Interview mit Gerald Wehde, Bioland

Ökolandbau braucht mehr Fläche

Vor 20 Jahren hat die damalige grüne Agrarministerin Renate Künast das Ziel 20 Prozent Ökolandbau bis 2010 vorgegeben. Derzeit liegt der Anteil bei 10 Prozent und das Zieljahr wurde von ihren konservativen Nachfolger*innen auf 2030 verschoben. Die EU möchte bis 2030 25 Prozent ökologisch bewirtschaftete Fläche erreichen. Bäuerinnen und Bauern brauchen Förderanreize und Anerkennung, wenn sie auf Bio umstellen, sagt Gerald Wehde von Bioland. 

Die Stärkung des Ökolandbaus ist ein wichtiger Hebel, um die Landwirtschaft umwelt- und klimagerechter zu gestalten. Was ist dafür am dringendsten erforderlich?
Dass mehr Bio der richtige Weg zu einer umweltverträglicheren und unsere Lebensgrundlagen bewahrenden Land- und Lebensmittelwirtschaft ist, wird seitens der Politik auf EU-, Bund- und Länderebene mittlerweile breit anerkannt. Damit immer mehr Betriebe diesen Weg gehen können, stellt die EU Bio ins Zentrum ihres Green Deals mit der Farm-to-Fork-Strategie: 25 Prozent Öko-Fläche und Bio-Konsum bis 2030 zu erreichen, ist ambitioniert, aber machbar – wenn der Zielsetzung auch die politischen Rahmenbedingungen folgen. Dazu gehört insbesondere eine Förderpolitik, die den Ökolandbau für seine vielfältigen Umweltleistungen ausreichend honoriert, aber auch konkrete Maßnahmen, zum Beispiel für den Bio-Außer-Haus-Markt.


Was kann Deutschland von Dänemark lernen in Sachen Außer-Haus-Verpflegung?
In Dänemark gab es den politischen Willen und ein wirksames Gesamtkonzept für Bio. So gingen die Ökoumstellung der Landwirtschaft und der öffentlichen Gastronomie Hand in Hand. Flankiert wurde das Programm von saisonal abgestimmten Speiseplänen in den Küchen sowie einer fundierten Ernährungsbildung. Hierzulande besteht diesbezüglich dringender Nachholbedarf – gerade mal rund ein Prozent der Essen in Kantinen, Restaurants und Mensen haben aktuell Bioqualität. Die Politik muss dem Außer-Haus-Markt dringend benötigten Schwung verleihen, etwa durch eine verbindliche Bioquote von 50 Prozent in öffentlichen Mensen und Kantinen. Diese könnten dadurch Vorreiter für deutlich mehr Bioküche in Deutschland werden.

„Die Politik muss dem Außer-Haus-Markt dringend benötigten Schwung verleihen, etwa durch eine verbindliche Bioquote von 50 Prozent in öffentlichen Mensen und Kantinen. Diese könnten dadurch Vorreiter für deutlich mehr Bioküche in Deutschland werden.“

Gerald Wehde, Bioland

Wie kann es gelingen, mehr Landwirt*innen zur Umstellung auf ökologische Bewirtschaftung zu gewinnen?
Für viele Landwirt*innen, die ihren Betrieb auf die biologische Wirtschaftsweise umstellen, ist es eine große Motivation, damit Teil des Umbaus zu einer umweltverträglichen Landwirtschaft zu sein. Und auch die verbesserte Wertschöpfung der eigenen Produktion ist häufig eine Triebfeder. Schließlich profitieren Betriebe auch von der Zugehörigkeit in Verbänden wie Bioland: Wir bieten mit unserem bekannten Zeichen Marktzugänge, Beratung und eine aktive Gemeinschaft von Bioland-Bäuerinnen und -Bauern in vielen Regional- und Fachgruppen. Unsere Aufgabe als Verband und als Biobranche insgesamt ist es, diese Vorteile nach außen kenntlich zu machen, um so noch mehr Betriebe zur Umstellung zu bewegen. Andererseits braucht es dafür aber eben auch die nötigen politischen Rahmenbedingungen und Förderanreize sowie die entsprechende Anerkennung.


Welche Bedingungen und Anreize zum Beispiel?
Das A und O für die Umstellung sind genügend Vorlauf, eine gute Vorbereitung und die Schaffung von Absatzwegen. Auch genügend Freiraum, um die Umstellung organisieren zu können, ist wichtig. Für die Umstellung benötigt man einen finanziellen Puffer und eine gesunde wirtschaftliche Ausgangslage. Denn – gerade in der Tierhaltung – sind häufig größere Investitionen nötig und während der Umstellungszeit können die Einnahmen vorübergehend sinken. Die Wahl eines günstigen Umstellungszeitpunkts und realistische Investitionsplanungen sind ebenso wichtige Faktoren.


