Naturschutz & Biodiversität

In der EU und weltweit bis 2030: 30 Prozent unter Schutz?

17.02.2021

c. Bjela Vossen

Die EU hat es schon auf der Agenda, dass bis 2030 30 Prozent der Landes- und Meeresflächen unter Schutz stehen sollten, weltweit könnte es noch beschlossen werden. Während die Campaign for Nature Argumentationshilfen in verschiedenen Sprachen veröffentlicht hat, tüfteln Expert*innen hinter den Kulissen an der Konkretisierung der EU-Pläne.

Geballte Expertise für einen ehrgeizigen globalen Biodiversitätsschutzrahmen

Die Campaign for Nature hat ein 13-seitiges Papier herausgegeben, das kompakt Argumente für das Ziel, bis 2030 mindestens 30 Prozent des Planeten zu schützen ("30x30-Vorschlag"), zusammenfasst. Es geht um relevante wissenschaftliche, wirtschaftliche, rechtliche und andere Expert*innenanalysen in Bezug auf Biodiversitätsverlust und Klimawandel. Nicht zuletzt ist Biodiversitätsschutz auch Gesundheitsschutz. Ziel ist es, die Beteiligten des Vertragsstaatentreffens des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity - CBD), bei der Verabschiedung einer ehrgeizigen und transformativen Strategie zur Eindämmung des globalen Biodiversitätsverlusts zu unterstützen. Der 30x30-Vorschlag wurde als Aktionsziel 2 im sogenannten "nullten Entwurf" des CBD-Sekretariats (Zero Draft) für einen globalen Biodiversitätsrahmen für die Zeit nach 2020 aufgenommen und wird von über 50 Ländern in der High Ambition Coalition for Nature and People (HAC) unterstützt (EU-News 12.01.2021).

Das Dokument stellt insbesondere Expert*innenforschung zu den folgenden Themen zusammen:

  • Wissenschaftliche Nachweise für erweiterte räumliche Schutzziele
  • Nachweise für einen auf Rechten basierenden Ansatz im Naturschutz
  • Ökonomische Auswirkungen des Biodiversitätsverlustes
  • Messung der Finanzierungslücke im Bereich Biodiversität
  • Wirtschaftlicher Nutzen des Naturschutzes und des 30x30-Vorschlags
  • Erkenntnisse für eine bessere Verknüpfung von Klima- und Biodiversitätsstrategien
  • Wie der Naturschutz Pandemien verhindern kann
  • Wie Meeresschutzgebiete Ernährungssicherheit und andere Vorteile für die Menschen bieten

Viele der genannten Studien fordern sogar noch einen größeren Anteil von Flächen, die unter Naturschutz stehen müssten, um den Verlust der Biodiversität aufzuhalten. Dabei geht es vor allem darum, Arten zu erhalten und Lebensräume wiederherzustellen beziehungsweise zu schützen. Aber auch das Wohl der Menschheit hängt von einem gesunden Planeten ab - ein ganzer Strauß verlinkter Ökonomieforschungen zeigt, wie sehr das globale Bruttoinlandsprodukt von auf Natur basierender Wirtschaftszweige abhängt.

In Kürze trifft sich der wissenschaftlich-technisch-technologische Beirat (Subsidiary Body on Scientific, Technical and Technological Advice - SBSTTA), um das wegen der Pandemie von 2020 auf 2021 verschobene CBD-Vertragsstaatenttreffen (COP15) vorzubereiten (SBSTTA24).

Hinter Europas Kulissen wird an Konkretisierung der EU-Biodiversitätsstrategie 2030 getüftelt

Derweil ist auf EU-Ebene die Expert*innengruppe für die Vogelschutz- und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (Nature Directives Expert Group - NADEG) dabei, Kriterien für die 30 Prozent Schutzgebiete und die 10 Prozent unter strengem Schutz stehenden Gebiete zu entwickeln (was wird angerechnet, was nicht, was für ökologische Kriterien gelten für Primär- und Altwälder, andere kohlenstoffreiche Ökosysteme oder auch aquatische Ökosysteme). Die Kriterien und entsprechende Leitlininen sollen voraussichtlich Ende 2021 fertiggestellt werden.

