Säue dürfen öfter aus dem Kasten raus, aber erst in ein paar Jahren

Nach monatelangem Tauziehen hat der Bundesrat Anfang Juli für einen Ausstieg aus dem Kastenstand gestimmt. Mutterschweine dürfen demnach nur noch ein paar Tage statt mehrere Wochen in Metallgestelle gesperrt werden, die kaum größer als die Tiere selbst sind. Die Neuregelung gilt aber erst nach einer Übergangsfrist von bis zu zehn Jahren.

Noch vor dem Bundesratsbeschluss haben zwölf Organisationen, darunter der DNR ein Forderungspapier zum Thema veröffentlicht: "Sauenhaltung in Deutschland - Handlungsmöglichkeiten aus Sicht des Tierschutzes".

Grundsätzlich begrüßen zahlreiche Tierschutzorganisationen die Entscheidung des Bundesrats, sehen aber in einigen Punkten noch Nachbesserungsbedarf.

So moniert der Vorsitzende des Bunds gegen Missbrauch der Tiere (bmt) Karsten Plücker: „Auch wenn diese Entscheidung unterm Strich etwas mehr Tierschutz für die Schweine bedeuten mag, ist er mehr als teuer erkauft. Denn eine jahrzehntelange rechtswidrige Praxis mit weiteren langen Übergangsfristen zu legalisieren und im Gegenzug ein Ende eines ohnehin überholten tierschutzwidrigen Haltungssystems einzuleiten, ist ein unsauberer Kuhhandel.“

Der Bundesverband Tierschutz (BVT) bedauert ebenfalls die lange Übergangsfrist und fordert zudem den Ausstieg aus der Kastenstandhaltung im Abferkelstall.  Jörg Styrie, Geschäftsführer des BVT, betont: „Gleichzeitig sind wir aber auch erleichtert, dass sich mit der Abschaffung der Kastenstandhaltung im Deckbereich eine Bewegung in der konventionellen Tierhaltung abzeichnet.“
 
Als Erfolg für den Tierschutz, der vor wenigen Wochen noch in weiter Ferne schien, sieht der Deutsche Tierschutzbund die Entscheidung des Bundesrats. „Natürlich sind acht Jahre Übergangsfrist zu lang und die nur in Teilen geplante Umsetzung des „Magdeburger Urteils“ ist zu kritisieren. Bei dem Gefeilsche um die Sau konnte aber das Schlimmste, die Umsetzung der Klöcknerschen Pläne, verhindert werden“, sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes.

Provieh wertet den geplanten Ausstieg aus dem Kastentstand als Meilenstein für den Tierschutz in Deutschland und verweist darauf, dass trotz langer Übergangszeiten bereits in drei Jahren Umbaukonzepte vorliegen müssen. „Also müssen die Landwirte schon bald den Ausstieg aus dieser tierquälerischen Haltungsform hin zur ausgestalteten Gruppenhaltung vorbereiten. Sollte der Bauantrag bis dahin nicht vorliegen, muss nach 5 Jahren der Betrieb eingestellt werden. Ein erster Schritt in Richtung käfigfreie Haltung ist nun endlich gemacht!“, kommentiert Jasmin Zöllmer, Politische Leitung bei Provieh.   
 
Vier Pfoten sieht die Verbesserung der Sauenhaltung „noch lange nicht am Ende des Weges“. Die Organisation begrüßt zwar den Anfang vom Ende des Kastenstands, aber durch die verlängerte Legalisierung der zu engen Metallkäfige verstoße Deutschland weiter systematisch gegen die seit 1992 bestehenden gesetzlichen Vorgaben. „Viele Bürgerinnen und Bürger hoffen auf das Bundesverfassungsgericht, das im nächsten Jahr entscheiden wird, ob die Sauenhaltung und der Kastenstand in Deutschland mit dem Tierschutzgesetz und unserer Verfassung vereinbar sind. Dann wird man sich erneut an den Verhandlungstisch setzen müssen“, sagt Rüdiger Jürgensen, Geschäftsführer von Vier Pfoten Deutschland.

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) plädiert anlässlich des Bundesratsbeschlusses dafür, den Umbau der Nutztierhaltung jetzt auf den Weg zu bringen. Seit April 2019 arbeitet der BUND als einziger Umweltverband im Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung mit. Auch aus seiner Sicht hätte der Bundesrat beim Kastenstand ein konsequentes Verbot umsetzten müssen. Der Vorsitzende des BUND Olaf Bandt sieht nun für eine generelle Verbesserung der Haltungsbedingungen Bundesagrarministerin Julia Klöckner in der Pflicht: „Die Ministerin muss den dringend notwendigen Umbau der Nutztierhaltung bis 2040 vorbereiten. Zudem kann die Ministerin zeigen, dass sie es ernst meint und nicht nur auf die aktuellen Skandale reagiert. Die deutsche Ratspräsidentschaft sollte der Startschuss für eine Initiative zur Entwicklung und Einführung einer verpflichtenden Tierwohlkennzeichnung in der EU sein.“ [mbu]

BMT

BUND

BVT

Deutscher Tierschutzbund

Provieh

Vier Pfoten