Wasser & Meere

Gemeinsame Fischereipolitik versagt besonders im Mittelmeer

17.06.2021

Umwelt- und Meeresschutzorganisationen beklagen zu hohe Überfischungsraten in Mittelmeer und Atlantik. Diese stiegen nach einem Jahrzehnt der Erholung sogar wieder an: 43 Prozent der bewerteten Fischpopulationen im Atlantik und sogar 83 Prozent im Mittelmeer seien überfischt.

In einem gemeinsamen Papier (Common Fisheries Policy: Mission not yet accomplished) zur "unvollendeten Mission" der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) forderten BirdLife Europe, ClientEarth, The Fisheries Secretariat, Oceana, Our Fish, Seas At Risk und WWF die EU-Institutionen auf, die Vorgaben der GFP endlich zu erfüllen. Das Bündnis der Organisationen hat neun Herausforderungen identifiziert und Lösungsvorschläge dafür entwickelt.

  1. Überfischung hält an, weil die Fangquoten die wissenschaftlichen Empfehlungen übersteigen.
  2. Das Mittelmeer ist nach wie vor das am meisten überfischte Meer der Welt.
  3. Die Nichtbefolgung der Anlandeverpflichtung führt zu unbeabsichtigten Konsequenzen.
  4. Die Mitgliedstaaten haben immer noch keine geeigneten Managementmaßnahmen, die den schädlichen Einfluss von Fischereiaktivitäten auf Arten und Lebensräume reduzieren.
  5. In den meisten Mitgliedstaaten fördern die geltenden Fangquoten eher große, industrielle Fischereibetriebe anstatt weniger schädliche Praktiken.
  6. Die EU fördert umweltschädliche Subventionspolitik im Fischereifonds (European Maritime Fisheries and Aquaculture Fund, EMFAF), der Energiesteuerrichtlinie und staatlichen Beihilfen für die Fischerei.
  7. Der Regionalisierungsprozess (dazu gehören auch die mehrjährigen Fischereipläne) ist zutiefst fehlerhaft und ineffektiv, wenn es darum geht, nachhaltige Fischerei zu betreiben.
  8. Die internen und externen Dimensionen der GFP sind nicht gut genug aufeinander abgestimmt.
  9. Die GFP hat keinen Bezug zur größten Herausforderung unserer Generation, sie schweigt zum Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Ökosysteme und die Resilienz der Meere.

Große Schritte wagen

Die Zeit von "kleinen Schritten in die richtige Richtung" sei endgültig vorbei, vielmehr müsse die EU ihre eigenen und ihre internationalen Verpflichtungen endlich angehen. Ohne einen angemessenen Schutz der Ökosysteme riskiere die menschliche Gesellschaft ihre Existenz. Laut Gesetzestext muss die EU-Kommission bis zum 31. Dezember 2022 einen Bericht erarbeiten, wie gut die GFP seit ihrer Einführung gewirkt habe. Die Verbände haben schon eine konstruktive Kritik zur Verbesserung der derzeitigen Politikpraxis vorgelegt.

Die Europäische Kommission hatte in der letzten Woche die Fortschritte in der EU-Fischereipolitik bewertet, die Ausgangslage für die Fangmöglichkeiten für 2022 skizziert und das Ganze zur öffentlichen Kommentierung (Konsultation) freigegeben (EU-News 10.06.2021). Im August will die EU-Kommission die Ostseefangquoten vorschlagen, im September die für Mittelmeer und Schwarzes Meer, im Oktober die für Atlantik und Nordsee. Traditionell tagt der Fischereirat der Mitgliedstaaten im Oktober und Dezember, um zu den Fangquoten Stellung zu beziehen und sie zu beschließen. [jg]

Report: Common Fisheries Policy: Mission not yet accomplished

Pressemitteilung Oceana: Overfishing rate back on the rise after a decade of recovery


ClientEarth vs. Niederlande

Klage gegen unzureichende Kontrollen von Überfischung und Anlandung

Die Umweltrechtsorganisation ClientEarth hat Mitte Juni Rechtsmittel gegen die niederländischen Behörden eingereicht. Für die Überwachung der Fischereibetriebe in Sachen Überfischung und Anlandungsverpflichtung gebe es insgesamt nur zwei Inspektoren. Dabei brächten niederländische Supertrawler jedes Jahr rund 400 Millionen Kilo (etwa ein Drittel der EU-Quote für diese Arten) gefrorenen Hering, Makrele und Blauen Wittling über die niederländischen Häfen auf den EU-Markt. Jede Woche würden rund 10.000 Tonnen Fisch in niederländischen Häfen angelandet. Die zuständige Behörde stelle aber nicht sicher, dass der gefangene und angelandete Fisch ordnungsgemäß gewogen werde. Weiterlesen


Marine Stewardship Council

Konsultationen zu neuen Standards

Der Marine Stewardship Council (MSC) überarbeitet zurzeit die Standards für Kriterien zur (möglichst) nachhaltigen Fischerei. Einige Beteiligungsmöglichkeiten laufen bereits heute aus. Angekündigt ist eine neue Konsultation zu gefährdeten, bedrohten und geschützten Arten, die von Ende Juni bis Ende Juli laufen soll. Weiterlesen


Meeresschutz in Deutschland

DUH und WDC fordern effektive Meeresschutzgebiete und wirksame Fischereiregulierung

Weil wirksam unter Schutz stehende Meeresschutzgebiete "essentiell im Kampf gegen die Biodiversitäts- und Klimakrise" seien, haben Deutsche Umwelthilfe (DUH) und Whale and Dolphin Conservation (WDC) die Bundesregierung aufgefordert, sich für eine Regulierung umweltschädlicher Fischereipraktiken, wie Grundschleppnetz- und Stellnetzfischerei, einzusetzen. Um das gesamte Klimaschutzpotenzial von marinen Ökosystemen auszuschöpfen, müssten außerdem 30 Prozent der Meeresflächen in Deutschland sowie weltweit effektiv geschützt werden. Dazu gehören auch Nullnutzungszonen von mindestens 50 Prozent dieser geschützten Meeresflächen. Dort müsse jegliche menschliche Nutzung verboten sein, damit diese echte Ruhezonen zur Erholung von Arten sein könnten. Weiterlesen


BUND-Meeresschutzbüro

Laut der UN-Welternährungsorganisation (FAO) sind 34 Prozent der weltweiten Fischbestände überfischt, 60 Prozent sind bis an die biologischen Grenzen ausgebeutet und stehen kurz vor einer Überfischung, schreibt der BUND. Auch um das Leben in Nord- und Ostsee stehe es schlecht. Angesichts der Dringlichkeit hat die Organisation ihr Meeresschutzbüro personell verstärkt. Industrielle Fischerei sei die "größte Belastung für die Meere", weshalb der BUND vermehrt auf diese Problematik aufmerksam machen will. Weiterlesen