Chemie & Nanotechnologie

Pestizid-Studie, Textilmarktüberwachung und Titandioxid

23.09.2021

c. Scheidegger | Pixabay

Das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) warnt vor Pestizidbelastung, die "bis ins Schlafzimmer" reicht. Der Startschuss für das REACH4textiles-Projekt ist gefallen. Nach Inkrafttreten der CLP-Verordnung hat die Europäische Chemikalienbehörde Leitlinien für Titandioxid veröffentlicht.

Pestizidalarm im Schlafzimmer – Studie deckt Belastung in Hausstaubproben auf

Eine Studie im Auftrag der Initiatoren der Europäischen Bürgerinitiative "Bienen und Bauern retten" zeigt, dass im Hausstaub von 21 EU-Ländern in ländlichen Gegenden Pestizidrückstände nachweisbar sind. Alle Proben seien mit durchschnittlich acht Pestiziden und maximal 23 Pestizidrückständen (Belgien) kontaminiert, berichtete das Pestizid Aktions-Netzwerk PAN Europe. Die Proben wurden auf 30 der 450 in der EU zugelassenen Pestizide getestet. Auch die österreichische Umweltorganisation Global 2000 war beteiligt.

Pestizide, die laut EU-Behörden im Verdacht stehen, bei Menschen Krebs zu erzeugen, seien in jeder vierten Probe nachweisbar gewesen. Und ausgerechnet Pestizide, die im Verdacht stehen, die menschliche Fortpflanzung zu schädigen, wurden in 17 der 21 Schlafzimmerproben (81 Prozent) gefunden. Doch wie kommen die Giftstoffe bis ins Schlafzimmer? Durch das Versprühen von Pestiziden gelangen bestimmte Mengen davon in die Luft und werden durch den Wind auch in Wohngebiete getragen. Die Gefährdung durch ein höheres Risiko für Krebserkrankungen, Fehlgeburten und Missbildungen, kognitive Beeinträchtigung und andere Krankheiten steige, wenn Menschen in der Nähe von intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen wohnten. 

Die Europäische Bürgerinitiative (EBI) "Bienen und Bauern retten" setzt sich für eine pestizidfreie Landwirtschaft ein – bis 30. September können Interessierte die EBI noch mit ihrer Unterschrift unterstützen. Gebraucht werden eine Million Unterstützer*innen.

REACH4textiles – neues Projekt soll Marktüberwachung unterstützen

Mitte September ist ein von der EU-Kommission gefördertes Projekt der Textilindustrie angelaufen, das "Lösungen für eine faire und wirksame Marktüberwachung von Textilerzeugnissen" erforschen soll. Aus Deutschland nimmt der Gesamtverband textil+mode teil. Im Projektteam sind außerdem der europäische Textil- und Bekleidungsindustrieverband EURATEX, das belgische Test- und Forschungszentrum Centexbel sowie der italienische Verband Tessile e Salute vertreten.

Da in Europa jährlich etwa 28 Milliarden Kleidungsstücke im Umlauf sind, von denen 80 Prozent aus Ländern außerhalb der EU und ihrer Gerichtsbarkeit eingeführt werden, dürfte es in den zwei Jahren Laufzeit viel zu tun geben. Die im weltweiten Vergleich relativ fortschrittliche Chemikaliengesetzgebung REACH werde "nicht durch ein ebenso fortschrittliches oder effektives EU-weites Kontrollsystem ergänzt", so textil+mode. Dies mache es aus Umwelt- und Verbraucherschutzsicht und aus Wettbewerbsgründen schwierig, den Vorschriften zu genügen. Das Projekt verfolgt drei Ziele:

  • Nicht konforme Produkte vom EU-Binnenmarkt fernhalten
  • Fähigkeiten und Wissen verbessern
  • Unterstützung eines Netzwerks zum Thema Chemikalien in Textilien und zur Anwendung der EU-Verordnung 2019/1020.

ECHA-Publikation: Hilfestellung bei der Einstufung von Titandioxid (TiO2)

Nachdem die geänderte Verordnung (EU) 2020/217 über die Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen (CLP) in Kraft getreten ist, hat die Europäische Chemikalienagentur ECHA einen Leitfaden herausgegeben. Er soll Unternehmen und nationalen Behörden dabei helfen, Gemische, die Titandioxid (TiO2) enthalten, richtig einzustufen und zu kennzeichnen.

TiO2 steht im Verdacht, bei Einatmung krebserregend zu sein [Einstufung: Carc. 2, Gefahrenhinweis H351 „Kann vermutlich Krebs erzeugen (Einatmen)“] . Titandioxid ist derzeit als Lebensmittelzusatzstoff E 171 zugelassen, wird in großen Mengen verwendet und kann zum Beispiel als weißes Farbpigment unter anderem in Süßwaren und Dragee- oder Kaugummiüberzügen vorkommen. Die neue Einstufungs- und Kennzeichnungsvorschrift gilt, wenn der Stoff oder das Gemisch 1 Prozent oder mehr TiO2-Partikel mit einem aerodynamischen Durchmesser ≤10 Mikrometer enthält. Darüber hinaus müssen Gemische, die TiO2 enthalten, mit dem ergänzenden Kennzeichnungselement "Bei der Verwendung kann sich gefährlicher lungengängiger Staub bilden. Staub nicht einatmen" (EUH212) versehen werden.

Der Leitfaden wurde in Zusammenarbeit mit der zuständigen deutschen Behörde (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin - BAuA), der Europäischen Kommission und dem Netzwerk der nationalen Helpdesks (HelpNet) entwickelt. [jg]

PAN Europe: PRESS RELEASE: Pesticides in our bedrooms

Pressemitteilung Global 2000: Pestizide im Schlafzimmer

Pressemitteilung EURATEX: REACH4textiles: Better market surveillance for textile products

Pressemitteilung textil+mode: REACH4Textiles – Gesamtverband textil+mode arbeitet am Projekt zur besseren Marktüberwachung für Textilerzeugnisse mit

Kampagne für saubere Kleidung

Pressemitteilung der ECHA: New guide available on classifying and labelling titanium dioxide

BfR: Titandioxid - gibt es gesundheitliche Risiken?

Endokrine Disruptoren

Videomitschnitt des jährlichen EDC-Forums

Wer mehr über umweltschädliche hormonähnliche Wirkstoffe wissen möchte, aber die letzte Veranstaltung auf EU-Ebene verpasst hat, kann sich den Videomitschnitt des "Annual Forum on Endocrine Disruptors" anschauen. 700 Teilnehmer*innen aus 50 Ländern haben nach Veranstalterangaben am 21. September teilgenommen. Es gibt einen Übersetzungsservice, der voreingestellt werden kann. Anschauen