Naturschutz & Biodiversität

Lage der Natur: Kann Deutschland das Vertragsverletzungsverfahren abwenden?

19.05.2020

c. pixabay

75 Prozent der untersuchten Arten und 70 Prozent der Lebensräume in Deutschland sind in keinem günstigen Erhaltungszustand - das ist dem Bericht zur Lage der Natur zu entnehmen, den Bundesumweltministerin Svenja Schulze und die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz Beate Jessel am Dienstag vorstellten.

"Der Natur in Deutschland geht es insgesamt nicht gut genug", heißt es lapidar in der behördlichen Mitteilung. "Alarmierend" nennt es der NABU. Der BUND kritisiert, dass "die Zukunftsfragen im Naturschutz in Deutschland vielfach immer noch unbeantwortet" sind.

Vor allem in der Agrarlandschaft geht es der Natur "besorgniserregend schlecht", so die Umweltministerin. Artenreiche Wiesen und Weiden gibt es viel zu wenige, so dass es immer weniger Insekten, Kiebitze und Rebhühner gibt. Nur 25 Prozent der untersuchten Arten seien in einem günstigen Erhaltungszustand, darunter der Seehund und die Kegelrobbe in der Nordsee oder der Steinbock in den Alpen. 30 Prozent seien in einem unzureichenden, 33 Prozent in einem schlechten Zustand. Bei den Lebensräumen sehe es ähnlich aus. Hier seien 30 Prozent in einem günstigen Zustand, zum Beispiel verschiedene Wald-Lebensräume, alpine Heiden und Gebüsche sowie Fels-Lebensräume. 32 Prozent wiesen einen unzureichenden Zustand auf, während sich 37 Prozent der untersuchten Lebensräume in einem schlechten Zustand befänden, vor allem die landwirtschaftlich genutzten Grünland-Flächen, aber auch Seen und Moore.

Der Bericht basiert auf Daten, die alle sechs Jahre erhoben und im Rahmen der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) und der Vogelschutz-Richtlinie an die EU-Kommission berichtet werden. Es wurden insgesamt rund 14.000 Stichproben von den Sandbänken in der Nordsee bis zu den Lärchenwäldern in den Alpen sowie vielen weiteren Beobachtungen aus dem bundesweiten Vogelmonitoring zusammengetragen. BfN-Chefin Jessel forderte, dass der Schutz des Grünlands nicht nur auf europäischer, sondern auch auf nationaler Ebene verbessert werden müsse. Renaturierte Feuchtgebiete, intakte Moore und nachhaltig genutzte Wälder könnten entscheidend zu Klimaschutz und Klimaanpassung beitragen. Noch in diesem Jahr soll ein Insektenschutzgesetz verabschiedet werden.
 
Der NABU zeigte anhand einiger Beispiele, wie drastisch der Rückgang bei bestimmten Vogelarten tatsächlich ist: "Die Population des Rebhuhns ist seit 1980 um 91 Prozent zurückgegangen, die Feldlerche hat weniger als die Hälfte der Brutpaare, die sie noch vor 40 Jahren hatte." Der Bestand an Feldvögeln habe seit 1980 um über ein Drittel abgenommen. Immerhin sei der Bestand der Vögel in Wäldern und Siedlungen stabil geblieben. Die Prognosen für Schmetterlinge und Fledermäuse seien gleichbleibend schlecht. Bei den Lebenräumen geht der Trend ebenfalls bergab oder ist schon extrem ungünstig: Moore, Sümpfe, Quellen, alpine Grünlandräume - wo man hinblickt, ist die Aussicht düster. Deutschland muss dringend mehr tun, auch, um ein Vertragsverletzungsverfahren wegen unzureichender Umsetzung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie zu entschärfen. Bis zum 15. Juni kann die Bundesregierung eine Anklageerhebung vor dem Gerichtshof der Europäischen Union noch abwenden (EU-News 13.02.2020).
 
Antje von Broock, BUND-Geschäftsführerin für Politik und Kommunikation betonte anlässlich der Veröffentlichung des Berichtes die Wichtigkeit von Naturschutz in Zeiten der Klimakrise und des Artensterbens: "Die gute Botschaft des Berichts: Das europäische Netzwerk der Natura-2000-Gebiete funktioniert, wenn es solide finanziert und mit Personal unterstützt wird. Die schlechte Botschaft: Die Treiber des Artenverlustes wirken vielerorts unvermittelt weiter. Die Zahlen offenbaren, dass die Zukunftsfragen im Naturschutz in Deutschland vielfach immer noch unbeantwortet sind. Das ist nach 28 Jahren Natura 2000 ein Offenbarungseid im Naturschutz." Es brauche ein Umdenken bei der Intensivierung der Landwirtschaft mit ihrem Einsatz von Pestiziden und dem übermäßigen Ausbringen von Gülle. Intensive Viehhaltung und dadurch folgende Nährstoffeinträge zerstörten sensible Lebensräume wie Moore und belasteten selbst Nord- und Ostsee in erheblichem Maße. Aus Sicht des BUND sei es dringend geboten, dass die Bundesländer ressortübergreifend ihre Verantwortung für eine nachhaltige Zukunft der biologischen Vielfalt wahrnehmen. [jg]

Pressemitteilung BMU mit ausführlichen Berichten

Reaktion NABU

Reaktion BUND

Berichterstattung EurActiv: Bericht zur Lage der Natur: Einem Drittel der Tierarten in Deutschland geht es schlecht