Landwirtschaft und Gentechnik

Umweltausschuss: Keine Reserveantibiotika in der Tierhaltung

13.07.2021

Die Mitglieder des Umweltausschusses (ENVI) im EU-Parlament haben am Dienstag eine Durchführungsverordnung der EU-Kommission zur EU-Tierarzneimittelverordnung kritisiert. Diese würde den Einsatz von Reserveantibiotika in der Landwirtschaft ermöglichen.

Mit 38 Stimmen dafür, 18 Stimmen dagegen und 22 Enthaltungen stimmten die Ausschussmitglieder für einen Einwand gegen die Durchführungsverordnung. In dem Rechtsakt formuliert die EU-Kommission Kriterien für Reserveantibiotika und legt somit eine Liste erlaubter Medikamente in der Tierhaltung fest. Dieser Katalog enthalte jedoch zu viele Schlupflöcher und erlaube weiterhin die Verwendung von Antibiotika, die von der Weltgesundheitsorganisation als höchste Priorität für den Menschen eingestuft werden, heißt es im Einwand des ENVI. Deshalb müsse der Katalog „dringend überarbeitet werden“, erklärte Martin Häusling (Grüne/EFA, Deutschland), der die Resolution vorbereitet hatte. „Ohne ein scharfes Umsteuern beim Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung wird sich die Zahl der Toten durch multiresistente Keime drastisch erhöhen“, so Häusling. Werden Antibiotika in der Tierhaltung eingesetzt, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass immer mehr Menschen Resistenzen gegen diese Medikamente bilden.

Auf Grundlage der ENVI-Position stimmt nach der Sommerpause das Plenum des EU-Parlaments über den Sachverhalt ab. Schließt eine Mehrheit der EU-Abgeordneten sich der Ausschussposition an, muss die EU-Kommission ihre Durchführungsverordnung überarbeiten.

Verschiedene Umwelt- und Gesundheitsorganisationen sowie medizinische Vereinigungen hatten die Ausschussmitglieder vor der Abstimmung am Dienstag aufgefordert, dem Einwand zuzustimmen. „Es geht hier um Antibiotika, die für manche Erkrankungen bei einigen Menschen das letzte oder sogar einzige wirksame Mittel darstellen – wir können es uns nicht leisten, die Wirksamkeit dieser Antibiotika durch den Einsatz in der industriellen Massentierhaltung aufs Spiel zu setzen“, erklärte Konstantinos Tsilimekis, Referent für Landwirtschaft, Tierhaltung und Antibiotika bei Germanwatch. Gemeinsam mit sieben anderen Organisationen wandte sich Germanwatch in einem Brief an die ENVI-Abgeordneten. Als Beispiel für ein noch in der Tierhaltung erlaubtes Medikament führten die Organisationen Colistin an, das für die Behandlung von Mukoviszidose verwendet wird und für das bisher kaum alternative Therapien zur Verfügung stünden.

Auch die Europäische Ärztevereinigung (Standing Committee of European Doctors, CPME) monierte, dass der Entwurf der EU-Kommission es nicht schaffe, „Antibiotika zu schützen, die für den Menschen entscheidend sind, um die Ausbreitung antimikrobieller Resistenzen einzudämmen und damit die menschliche Gesundheit und das Leben angemessen zu schützen.“ „Besonders besorgniserregend“ sei der Vorschlag der EU-Kommission, dass ein Antibiotika nur dann für den Menschen reserviert werden dürfe, wenn es für die Tiergesundheit nicht unerlässlich ist, erklärte CPME in einem Brief an die EU-Abgeordneten.

Sowohl CPME als auch Häusling machten darauf aufmerksam, dass viele Infektionen in Tierbeständen durch bessere Haltungsbedingungen vermieden werden könnten. [km]

ENVI: Resolutionsentwurf

ENVI auf Twitter zum Abstimmungsergebnis

Entwurf des Durchführungsakts der EU-Kommission: 2021/2718(DEA): Criteria for the designation of antimicrobials to be reserved for the treatment of certain infections in humans

Germanwatch: EU-Tierarzneimittelverordnung: Verbände fordern, dass für Menschen besonders wichtige Antibiotika nicht in der Tierhaltung eingesetzt werden

Brief von Germanwatch und sieben weiteren Organisationen an ENVI Ausschuss

Brief der Europäischen Ärztevereinigung an ENVI Ausschuss

Martin Häusling: Notfallretter Reserveantibiotika versagen: Anwendung im Stall muss streng reglementiert werden!

Martin Häusling: Unzureichender Vorschlag erstmal gestoppt: Anwendungsbereich von Reserveantibiotika streng reglementieren!



Diskussion über EU-Strategie gegen Tierversuche

Während ihrer Plenumssitzung vergangene Woche tauschten sich die Abgeordneten des Europäischen Parlaments mit der EU-Kommission über Tierversuche aus. Die EU hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Verwendung von Tieren für wissenschaftliche Zwecke zu beenden. Im September wollen die Parlamentarier*innen eine Rolsution zu diesem Thema verabschieden. Für Christina Ledermann, Vorsitzende des Bundesverbandes Menschen für Tierrechte, ist klar: "Was wir brauchen, ist eine umfassende Gesamtstrategie, die Maßnahmen, feste Zielvorgaben, Fristen und Verantwortlichkeiten festlegt." Der für den Herbst angekündigte Fahrplan der EU-Kommission müsse "endlich den Weg in eine tierversuchsfreie Zukunft ebnen", so Ledermann.

Zur Pressemitteilung des Bundesverbandes Menschen für Tierrechte