürs pflanzliche Sortiment größtenteils gesenkt. Kund*innen können gegenüber einem Korb mit tierischen Vergleichsprodukten so im Schnitt fünf Prozent beim pflanzlichen Einkauf sparen. Laut YouGov wuchsen die Umsätze bei Fleischalternativen im letzten Jahr um 3,6 Prozent, bei pflanzlichen Milch- und Joghurtalternativen sogar um 13,4 Prozent.
Doch es gibt auch Beispiele dafür, dass die Politik gegen nachhaltigere Ernährungsumgebungen arbeitet: Die EU diskutiert gerade ein Verbot fleischähnlicher Bezeichnungen für Alternativprodukte. Verbraucher*innen könnten dann die Verwendung einer Fleischalternative nicht mehr an der Bezeichnung erkennen und verlören eine wichtige Orientierungsstütze.
Bildung braucht Angebot
Ein zweiter entscheidender Hebel sind die Menschen selbst: Für Sensibilität, Aufmerksamkeit und Interesse bei den Verbraucher*innen sorgen Ernährungsbildung und Kampagnen. Die Wissenschaft fordert, dass Ernährung zur Grundbildung gehört. Doch eine Studie des Bundeslandwirtschaftsministeriums hat schon 2019 gezeigt: In Deutschland gibt es bislang keine flächendeckende Ernährungsbildung. Der Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ des Deutschen Bundestags hat 2024 daher kostenfreies, gesundes Schulmittagessen für alle Kinder empfohlen: als „Lernort für Ernährung“.
Ein Beispiel für eine wirkungsvolle Kampagne ist der Veganuary, der das praktische Ausprobieren pflanzlicher Alternativen ins Zentrum stellt und sich auf eine wachsende Vielfalt der Produkte stützt. Im letzten Jahr haben weltweit mehr als 25 Millionen Menschen am Veganuary teilgenommen. Acht von zehn Teilnehmer*innen berichten, den Konsum von Tierprodukten um mindestens die Hälfte reduziert zu haben. Gleichzeitig senken Aktionswochen und Rabattaktionen im Handel die Hürde, neue Produkte einfach mal zu testen.
Pragmatismus statt Polarisierung
So schwindelerregend die Zahl von 25 Millionen Menschen auch klingt: Das Manko einer Kampagne ist ihre zeitliche Begrenzung. Nach dem Januar kommt der Februar. Ist die gesunde Wahl dann nicht weiterhin die einfachere, lassen sich neue Gewohnheiten nur schwer verankern. Ernährungsumgebungen, die im Alltag der Menschen ansetzen, sind daher ein entscheidendes Gegenstück: dauerhafte Strukturen, damit die im Januar erlernte gesunde Wahl auch langfristig die einfache Wahl bleibt.
Zugleich sollte sich der politische Diskurs von der Gegenüberstellung Tier versus Pflanze verabschieden. Viele Hersteller produzieren längst sowohl Tier- als auch Alternativprodukte. Auch im Alltag der meisten Verbraucher*innen existieren die Gegensatzpole nicht – knapp die Hälfte der Bevölkerung isst flexitarisch, mit abnehmenden tierischen Anteilen.
Entscheidend ist, dass wir Ernährungspolitik als das begreifen, was sie ist: Sicherheitspolitik für unsere Gesundheit und unsere ökologische Lebensgrundlage.
Die Autorin
Die Juristin Dr. Nina Wolff arbeitet als Politikexpertin bei der Ernährungsorganisation ProVeg. Die Gestaltung eines zukunftsfähigen Ernährungssystems mit rechtlichen und politischen Mitteln ist ihr ein Herzensanliegen.
Weitere Informationen
- Infoportal Food System Data: Zahlen und Fakten zum Ernährungssystem in Deutschland:
- Kampagnenbericht 2025 von Veganuary
- Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim Bundeslandwirtschaftsministerium: Gutachten über den Beitrag von Alternativprodukten für tierische Lebensmittel zu einem nachhaltigeren Ernährungssystem


