Chance auf tier- und waldfreundliche Jagdregeln verpasst?

c. pixabay

Am 27. Juli hat die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Julia Klöckner einen Entwurf zur Änderung des Bundesjagdgesetzes (BJagdG) vorgelegt. Die Obergrenze für die Jagd auf Rehe soll fallen, möglichst ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen soll eine Waldverjüngung möglich sein. Für einen grundlegenden Waldumbau reicht das nicht, kritisieren Umweltverbände. Eine Verbändeanhörung soll am 28. August stattfinden, noch im September soll ein Kabinettsbeschluss folgen.

Der Entwurf

Das geänderte BJagdG soll laut BMEL unter anderem "einen angemessenen Ausgleich zwischen Wald und Wild herstellen, die Jägerprüfungsordnung vereinheitlichen sowie die Bleiabgabe von Büchsenmunition an die Umwelt verringern". Statt großer Einzäunungen sollen die Abschusszahlen für Rehwild vor Ort geklärt und die geplanten Zahlen dann einer zuständigen Behörde vorgelegt werden. Das Verbot von Nachtzieltechnik für die Jagd auf Wildschweine wird aufgehoben. Der Kauf und Verkauf von Tellereisen wird verboten, Bußgeldvorschriften sollen nach oben korrigiert werden.

Bundesministerin Julia Klöckner sagte: "Mit dem Gesetz wollen wir (...) gewährleisten, dass Jungpflanzen auch ohne Zaunschutz aufwachsen können. Das ist entscheidend für den klimaresistenten Waldumbau. Dabei setzen wir auf die Eigenverantwortung vor Ort. Wichtig war uns zudem, die Regelungen zur Jagdmunition an die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse anzupassen: So wenig Blei wie nötig, so viel Tierschutz wie möglich – das ist die Maxime."

Berichterstattung

Laut der Informationsplattform topagrar werden durch den Gesetzentwurf "die Bemühungen der vergangenen Monate, Forstwirtschaft und Jagd unter einen Hut zu bekommen derzeit auf eine harte Probe gestellt". Die Jäger im Deutschen Jagdverband  meinen, der Waldumbau nur mit dem Gewehr könne nicht funktionieren. Die Forstleute des Deutschen Forstwirtschaftsrats und die Waldbesitzer wiederum pochen darauf, dass die Anpassung der Wälder an den Klimawandel nur angegangen werden kann, wenn die Jungpflanzen auch wachsen können - ihnen geht der Entwurf nicht weit genug.

Thomas Krumenacker in der Süddeutschen nennt die Stoßrichtung des Entwurfs einen Paradigmenwechsel. Die "Vorfahrtsregel für die natürliche Waldverjüngung" durchziehe den gesamten Vorschlag bis hin zur Jagdausbildung. Dass die verpflichtenden Abschlusspläne durch eine Verständigung von Waldbesitzer- und Jäger*innen in den jeweiligen Revieren auf eine Mindestzahl für zu tötenden Tiere ersetzt wird, sei "die wichtigste Neuerung". Eine Obergrenze gebe es künftig nicht mehr, im Zweifel entscheidet die Jagdbehörde, wieviele Rehe das Zeitliche segnen müssen. 

Reaktionen

Der Ökologische Jagdverband (ÖJV) ist mit dem Entwurf von Klöckner "äußerst unzufrieden". Mit dem Vorstoß sei die Chance vertan worden, substanzielle Weiterentwicklungen festzuschreiben", kritisiert der ÖJV. Dabei sei eine naturnahe Waldentwicklung gerade in Zeiten des Klimawandels von gesamtgesellschaftlichem Interesse, die Verantwortung für eine konsequent waldfreundliche Jagd dürfe nicht allein auf die Akteure vor Ort abgeschoben werden. Der Entwurf greife zu kurz. Der ÖJV forderte: "Ungenügende Abschüsse, die sich durch Schäden an der Waldvegetation zeigen, müssen durch obligatorische, revierweise Vegetationsgutachten nachweisbar gemacht werden und sind zu sanktionieren". Weitere Aspekte für Fortschritte in der Praxis wären unter anderem die Synchronisierung der Jagdzeiten auf alles Schalenwild und Anpassung an aktuelle klimatische Entwicklungen sowie ein gänzliches Fütterungsverbot, um die Wildbestände nicht noch weiter anzuheben. "Dass Bleimunition nicht verboten, sondern in langwierigen Verfahren zertifiziert und seine Verwendung bis 2027 evaluiert werden soll, ist angesichts der nachgewiesenen Toxizität und des Vorhandenseins ausreichender, tauglicher Alternativen völlig unverständlich", so der ÖJV. Man vermisse im gesamten Entwurf entschlossenes Handeln mit klaren Vorgaben. Es gehe nicht um einen Ausgleich zwischen Wald und Wild, sondern darum, dass der Wald und seine naturnahe Entwicklung endlich Priorität vor den partikularistischen und egoistischen Interessen von rückwärtsgewandten Vertretern einer überholten Hege- und Trophäenjagd erhalten.

Zurzeit läuft eine schwierige und vom BMEL negativ beeinflusste Debatte über ein Bleiverbot in Feuchtgebieten auf europäischer Ebene (Aktuelles 01.07.2020, EU-News 16.07.2020). NABU-Vogelschutzexperte Marius Adrion kritisierte in seinem Blog-Beitrag dann auch, warum die Bleiabgabe an die Umwelt im geplanten neuen BJagdG nur verringert und nicht vollständig verboten werden soll.  Adrion: "Es ist vielfach erwiesen, dass bleifreie Munition – ob Schrot oder Büchsenmunition – bei korrekter Handhabung eine genau so gute Tötungswirkung zeigt wie bleihaltige Munition. Bleimunition jedoch hat den absolut unnötigen Nebeneffekt, dass Millionen von Tieren qualvoll an Bleivergiftung sterben, die Umwelt vergiftet wird und letztendlich Blei auf unseren Tellern landet. Somit ist dem Tierschutz nur durch ein komplettes Verbot von bleihaltiger Munition genüge getan, denn es gibt einwandfreie bleifreie Alternativen."

Die Tierschutzorganisation Wildtierschutz sieht in der Devise "Wald vor Wild" die Tiere als große Verlierer an. Der Verein plädiert für eine massive Verkürzung der Jagdzeiten "in dem Land mit den längsten Jagdzeiten in Europa". Der vermehrte jagdliche Eingriff werde nur eine Erhöhung der Reproduktion der Tiere bewirken und der Bestand am Ende mehr oder weniger konstant bleiben, prognostiziert Wildtierschutz.

Bis zum endgültigen Gesetzeswerk dürfte es noch ein etwas holpriger Weg sein. [jg]

 

BMEL-Pressemitteilung: "Mehr Schutz für Wald und Wild" und der zugehörige Referentenentwurf

ÖJV-Pressemitteilung: Chance vertan, substantielle Weiterentwicklungen festzuschreiben

NABU-Blog: Blei auch in Jagdmunition verbieten!

Pressemitteilung Wildtierschutz e.V. Klöckner auf dem Holzweg – mehr Jagd ist nicht die Lösung für den Waldumbau

Berichterstattung auf topagrar: Wildverbiss: Neues Bundesjagdgesetz polarisiert (Autor: Alfons Deter)

Berichterstattung Süddeutsche Zeitung: Jäger sollen mehr Rehe schießen (Autor: Thomas Krumenacker)