Landwirtschaft und Gentechnik

Neue Gentechnik kann sich nicht mehr verstecken

10.09.2020

Lebensmittel- und zivilgesellschaftliche Verbände haben in dieser Woche ein wissenschaftliches Verfahren vorgestellt, mit dem der Einsatz neuer Gentechnik bei Pflanzen nachgewiesen werden kann. Das könnte den Umgang mit Verfahren wie Crispr/Cas in der EU grundlegend ändern.

Nachweisverfahren für neue Gentechnik

Ein solcher Nachweis von Genmanipulation durch neue Verfahren wie CRISPR/Cas war bisher nicht möglich, was dazu führte, dass die EU-Vorschriften für gentechnisch veränderte Pflanzen (GVO) in der Praxis nicht auf Organismen angewendet werden konnten, die mit diesen neuen Verfahren erzeugt wurden. Konkret geht es bei dem Verfahren um den Nachweis der ersten kommerziell vertriebenen gentechnisch veränderten Rapssorte einer US-amerikanischen Firma.

Der neue Test könne die Mitgliedstaaten der EU dabei unterstützen, das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) von 2018 umzusetzen. Das Gericht hatte damals geurteilt, dass auch neue gentechnische Verfahren unter das EU-Gentechnikrecht fallen (siehe EU-News vom 25.07.2018). Nationale Regierungsbehörden konnten GVO, die mit neuen Pflanzenzüchtungstechniken entwickelt wurden, bisher jedoch nicht von anderen, nicht-gentechnisch veränderten Pflanzen unterscheiden.

In einem Brief an EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides fordern die Verbände sie auf, den Mitgliedstaaten das Nachweisverfahren als Testmethode vorzuschlagen, „um jegliches illegale Vorhandensein dieser gentechnisch veränderten Kulturpflanze auf dem EU-Markt zu identifizieren.“ Zudem sei es nun wichtig, dass auch für weitere GVO Testverfahren entwickelt würden.

Für Heike Moldenhauer, EU-Referentin beim Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) stellt das neue Verfahren einen „Meilenstein“ dar, der „Imkern, Landwirten, Züchtern, Futter- und Lebensmittelverarbeitern und Einzelhändlern“ dabei helfe, „diese neuen GVO aus ihren Lieferketten herauszuhalten und die Nachfrage der Verbraucher nach gentechnikfreien Lebensmitteln zu befriedigen.“ Es gebe nun keine Entschuldigung mehr dafür, „die bestehenden GVO-Sicherheits- und Kennzeichnungsvorschriften nicht auf diese neuen GVO anzuwenden“, erklärte auch Franziska Achtenberg, Direktorin für EU-Lebensmittelpolitik bei Greenpeace EU.

Peter Röhrig, Geschäftsführer des Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) erklärte: „Dass die, die Gentechnik gar nicht nutzen, jetzt auch noch für Nachweisverfahren sorgen, wirft ein schlechtes Licht auf Landwirtschaftsministerin Klöckner. Schließlich muss auch Deutschland dafür sorgen, dass das geltende Gentechnikrecht umgesetzt wird. Das schließt ein, dass diejenigen, die Gentechnikgewächse auf den Markt bringen, auch ein Nachweisverfahren anbieten müssen.“

Auch Martin Häusling, Mitglied des EU-Parlaments (Grüne/EFA), forderte, das neue Nachweisverfahren nun „sofort bei Lebens- und Futtermittelkontrollen einzusetzen“ und somit die bestehenden EU-Regelungen einzuhalten. Zudem müsse die Biotechnologie-Industrie dazu verpflichtet werden, Nachweisverfahren für weitere Pflanzen zu entwickeln, die sie vermarkten möchten.

Voraussichtlich im April 2021 wird die EU-Kommission eine Studie über die Rolle der neuen Gentechnik im EU-Recht vorlegen.

Gene Drives

Ebenfalls in dieser Woche wandte sich eine Gruppe von EU-Abgeordneten an die deutschen Ministerinnen Julia Klöckner (Landwirtschaft) und Svenja Schulze (Umwelt), um vor den Folgen von Gene Drive-Technologien zu warnen. Gene Drives sind Manipulationen am Erbgut, durch die eine gentechnisch eingebaute Eigenschaft in Pflanzen oder Tieren dominant vererbt wird und sich dadurch besonders schnell in einer Population ausbreitet. Sie könnten „ganze Arten dauerhaft verändern oder sogar vollkommen auslöschen“, so Martin Häusling, einer der Unterzeichner des Briefs. Die deutsche Regierung, die die EU derzeit im Rahmen der Ratspräsidentschaft vertritt, müsse sich deshalb in den derzeit stattfindenden Vorbereitungen der Biodiversitäts-Konferenz der Vereinten Nationen für eine „entsprechende Vorsorge stark machen. [km]

Brief an Kyriakides

Pressemitteilung Greenpeace EU

Pressemitteilung BÖLW

Pressemitteilung Martin Häusling

Pressemitteilung Martin Häusling zu Gene Drives

Brief an Klöckner und Schulze