Wirtschaft & Ressourcen

Wie der europäische Konsum den Regenwald und die Artenvielfalt zerstört

15.04.2021

16 Prozent der weltweiten Rodung von tropischen Wäldern durch Handel gehen auf das Konto der EU, stellt der WWF fest. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) berechnet das Potenzial nachhaltiger Wirtschaftsformen im Kampf gegen das Artensterben.

WWF: Weltrangliste der Waldzerstörer

In einer am Mittwoch veröffentlichten Studie untersucht der WWF die Auswirkungen internationaler Handelsströme auf Naturzerstörungen im Zeitraum von 2005 bis 2017. Die Stiftung kommt zu dem Schluss, dass die EU aufgrund ihrer großen Menge importierten Sojas, Palmöls und Rindfleischs auf Platz zwei der „Weltrangliste der Waldzerstörer“ liegt. Nur China habe mit 24 Prozent noch mehr zur Abholzung beigetragen. Auch die Nachfrage nach Holzprodukten, Kakao und Kaffee habe tropische Waldflächen zerstört. Der WWF machte darauf aufmerksam, dass die Entwaldung, die auf den europäischen Handel zurückzuführen ist, 116 Millionen Tonnen CO2 verursacht habe, die in keiner Emissionsstatistik der EU auftauchten.

Die EU-Kommission bereitet derzeit einen Gesetzentwurf für entwaldungsfreie Lieferketten vor, der ebensolche Zerstörungen verhindern soll. Das EU-Parlament hatte die Kommission aufgefordert, darin verbindliche Umwelt- und Sozialstandards für den internationalen Handel vorzuschlagen (siehe EU-News vom 23.10.2020).

Der WWF forderte die Bundesregierung auf, sich auf EU-Ebene für ein starkes Gesetz einzusetzen und sicherzustellen, dass nicht nur Wälder, sondern auch andere Ökosysteme wie Feuchtgebiete oder Grasland geschützt werden – ansonsten verlagere sich das Problem nur.

Innerhalb der EU ist Deutschland als größter Importeur ganz vorne mit dabei: Im Untersuchungszeitraum seien jährlich 43.700 Hektar Wald „für deutsche Importe vernichtet“ worden, so der WWF. Ganze 80 Prozent der in die EU importierten Entwaldung seien auf Deutschland, Italien, Spanien, Großbritannien, die Niederlande, Frankreich, Belgien und Polen zurückzuführen.

Christine Scholl, WWF-Expertin für nachhaltige Lieferketten, wies darauf hin, dass natürliche Ökosysteme wie Wälder für die Menschen eine „Lebensversicherung“ darstellen: „Sie sind Klimaretter, eine Schatzkammer der Artenvielfalt und ein Bollwerk gegen künftige Pandemien.“ Deshalb brauche es einen „Paradigmenwechsel im globalen Handel: Produkte, die auf dem europäischen Markt landen, dürfen nicht auf Kosten von Natur und Menschenrechten produziert werden“.

IUCN: Wir wir unsere Auswirkungen auf das Artensterben berechnen können

Dass sich auch an der grundlegenden Art, wie wir wirtschaften und beispielsweise Lebensmittel und Holzprodukte herstellen, etwas ändern muss, zeigt die Weltnaturschutzunion (IUCN) in einer neuen Studie. Darin kommt sie zu dem Schluss, dass „eine weltweite Umstellung auf nachhaltige Landwirtschaft und Holzproduktion die wichtigsten Faktoren für das Aussterben landbasierter Tier- und Pflanzenarten um 40 Prozent reduzieren“ würde. Mithilfe einer neuen Berechnungsmethode (STAR-Metrik: Species Threat Abatement and Restoration) sei es den Autor*innen der Studie gelungen, die Auswirkungen einzelner Maßnahmen auf das Aussterbe-Risiko von Amphibien-, Vogel- und Säugetierarten zu berechnen. So könnten beispielsweise einzelne Unternehmen oder Institutionen berechnen, wie sich ihr Verhalten auf das Artensterben auswirkt.

Das größte Potenzial für Maßnahmen, die zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen, sehen die Autor*innen der Studie im Landwirtschaftssektor. Würden die Bedrohungen, „die mit der Landwirtschaft einhergehen“, beseitigt, könnte das Aussterbe-Risiko der untersuchten Arten um 24 Prozent reduziert werden. Besonders wirksam seien zudem Maßnahmen in Lebensräumen mit Schlüsselfunktionen für die Artenvielfalt (Key Biodiversity Areas). [km]

Pressemitteilung des WWF

WWF-Bericht: Stepping up? The continuing impact of EU consumption on nature worldwide

Pressemitteilung von IUCN

IUCN-Studie: A metric for spatially explicit contributions to science-based species targets

Abholzung zur Energiegewinnung: Folgen für die Biodiversität

Bioenergie spielt eine große Rolle für die verheerenden Auswirkungen der Waldbewirtschaftung auf die Tierwelt und die Artenvielfalt in der EU. In einem neuen Factsteet erklärt die Waldschutzorganisation Fern diesen Zusammenhang und die Entwicklung in den letzten Jahren.

(c) Fern


Die Auswirkung von Monokulturen auf Infektionskrankheiten

Eine Studie des Centre National de la Recherche Scientifique und der Kasetsart University kommt zu dem Schluss, dass Entwaldung und auch bestimmte Arten von Wiederaufforstung sowie kommerzielle Palmplantagen die Ausbreitung von Infektionskrankheiten beschleunigen. Der durch diese Aktivitäten verursachte Verlust der Artenvielfalt kann die Übertragung von Krankheitserregern wie Sars-CoV-2 auf den Menschen begünstigen.