Pressestatement | 09.08.2021

DNR-Kommentar zum 6. IPPC-Sachstandsbericht

09.08.2021

Berlin - Zur heutigen Präsentation des sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarates kommentiert Prof. Dr. Kai Niebert, Präsident des Umweltdachverbandes Deutscher Naturschutzring (DNR):

„Der Bericht des Weltklimarats ist leider erwartbar dramatisch. Die Klimakrise verschärft sich mit jedem Molekül Klimagas. Weltweit drohen bereits in 10 Jahren ganze Regionen unbewohnbar zu werden. Und Europa, das sich bisher in relativer Sicherheit wähnte, wird zum Brennglas der Folgen der Klimakrise. Extremwetterereignisse wie Hitzewellen, Waldbrände, Starkregen und Flutkatastrophen werden in Europa zur neuen Normalität. Die Klimakrise ist vor unserer Haustür angekommen. Schon die derzeitigen 1,1 Grad Erwärmung führen zu verheerenden Konsequenzen. Diese sind ein Vorgeschmack auf eine Welt jenseits der 1,5 Grad Erwärmung.

Auch in Deutschland haben sich im letzten Jahr zu Unrecht einige über sinkende CO2-Emissionen gefreut. Wie erwartet, war der Effekt der Coronakrise auf das Klima nur vorübergehend. Für ein nachhaltiges Umsteuern reicht keine Krise, dafür braucht es die Transformation von Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft in einer völlig neuen Geschwindigkeit.

Der Sachstandsbericht stellt nüchtern fest, dass neben der CO2-Konzentration insbesondere Methan das Klima in nie dagewesener Weise aufheizt. Also ein Gas, das insbesondere bei der Gewinnung und dem Transport von Erdgas und in der Massentierhaltung freigesetzt wird und um ein Vielfaches klimaschädlicher als CO2 ist. Und während noch die Trümmer der jüngsten Flutkatastrophe geräumt werden, feiert sich die Bundesregierung für einen Deal mit den USA, der den Weiterbau der gigantischen und energiepolitisch unnötigen Gaspipeline Nordstream 2 möglich macht. Noch immer werden Terminals für Flüssiggas aus der ganzen Welt geplant und wirksame Instrumente zur Reduktion der Tierbestände blockiert.

Anstatt die Bevölkerung wirksam vor den unaufhaltsamen Folgen des Klimawandels zu schützen und die Eskalation der Krise zu begrenzen, setzen auch im Vorfeld der Bundestagswahl Teile der Politik noch darauf, mit Klimaprosa statt Klimaschutz durchzukommen. Doch der Bericht des Weltklimarates zeigt auf: Es ist keine Zeit mehr für ideologische Abstandsregelungen für Windräder oder fossile Geopolitik mit Russland.

Der Bericht ist eine Mahnung: Jetzt müssen alle Sektoren liefern – und zwar schneller als gedacht. Konkret heißt dies, dass die Überprüfung des Kohleausstiegspfads sofort und nicht erst 2023 stattfinden muss. Gleichzeitig zeigen sich, dass wir uns keine weiteren Klimalasten erlauben dürfen. Insbesondere das Bundeslandwirtschaftsministerium ist gefordert, seine Blockade beim Moorschutz aufzugeben und Landwirte zu aktiven Klimaschützern zu machen. Um insbesondere die hoch klimawirksamen Methanemissionen zu senken, müssen umgehend Maßnahmen zur Anpassung der Tierbestände an die Klimaziele entsprechend der Empfehlungen der Zukunftskommission Landwirtschaft erlassen werden.

"Wir brauchen eine Entfesselung der Erneuerbaren Energien und den konsequenten, massiv beschleunigten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas. Um bis 2030 aus der Kohle auszusteigen und den Gasbedarf zu reduzieren, muss der jährliche Zubau der Windenergie an Land auf mindestens 7 Gigawatt gesteigert werden, jede nutzbare Fläche für Solarenergie verpflichtend genutzt und auch die Windkraft auf dem Meer viel ambitionierter ausgebaut werden."

Prof. Dr. Kai Niebert, DNR-Präsident

Wir brauchen eine Entfesselung der Erneuerbaren Energien und den konsequenten, massiv beschleunigten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas. Um bis 2030 aus der Kohle auszusteigen und den Gasbedarf zu reduzieren, muss der jährliche Zubau der Windenergie an Land auf mindestens 7 Gigawatt gesteigert werden, jede nutzbare Fläche für Solarenergie verpflichtend genutzt und auch die Windkraft auf dem Meer viel ambitionierter ausgebaut werden.

Das heißt aber auch, die Übernutzung der Flächen zu verhindern und Biodiversität und Artenvielfalt zu stärken. Der beschleunigte Ausbau der Erneuerbaren Energien bedingt die Reduktion naturschädlicher Eingriffe wie der industrialisierten Landwirtschaft, Überfischung oder Flächenversiegelung. Dafür braucht es bundesweit verbindliche Regelungen für den Schutz von Natur und Klima. Es wird Zeit, die Erneuerbaren Energien aus ihren Fesseln zu befreien und gleichzeitig die Natur zu schützen.

Der heutige Sachstandsbericht des IPCC schockiert mit seinen Prognosen. Aber er zeigt auch auf: Noch können wir das Schlimmste verhindern, denn jedes Zehntelgrad zählt. Dafür sind die nächsten Jahre entscheidend. Die Trümmerlandschaften der Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz belegen eindrücklich die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Weltklimarats: Die nächste Legislaturperiode wird die letzte sein, die darüber entscheidet, ob wir der Klimakrise hinterherlaufen oder durch konsequentes Handeln nicht nur unsere Zukunft sichern, sondern auch nachhaltigen Wohlstand schaffen. Der DNR hat mit seinen Mitgliedern Sofortmaßnahmen identifiziert, die spätestens die nächste Bundesregierung unmittelbar umsetzen muss.“