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News | 08.12.2023
#Klima und Energie

Das Kreuz mit dem Gipfel

Skyline von Dubai
© Pixabay/Arkin54
Skyline von Dubai

Acht Jahre nach Abschluss des Pariser Abkommens ziehen die Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen in Dubai mit einer weltweiten Bestandsaufnahme zum Klimaschutz Bilanz. Bis 13. Dezember wollen sie über das weitere Vorgehen entscheiden. Fest steht: Für echten Klimaschutz braucht es mehr Tempo.

Für einen Klimagipfel ist Dubai ein spezieller Ort. Hier geht es nicht darum, im Einklang mit der Natur zu leben: Die Wüste ist lebensfeindlich. Menschen können hier nur sein, weil sie ihre Umwelt beherrschen. Doch trotz widriger Bedingungen boomt das Emirat: Im Jahr 2000 hatte Dubai weniger als eine Million Einwohner, heute ist die Zahl auf 3,5 Millionen angestiegen. Weniger als ein Fünftel davon sind Einheimische – in Dubai sollen Menschen aus 200 Nationen leben. Hinzu kommen mehr als 15 Millionen Geschäftsreisende und Touristen, die das Emirat pro Jahr besuchen.

Es ist eine Kunstwelt aus glitzernden Türmen, Inseln in Palmenform, neu angelegten Geschäftsvierteln und Shopping Malls. Die Grundlage dafür ist sind die Einnahmen aus Erdöl.

Aber Dubai arbeitet daran, seine Wirtschaft zu diversifizieren: durch Tourismus, Finanzgeschäfte, Immobilien, als Drehkreuz für internationalen Verkehr – und auch durch erneuerbare Energien. Sultan Ahmed al Jaber, der Präsident der diesjährigen UN-Klimakonferenz, war einst Gründungsdirektor von Masdar, einem Erneuerbaren-Vorzeigeprojekt. Heute leitet er staatseigenen Ölkonzern Adnoc. Das Unternehmen hat zwar große fossile Expansionspläne, aber es investiert auch in erneuerbare Energien.

Gelingt der Ausstieg aus den fossilen Energien?

Dubai und al Jaber stehen damit stellvertretend für die wichtigste Frage der Klimakonferenz: Wie stark ist die Abhängigkeit der Welt von der fossilen Energie? Werden die Delegationen hier in Dubai den endgültigen Ausstieg aus den fossilen Energien beschließen? An der Antwort, die der Gipfel darauf findet, wird man am Ende bemessen, ob er erfolgreich war.

Begonnen hat das Treffen jedenfalls fulminant: In der ersten Woche sagten viele Staaten neue finanzielle Mittel zu, und mit dem Gastgeber, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), versprach erstmals auch ein Land Geld, das nicht zu den alten Industrieländern gehört.

In der Welt der internationalen Klimafinanzierung ist das ein Durchbruch. Bisher galt auf den UN-Klimagipfeln nämlich der eiserne Grundsatz, dass – angesichts ihrer historischen Verantwortung für die Erderwärmung – nur die alten Industriestaaten zahlen sollen. Doch angesichts der hohen Emissionen Chinas und des Ölreichtums von Staaten wie Saudi-Arabien wächst der Druck auch auf diese Länder. Dass nun die VAE Geld zugesagt haben, werten viele als ein Signal.

Alexandra Endres
Die wichtigste Frage der Klimakonferenz: Werden die Delegationen hier in Dubai den endgültigen Ausstieg aus den fossilen Energien beschließen?
Alexandra Endres, Klima-Fachjournalistin

Der Verlust- und Schadensfonds wird gefüllt

Der größte Erfolg in Dubai ist bisher der Start eines lange umstrittenen Fonds für die besonders von der Klimakrise betroffenen Länder. Sie sollen aus dem „Loss-and-Damage-Fonds“ Geld erhalten, um durch den Klimawandel bedingte Zerstörungen in ihrem Land zu reparieren, oder als Entschädigung für nicht ersetzbare Verluste. Bis Mittwoch kamen für den Fonds mehr als 700 Millionen Dollar zusammen, unter anderem aus Deutschland, Italien, den Niederlanden und eben den VAE.

Sie habe noch nicht erlebt, dass ein Klimagipfel so gut beginne, sagte Jennifer Morgan, deutsche Klima-Sondergesandte und Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, zur Halbzeit in Dubai.

