Naturschutz & Biodiversität

Marseiller Manifest als ein kleiner Schritt zu globalem Naturschutz

15.09.2021

Letzte Woche endete der Internationale Naturschutzkongress in Marseille. Organisiert von der Weltnaturschutzunion IUCN schloss die Veranstaltung mit der "Marseiller Erklärung" sowie zahlreichen Einzelbeschlüssen. Auch Anträge zum Schutz der europäischen Natur wurden mehrheitlich angenommen. Insgesamt nahmen nach Angaben des Veranstalters rund 9.000 Personen teil.

Mandat zum Schutz der Primärwälder in der EU

"Die überwältigende Unterstützung für den Schutz der europäischen Natur auf dem Weltnaturschutzkongress hat den europäischen Mitgliedern und den EU-Institutionen ein starkes Mandat erteilt, ihre Bemühungen zur Lösung der Biodiversitäts- und Klimakrise zu verstärken. Die Entschließungen zeigen eine starke Unterstützung für die EU-Ziele im Bereich der biologischen Vielfalt, insbesondere für den Schutz und die Wiederherstellung der alten Wälder und Primärwälder in Europa als Teil der EU-Strategien für biologische Vielfalt und Wälder", sagte Chantal van Ham, stellvertretende Direktorin des europäischen Regionalbüros der IUCN. Damit bezog sie sich auf Antrag 125, der den Schutz der europäischen (Ur-)Wälder umfasst.

Für die Zeit von 2021-2024 wurde ein 40-seitiges Programm für Europa beschlossen, der Europas "Pfad bis 2030" für einen transformativen Wandel in vielen Bereichen, von Agrarpolitik über Klimaschutz bis zur Bewahrung biologischer Vielfalt beschreibt.

Während des Gipfels wurde laut Informationsdienst Euractiv außerdem der Zusammenhang von illegalem Wildtierhandel und dem Auftreten potenziell gefährlicher Krankheiten thematisiert – die fehlende Regulierung in der EU stelle ein erhöhtes Gesundheitsrisiko dar.

Meeresschutz, Gene Drives, Marseiller Manifest

Auch um den Schutz der Meere vor schädlichen industriellen Extraktions- und Fischereipraktiken ging es (EU-News 14.09.2021) sowie um die Kritik an der Förderung fossiler Energien im niederländischen Wattenmeer (Motion 133: Call to withdraw draft-permit mining of fossil fuels underneath UNESCO World Heritage Site Wadden Sea). Eine große Mehrheit der IUCN-Mitglieder stimmte für die Aufstockung der Mittel für die Bewertung der Roten Liste, insbesondere für Neubewertungen, wobei kein Staat dagegen stimmte. Der Amazonas soll besser geschützt (Motion 129) und beim Biodiversitätsschutz der One-Health-Ansatz (Motion 135) verfolgt werden.

Die Frage um die Einbeziehung neuer Gentechnik wie Gene Drives in Naturschutzmaßnahmen soll in einem dreijährigen Diskussionprozess beantwortet werden. Ein Bündnis von Organisationen – darunter der Umweltdachverband DNR und Save Our Seeds (SOS) – hatte im Rahmen der IUCN-Mitgliederversammlung vor voreiligen Schlüssen gewarnt (EU-News 08.09.2021). Mit der Verabschiedung der Resolution 075 erkannten die Mitglieder der IUCN laut SOS an, "dass es große Daten- und Wissenslücken sowie ungelöste ethische, soziale, kulturelle und ökologische Fragen im Zusammenhang mit der Nutzung von Technologien gibt, die derzeit zur gentechnischen Veränderung wild lebender Arten entwickelt werden". Diese Ungewissheiten erfordern laut Resolution eine Anwendung des Vorsorgeprinzips und müssten bei der Positionierung der IUCN zu diesem Thema berücksichtigt werden. Auch den Perspektiven, dem Wissen und den Rechten indigener Völker und lokaler Gemeinschaften soll bei den Beratungen über diese Technologien in den kommenden drei Jahren ein hoher Stellenwert eingeräumt werden. Auf dem Weltnaturschutzkongress im Jahr 2024 soll dann eine Position zur Nutzung der synthetischen Biologie im Naturschutz abgestimmt werden.

