Naturschutz & Biodiversität

UN-Biodiversität: Das Versprechen, der Gipfel, ein neues Menschenrecht

01.10.2020

Zwei Tage vor dem UN-Biodiversitätsgipfel in New York haben am Montag mehr als 60 Regierungen sowie die EU versprochen, in den kommenden zehn Jahren mehr für den Schutz der biologischen Vielfalt zu tun. Die von ihnen unterzeichnete Leaders’ Pledge for Nature soll als ein starkes, gemeinsames Signal dienen. Die Welt müsse ihren Ehrgeiz verstärken, den Verlust der Natur bis 2030 zum Wohle von Mensch und Natur zu stoppen, umzukehren und zur Bekämpfung des Klimawandels beizutragen. Der Gipfel selbst endete ohne Abschlusserklärung.

Das Versprechen: Leaders' Pledge for Nature

Die unterzeichnenden Staaten stammen von fünf Kontinenten und repräsentieren etwa 1,4 Milliarden Menschen und ein Viertel des weltweiten Bruttoinlandsproduktes. Allerdings sind die USA, China oder Indien nicht dabei. In der Zusage Leaders' Pledge for Nature wird hervorgehoben, dass die voneinander abhängigen Krisen des Verlusts der biologischen Vielfalt, der Verschlechterung der Ökosysteme und des Klimawandels irreversible Schäden an unseren lebenserhaltenden Systemen verursachen, Armut und Ungleichheiten verschlimmern und das Risiko künftiger Zoonosepandemien erhöhen. Die Europäische Union ist ebenso mit dabei (EU-News 22.09.2020) wie viele ihrer Mitgliedstaaten, darunter Deutschland.

Ester Asin, Direktorin des WWF-Europabüros kommentierte: "Es ist ermutigend zu sehen, dass EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen und andere EU-Staats- und Regierungschefs das (..) Versprechen unterzeichnen und damit der biologischen Vielfalt endlich das Rampenlicht auf der globalen Bühne geben, das sie seit langem verdient hat. Jetzt muss von der Leyen zu ihrem Wort stehen und im EU-Haushalt Mittel für die biologische Vielfalt vorsehen, um einen wirklich grünen Aufschwung zu ermöglichen. Das heutige Versprechen muss mehr als nur eine Unterschrift sein, es muss der Punkt des Wandels für die biologische Vielfalt sein."

Monica Verbeek von Seas At Risk ergänzte: "Der planetare Notstand zeigt sich deutlich am Zustand unserer Ozeane, der Quelle allen Lebens auf der Erde, der größten Kohlenstoffsenke, die die Hälfte des Sauerstoffs liefert, den wir atmen, unserem planetarischen Lebenserhaltungssystem."

United Nations Summit on Biodiversity - nette Worte und das Finanzproblem

Der eigentliche UN-Biodiversitätsgipfel fand am 30. September im Rahmen der UN-Vollversammlung in New York und online statt. Sein Ziel war unter anderem die Aktivierung politischer Unterstützung, um 2021 einen neuen globalen Rahmen für den Schutz der biologischen Vielfalt im Rahmen des UN-Biodiversitätsabkommens (CBD) in China verabreden zu können, der ausreicht, um eine Trendwende im Artensterben einzuleiten. Bisher nämlich hat die Weltgemeinschaft kollektiv versagt, wie der fünfte Globale Umweltzustandsbericht zeigte (EU-News 16.09.2020).

UN-Generalsekretär António Guterres forderte (dpa/AFX via boerse.de), dass die Menschheit aufhören müsse, "einen Krieg gegen die Natur" zu führen. Der sich verschlechternde Zustand der Natur sei keine rein ökologische Frage. Sie umfasse auch Wirtschaft, Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte (UNEP-Pressemitteilung). "Die Vernachlässigung unserer wertvollen Ressourcen kann geopolitische Spannungen und Konflikte verschärfen. Doch allzu oft wird die Umweltgesundheit von anderen Regierungssektoren übersehen oder heruntergespielt", sagte Guterres.

Prince Charles forderte einen "Marshall Plan" oder einen "blau-grünen Wiederaufbauplan". Eine Videobotschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die eine "globale Trendwende" forderte (dpa via Greenpeace), hatte die Dialogrunde eingeläutet, in der Methoden debattiert wurden, wie Biodiversität in allen Lebens- und Politikbereichen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen werden kann. Schon fünf Tage vorher hatte Bundesumweltministerin Svenja Schulze verkündet, dass sie sich von dem Gipfel "neuen Schwung für den internationalen Schutz der Biodiversität, auch im Sinne der Pandemie-Prävention" erhofft.