Die globalen Emissionen steigen weiter

Doch über den entscheidenden Konflikt, die Zukunft der fossilen Energien, dürfte auf der Konferenz bis zum Schluss wohl sehr hart verhandelt werden. Denn die Welt ist beileibe auf keinem guten Weg, um die vor sieben Jahren in Paris vereinbarten Klimaziele zu erreichen. Laut dem Weltklimarat IPCC müssten die weltweiten Emissionen bis 2030 um 43 Prozent sinken, wenn noch eine Chance bestehen soll, die Erderwärmung „in der Nähe von“ 1,5 Grad zu stoppen. Doch stattdessen steigt der Ausstoß von Treibhausgasen weiter.

Wie sehr es hakt im internationalen Klimaschutz, haben vor dem Gipfel gleich mehrere Berichte gezeigt. Sie sind besonders wichtig, weil Dubai eine Art Halbzeit für die internationalen Klimaverhandlungen markiert: Vor über sieben Jahren einigten sich die Weltgemeinschaft in Paris darauf, die Erderwärmung auf „deutlich unter“ 2 Grad – möglichst bei 1,5 Grad – zu begrenzen. Dazu setzten die Staaten sich freiwillige nationale Klimaziele, NDCs genannt, in denen sie festlegten, welchen Beitrag dazu sie bis zum Jahr 2030 – also in weiteren sieben Jahren – leisten wollten.

Überall zu wenig Fortschritt

Anlässlich des Gipfels in Dubai wurde nun erstmals eine offizielle Bilanz gezogen. Aus ihr ergibt sich: Überall geht es mit dem Klimaschutz viel zu langsam voran. Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, wird sich jeder Wirtschaftssektor in den kommenden Jahren grundlegend verändern müssen. Der Hoffnungsschimmer dabei: Klimafreundliche Lösungen, etwa erneuerbare Energien, sind vorhanden und bezahlbar. 

Auch die bisherigen NDCs reichen nicht aus. Selbst wenn sie alle in die Praxis umgesetzt würden, wäre die Welt immer noch auf dem Weg in Richtung 2,5 Grad plus bis zum Ende des Jahrhunderts – statt der in Paris vereinbarten deutlich unter 2 oder 1,5 Grad. Das hat der unabhängige Carbon Action Tracker berechnet, der die Klimapolitik der Staaten mit den Anforderungen des Pariser Abkommens vergleicht.

Zusätzlich beklagt die UN-Entwicklungsorganisation UNEP in einem aktuellen Bericht, dass die Anpassung an die fortschreitende Erderwärmung viel zu sehr vernachlässigt werde. Doch wenn es nicht gelingt, die Emissionen rasch zu senken, wird die Anpassung immer schwieriger und teurer werden – und irgendwann an Grenzen stoßen.

Gegenwehr der fossilen Industrie

Um die Wende bis 2030 zu schaffen, dem Stichtag des Weltklimarats, bleibt nicht mehr viel Zeit. Deshalb wäre in Dubai ein Beschluss zum Ausstieg aus den fossilen Energien so wichtig.

Doch für die mächtige Ölindustrie geht es dabei um ihre Existenz. Entsprechend hoch ist die Gegenwehr – und Klimagipfel müssen ihre Beschlüsse einstimmig fällen. Zwar fordern in Dubai schon mehr als 100 Staaten, in der Abschlusserklärung ein weltweites Aus für Kohle, Öl und Gas zu beschließen. Aber Länder wie Saudi-Arabien und die USA stellen sich dagegen.

Worauf die Ölindustrie stattdessen hofft, war auf einer Podiumsdiskussion am Rande der Verhandlungen zu beobachten. Hochrangige Vertreterinnen und Vertreter der Branche diskutierten über technische Wege, mit denen sie künftig ihre Fördermengen noch ausweiten – und dennoch ihre Emissionen auf null senken wollen. Zwar sind solche Technologien bisher nur in kleinem Maßstab einsetzbar und viel zu teuer. Doch Ölunternehmen wie die US-Firma Occidental Petroleum (Oxy) setzen trotzdem darauf. Auch die Abschlusserklärung von Dubai könnte am Ende auf vermeintliche technologische Lösungen wie CCS verweisen.

Vielleicht kann man einem Ort wie diesem besonders leicht auf die Idee verfallen, dass der Klimawandel mit ausreichend Geld und Technik relativ einfach in den Griff zu bekommen ist. Eins ist jedenfalls klar: Darüber wird in den Verhandlungsräumen des Klimagipfels in den kommenden Tagen noch intensiv gestritten.

Die Autorin

Alexandra Endres ist freiberufliche Journalistin für Klima, Umwelt und Lateinamerika. Derzeit verfolgt sie Weltklimakonferenz in Dubai.

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