Der Naturschutzkongress endete mit der Verabschiedung des "Marseille Manifesto". Deutschland war durch Staatssekretär Jochen Flasbarth vertreten. Aus Sicht des Bundesumweltministeriums (BMU) ist die zentrale Forderung des Manifests, "die beiden zentralen globalen Herausforderungen Klimawandel und Biodiversitätsverlust beim Wiederaufbau nach Corona gleichermaßen zu berücksichtigen und stärker miteinander zu verknüpfen". Flasbarth nannte die Veranstaltung einen "wichtigen Meilenstein" auf dem Weg zu den beiden nächsten großen UN-Veranstaltungen zu Klima in Glasgow und zu Biodiversität in Kunming. Für diese "Herkulesaufgabe" sei es entscheidend, den Privatsektor und große Finanzinstitutionen mit ins Boot zu holen, da die Finanzierung eine Stellschraube für zügige Umsetzung der Beschlüsse sei.

Die EU soll mit gutem Beispiel vorangehen

"Die auf dem Kongress verabschiedeten Entschließungen werden sich sowohl in Europa als auch darüber hinaus auswirken und dürften in die Verhandlungen über den globalen Rahmen für die biologische Vielfalt einfließen", kommentierte das Europabüro der IUCN. Das 15. Vertragsstaatentreffen über die biologische Vielfalt (CBD) beginnt virtuell in diesem Oktober und soll im kommenden Frühjahr einen neuen weltweit geltenden Biodiversitätsschutzrahmen auf den Weg bringen. "Die EU-Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt hat den Ehrgeiz der europäischen Region gezeigt, die biologische Vielfalt zu schützen. Nun sollte dieser Ehrgeiz auf globaler Ebene wiederholt werden, mit einem Plan, der uns dazu bringt, das ultimative Ziel eines Lebens im Einklang mit der Natur bis 2050 zu erreichen", so das Europabüro der IUCN. [jg] 

IUCN-Europa: IUCN Members overwhelmingly vote to upscale nature protection in Europe

Motion 125: Strengthening the protection of primary and old-growth forests in Europe and facilitating their restoration where possible

Berichterstattung Euractiv: COVID highlights need for EU to regulate wildlife trafficking

Motion 129: Avoiding the point of no return in the Amazon protecting 80% by 2025

Motion 135: Promoting human, animal and environmental health, and preventing pandemics through the One Health approach and by addressing the drivers of biodiversity loss

Pressemitteilung Save our Seeds: IUCN: Die Natur gentechnisch verändern?

Pressemitteilung BMU: Weltnaturschutzunion fordert entschlossenes Vorgehen beim Kampf gegen Biodiversitätsverlust und Klimawandel


Alternativgipfel

Protest gegen Menschenrechtsverletzungen

Parallel zum Weltnaturschutzkongress fand ein kritischer Gegengipfel statt, der auf die bereits stattfindenden und potenziellen Verletzungen von Menschenrechten und die Vertreibung indigener Gemeinschaften hinwies. Unter dem Titel "Our Land, Our Nature" wurden die Sorgen und negativen Erfahrungen thematisiert, die indigene Völker mit verschiedenen Naturschutzmaßnahmen gemacht haben. Der Plan, bis 2030 30 Prozent der Landflächen unter Schutz zu stellen, könne auch Militarisierung und Kolonialisierung bedeuten. Weiterlesen


Greenpeace-Report: "Verraten und verkauft"

Die Umweltorganisation Greenpeace hat sich mit den Gründen für das bisherige Scheitern des internationalen Naturschutzes auseinandergesetzt. Der Bericht von Kathrin Hartmann trägt den Untertitel "Naturzerstörung durch Greenwashing unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit". Sie kritisiert Zertifizierungen, Offsets und die derzeitige Schutzgebietspolitik. Weiterlesen


Biodiversität im Blog

NABU-Update zu globalen Biodiversitätsverhandlungen

Mit einem neuen Politik-Blog möchte der NABU die internationalen Verhandlungen rund um biologische Vielfalt, das UN-Abkommen zur Biodiversität und weitere globale Verhandlungsrunden begleiten. Weiterlesen


Aktionswoche

Noch bis zum 20. September können Veranstaltungen für die vom 4. bis 11. Oktober stattfindende Aktionswoche „Achtung Artenvielfalt!“ gemeldet werden. Die BMBF-Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FEdA) möchte in dieser Woche darauf hinweisen, dass die Artenvielfalt in Deutschland besser geschützt werden muss. www.achtung-artenvielfalt.de