"Nichts als nette Worte", kritisierte der WWF angesichts der Tatsache, dass es nicht einmal eine Abschlusserklärung gegeben hat. Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz bei WWF Deutschland kommentierte: "Der Verlust der biologischen Vielfalt ist dramatisch und eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit. Es ist ein gutes Zeichen, dass der UN-Gipfel trotz der Corona-Pandemie stattfindet. Aber statt Maßnahmen verbindlich festzuhalten, werden in New York nur große Reden geschwungen. Gerade mit Blick auf die 2021 stattfindende UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt in China muss sich etwas ändern: Wir brauchen mehr Verbindlichkeit zum Schutz der biologischen Vielfalt."

Immerhin: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller hat die Gründung eines internationalen Naturerbe-Fonds angekündigt, der eine nachhaltige Finanzierung für Naturschutzgebiete sicherstellen und bis Ende des Jahres stehen soll. Das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) arbeite daran gemeinsam mit der Weltnaturschutzunion IUCN, der UNESCO sowie Naturschutzorganisationen wie dem WWF und der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Der Fonds werde durch die Mischung von öffentlichen und privaten Geldern getragen und soll geförderte Naturschutzprojekte langfristig finanziell absichern. Diese Zusage war auch ein Beitrag zum parallel stattfindenden Nature Finance Forum (NFF) der Campaign for Nature. Dieser Zusammenschluss großer Umweltverbände verweist auf eine neue Studie, die die Kosten zur Überwindung der Biodiversitätskrise auf jährlich 700 Milliarden US-Dollar schätzt. Die ausreichende Finanzierung sei eine der größten Herausforderungen auf dem Weg zu einem ambitionierten und wirksamen Abkommen im Rahmen des nächsten Vertragsstaatentreffens zum Übereinkommen für biologische Vielfalt (CBD).

c. Tracie Willianes/Greenpeace

Greenpeace-Aktivist*innen hatten vor dem UN-Hauptquartier in New York lebensgroße Eisskulpturen von Donald Trump und Jair Bolsonaro schmelzen lassen. Denn obwohl die USA und Brasilien zu den Ländern mit der größten Artenvielfalt weltweit gehörten, heizten die Regierungen von Trump und Bolsonaro die Artenkrise mit ihrer Anti-Umwelt-Politik weiter an, kritisierte die Organisation. Greenpeace forderte im Rahmen des Biodiversitätsgipfels von Regierungen weltweit, dem globalen Artenschutz Top-Priorität einzuräumen.

Der BUND forderte die Bundesregierung auf, "sich tatkräftig für den globalen Schutz der Artenvielfalt und der Ökosysteme einzusetzen". Der BUND begrüßte das deutliche Bekenntnis zu einem ambitionierten Biodiversitätsschutz im Leaders' Pledge for Nature, das die Bundesregierung Anfang dieser Woche abgelegt hat. Die Organisation kritisierte aber, dass Bund und Länder in den vergangenen zehn Jahren "ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen zum Schutz der Artenvielfalt sträflich vernachlässigt haben". Der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt forderte außerdem den Stopp des Mercosur-Abkommens. Dieses würde die Zerstörung des Amazonas-Waldes weiter anheizen. Dafür sollte sich die Bundesregierung für die Verabschiedung eines effektiven Lieferkettengesetzes, das Umwelt- und Menschenrechte umfasst, stark machen. "Deutsche Konzerne müssen in ihren Lieferketten anerkannte Standards einhalten. Wir müssen endlich den Raubbau stoppen", sagte Bandt. [jg]

Das Versprechen:

Der Gipfel:

#1planet1right

Das Menschenrecht auf einen gesunden Planeten

Inzwischen über 100.000 Menschen weltweit haben die Petition #1planet1right unterschrieben und fordern, dass das Recht auf eine saubere, gesunde Umwelt zu einem universellen Menschenrecht gemacht wird. Im Menschenrechtsrat hatten fünf Mitgliedstaaten dieses Recht schon eingebracht, in der Hoffnung, dass es von der UN-Vollversammlung beschlossen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisationen WHO stehen 23 Prozent der weltweiten Todesfälle im Zusammenhang mit der Schädigung und Zerstörung unserer natürlichen Umwelt zusammen, Hunderte von Millionen Menschen litten an Krankheiten, die mit einer ungesunden und unnatürlichen Umwelt zusammenhängen. Der Klimawandel führe unmittelbar zu häufigeren und intensiveren Stürmen, Dürren, Waldbränden und einem Anstieg des Meeresspiegels, die wiederum das Leben von Milliarden von Menschen bedrohen. Die COVID-19-Pandemie habe ihre Wurzeln im Verlust von Lebensräumen und im illegalen Handel mit Wildtieren.

Zur Petition #1planet1right

www.1planet1right.org 

Europäisches Bündnis für Biodiversität

Der Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) ist Ende September dem Bündnis für Biodiversität der Europäischen Kommission beigetreten. Ziel dieser weltweiten Kampagne ist es, das Bewusstsein für die anhaltende Naturzerstörung, durch die unter anderem die Artenvielfalt immer stärker bedroht ist, zu erhöhen.

Pressemitteilung VdZ