Die sogenannten Eco Schemes – als Angebot für Maßnahmen zum Umweltschutz – unterstützen doch Ökobauernhöfe. Mit welchen Problemen haben praktizierende Ökobäuerinnen und -bauern dennoch zu kämpfen?
Noch ist im Detail nicht klar, wie die Eco-Schemes für die Förderperiode der GAP (Gemeinsame Agrarpolitik) ab 2023 hierzulande ausgestaltet werden und wer letztendlich von ihnen profitieren kann. Zuletzt sah es jedoch leider so aus, dass landwirtschaftliche Biobetriebe teilweise von ihnen ausgeschlossen werden könnten, weil Eco-Schemes nicht mit anderen Fördermaßnahmen kombinierbar wären. Das würde eine deutliche Benachteiligung von Ökobetrieben im Fördergefüge bedeuten und die Ökoflächenziele der EU, des Bundes und vieler Bundesländer konterkarieren. Die neue Bundesregierung muss sich dafür einsetzen, dass es dazu nicht kommt.

„Immer mehr Verbraucher*innen [...] fragen verstärkt regionale Biolebensmittel nach. [...] Die Biofläche in Deutschland kann nicht mit dem Tempo mithalten.“

Gerald Wehde, Bioland

Stichwort faire Preise: Ein Kilo Bioäpfel kostet derzeit gut vier Euro, während zum gleichen Preis zwei Kilo aus konventioneller Ernte zu haben sind – was stimmt hier nicht?
Wer faire Preise fordert, muss zunächst über die wahren Preise der Lebensmittelproduktion sprechen. Die deutsche Landwirtschaft verursacht ökologische Kosten von 90 Milliarden Euro im Jahr. Das ist mehr als das Vierfache der Bruttowertschöpfung dieses Sektors. Die Vermeidung der beträchtlichen volkswirtschaftlichen Kosten muss Grundlage des notwendigen Transformationsprozesses für die Landwirtschaft werden. Und das bedeutet auch die Anwendung des Verursacherprinzips durch die Einführung von Abgaben auf chemisch-synthetische Pestizide und mineralischen Stickstoffdünger. Nicht umweltverträglich produzierte Lebensmittel würden sich so verteuern und der Abstand zu den Preisen von Biolebensmitteln wäre damit geringer.

Wenn die Fläche wächst, wird auch eine Steigerung des Absatzes nötig. Wie kann dies gefördert werden?
Immer mehr Verbraucher*innen wollen in ihrem Alltag einen Beitrag dazu leisten, die Lebensgrundlagen der kommenden Generationen zu bewahren und fragen daher verstärkt regionale Biolebensmittel nach. Das wurde besonders im vergangenen Corona-Jahr deutlich: Um 22 Prozent wuchs der Absatz von Biolebensmitteln. Von Biohofläden, über den Naturkosthandel bis zum Lebensmitteleinzelhandel werden die Biosortimente ausgebaut. Leider ist es also eher umgekehrt: Die Biofläche in Deutschland kann nicht mit dem Tempo mithalten.


Im Bundesprogramm Ökolandbau von 2001 war auch die Ökoforschung festgeschrieben. Die Mittel dafür sind in den vergangenen 20 Jahren stetig geschrumpft. Was fordern Sie von der künftigen Bundeslandwirtschaftsministerin oder dem Minister?
Im Bereich der Agrarforschung liegt der Anteil der Bundesgelder zur Weiterentwicklung des Ökolandbaus aktuell bei gerade mal 2 Prozent. Hier besteht ein deutliches Missverhältnis zur heutigen Bedeutung des Ökolandbaus, der 10 Prozent der Agrarfläche einnimmt – aber auch zum nationalen Ziel von 20 Prozent Ökofläche bis 2030. Die Agrarforschungsmittel müssen bis 2025 auf mindestens 20 Prozent erhöht werden, um mit dem Ausbau der Ökofläche mithalten zu können. Dazu muss die Ressortforschung zum Ökolandbau deutlich aufgestockt werden. Für alle Bundesministerien mit Forschungsaktivitäten im Agrar- und Ernährungsbereich muss zudem eine verbindliche Quote von 20 Prozent der Finanzmittel für den Systemansatz des Ökolandbaus reserviert werden. Nur so können wichtige Forschungsthemen, die es im Ökolandbau über die gesamte Wertschöpfungskette zuhauf gibt, auch gezielt abgedeckt werden. Zusätzlich muss der Bund das Bundesprogramm ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) wieder auf den Ökolandbau konzentrieren und finanziell deutlich ausbauen.

[Interview: Marion Busch]