Landwirtschaft und Gentechnik

Genschere: Nobelpreis für die "Büchse der Pandora"?

09.10.2020

c. pixabay

"Ein Nobelpreis für Berlin" übertitelte die Berliner Zeitung den Artikel über die Verleihung des Chemienobelpreises an Emmanuelle Charpentier vom Berliner Max-Planck-Institut für Pathogene und Jennifer A. Doudna von der Universität von Kalifornien, Berkeley. Andere betonten, dass seit 1901 überhaupt erst fünf Frauen den Nobelpreis erhielten. Umweltverbände warnten eher vor ungewollten Folgen der neuen Gentechnikmethode.

Charpentier und Doudna hätten eines der schärfsten Werkzeuge der Gentechnologie entdeckt: die genetische Schere CRISPR/Cas9. Damit könne die Forschung die DNA von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen mit höchster Präzision verändern. "Diese Technologie hat einen revolutionären Einfluss auf die Biowissenschaften gehabt, trägt zu neuen Krebstherapien bei und könnte den Traum von der Heilung vererbter Krankheiten wahr werden lassen", lobte das Nobelpreiskomitee.

Daniela Wannemacher, Gentechnik-Expertin des BUND, kommentierte die Vergabe eher kritisch, da die CRISPR/Cas-Methode "umfassende Manipulationen am Genom" ermögliche. Umso wichtiger sei es bei der Anwendung der "Genschere", dass das Vorsorgeprinzip und ein verantwortungsvoller Umgang mit der mächtigen Technologie gesichert seien. Deshalb habe auch der Europäische Gerichtshof 2018 gefordert, dass Verfahren wie CRISPR/Cas dem europäischen Gentechnikrecht unterstellt bleiben. "Deshalb: Ohne Risikoprüfung, Zulassung und Kennzeichnung nach EU-Gentechnik-Freisetzungsrichtlinie dürfen keine CRISPR-Pflanzen auf den Acker und keine CRISPR-Tiere in den Stall. Und es darf keine Freisetzung von neuen Anwendungen wie Gene Drives geben, die das Potenzial haben, ganze Ökosysteme empfindlich zu stören", forderte Wannemacher.

Christoph Then vom Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie Testbiotech warnte, es sei "ein Nobelpreis für die Büchse der Pandora". Denn diese Technologie bedeute eine enorme Herausforderung und Verantwortung für alle Beteiligten. "Die Zukunft des Lebens auf diesem Planeten hängt ganz wesentlich davon ab, ob wir es schaffen, den Anwendungen dieser neuen Gentechnik klare Grenzen zu setzen. Wir müssen verhindern, dass das Erbgut von Mensch, Tier und Pflanzen zum Spielball von Profitinteressen und technischer Hybris wird", mahnte Then. CRISPR-Cas eröffne neue Möglichkeiten zur Veränderung des Erbguts: Sie ermögliche sowohl Veränderungen durch das Entfernen natürlicher Erbanlagen als auch durch das Einfügen künstlicher, synthetisierter DNA. Testbiotech warnt vor einem unkontrollierten Einsatz der Genschere im Bereich Landwirtschaft und Umwelt und zudem vor zunehmender Patentierung von Saatgut und Nutztieren. Mit Sorge verfolge das Institut, dass eine wachsende Anzahl von Firmen und Expert*innen immer stärker wirtschaftliche Erwartungen in den Vordergrund stellen und die verpflichtenden Risikoprüfungen abschaffen will. Die Anwendungsmöglichkeiten erstreckten sich zudem nicht nur auf Nutzpflanzen und Nutztiere, sondern beträfen auch die natürliche biologische Vielfalt wie Insekten, Wildtiere, Bäume und Gräser. Damit könne die Neue Gentechnik die Artenvielfalt gefährden. Zudem spiele die CRISPR-Technologie eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung sogenannter Gene Drives, die es ermöglichen sollen, ganze natürliche Populationen zu verändern oder auszurotten. Probleme sieht Testbiotech auch in der stark zunehmenden Anzahl von Tierversuchen im Bereich Gentechnik. [jg]

Pressemitteilung Nobelkomitee (07.10.2020)

BUND-Kommentar zur Nobelpreisvergabe (07.10.2020)

Pressemitteilung testbiotech (07.10.2020)

Publikation zu Gentechnik und Artenschutz/Autor: Christoph Then

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Heinrich-Böll-Stiftung

Eine Zusammenfassung von Reaktionen auf den Nobelpreis und Publikationen zum Thema findet sich hier: www.klima-der-gerechtigkeit.de