EU-Kommission und Interessengruppen arbeiten außerdem an einem Bericht für die Folgenabschätzung der Festlegung gesetzlicher Wiederherstellungsziele, wobei noch unklar ist, ob die EU-Kommission sich für einen eher eng oder eher weit gefassten Ansatz entscheiden wird. Bis zum 5. April läuft noch eine öffentliche Konsultation zum Thema Wiederherstellung der Natur. Am 23. Februar findet ein Stakeholder-Workshop statt, bei dem es unter anderem um spezifische Ziele für Flüsse, Seen und Binnenfeuchtgebiete, städtische Ökosysteme, Wälder, Agrar-, marine und Bodenökosysteme oder auch Bestäuberinsekten gehen soll. Ein endgültiger Vorschlag soll Rat und Parlament ebenfalls noch bis Ende 2021 von der EU-Kommission vorgelegt werden. [jg]

Übersichtsseite der Campaign for Nature zur Zusammenstellung sowie das deutschsprachige Dokument:  Relevante Forschungen zum 30-Prozent-Schutzziel bis 2030 zu den Themen Wissenschaft, Wirtschaft, indigene Rechte, Gesundheit und weitere – ein Überblick

EU-Kommission - Überblick über den Zeitplan für die Festlegung von Wiederherstellungszielen im Rahmen der EU-Biodiversitätsstrategie: EU nature restoration targets

Zehn goldene Regeln für Wiederaufforstung

Aufforstung oder das großflächige Pflanzen von Bäumen soll vielerlei: zur Optimierung der Kohlenstoffbindung, zur Wiederherstellung der Biodiversität und zur wirtschaftlichen Nutzung beitragen. Ein Fachartikel von Global Change Biology (GCB) hat nun die wichtigsten Umweltrisiken zusammengetragen und zehn goldene Regeln aufgelistet, die es zu beachten gilt.

  1. Schützen Sie zuerst den bestehenden Wald;
  2. Arbeiten Sie zusammen (unter Einbeziehung aller Interessengruppen);
  3. Streben Sie eine maximale Wiederherstellung der Biodiversität an, um mehrere Ziele zu erreichen;
  4. Wählen Sie geeignete Gebiete für die Wiederherstellung aus;
  5. Nutzen Sie natürliche Regeneration, wo immer dies möglich ist;
  6. Wählen Sie Arten aus, um die Biodiversität zu maximieren;
  7. Verwenden Sie widerstandsfähiges Pflanzenmaterial (mit geeigneter genetischer Variabilität und Herkunft);
  8. Planen Sie vorausschauend für Infrastruktur, Kapazität und Saatgutversorgung;
  9. Lernen Sie aus der Praxis (unter Verwendung eines adaptiven Managementansatzes); und
  10. Sorgen Sie dafür, dass es sich lohnt (um die wirtschaftliche Nachhaltigkeit des Projekts sicherzustellen).

Die Autor*innengruppe um Alice Di Sacco und Kate A. Hardwick hat aber nicht nur zehn goldene Regeln aufgestellt, sondern auch gleich noch ein Glossar mit hilfreichen Forstbegriffen (englisch) veröffentlicht.
Artikel auf Global Change Biology Review


121 Millionen Euro für LIFE-Naturschutz

Die Europäische Kommission will 121 Millionen Euro für neue integrierte Projekte im Rahmen des LIFE-Programms für Umwelt- und Klimapolitik investieren. Es werden Projekte in Belgien, Deutschland, Irland, Frankreich, Ungarn, Italien, Lettland, den Niederlanden, Polen, Portugal und der Slowakei gefördert. Im Vergleich zum Vorjahr hat die Brüsseler Behörde die Mittel um 20 Prozent aufgestockt. In Deutschland wird ein niedersächsisches Projekt für die Wiederansiedlung von Zugvögeln in Feuchtgebieten gefördert. Weiterlesen


Fördermöglichkeiten Natura 2000

Biogeographische Seminare

Im Rahmen des EU-Förderprogramms für Naturschutz LIFE gibt es bis zum 22. Februar noch die Möglichkeit, Veranstaltungen vorzuschlagen, die dem Netzwerken dienen. Hauptsächlich geht es um Expert*innentreffen regionaler Art, dem sogenannten biogeographischen Prozess bei Natura 2000. Weiterlesen