Menü
Dachverband der deutschen Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen
Startseite
Aktuelles & Termine
Aktuelles & EU-News
Trotz hoher Risiken: EFSA gibt grünes Licht für Glyphosat
EU-News | 11.07.2023
#Chemikalien #Landwirtschaft und Gentechnik

Trotz hoher Risiken: EFSA gibt grünes Licht für Glyphosat

Insektenvielfalt
© AdobeStock/abeadev
INsektenvielfalt

In einem lange erwarteten Gutachten hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit den Einsatz von Glyphosat als unbedenklich eingestuft. In der EU ist eine Wiederzulassung des umstrittenen Totalherbizids ab 2024 daher wahrscheinlich. Verbraucher- und Umweltorganisationen rufen zu Widerstand auf, die Deutsche Umwelthilfe will Klage einreichen.

Auf die Entscheidung dieses Bewertungsverfahrens hatten die EU-Mitgliedstaaten, Umweltorganisationen und auch die Zivilgesellschaft seit drei Jahren gewartet. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat am 6. Juli in einem an die Europäische Kommission und die Mitgliedstaaten gesandten Gutachten festgestellt, dass einer erneuten Zulassung des Herbizids Glyphosat nichts entgegensteht. Laut EFSA konnten keine „kritischen Problembereiche“ hinsichtlich des Einsatzes festgestellt werden. Als kritisch wird ein Problem dann definiert, wenn dies „alle vorgeschlagenen Verwendungen des zu bewertenden Wirkstoffs“ betrifft. (EFSA)

Mit dieser Neubewertung ebnet die Behörde den Weg für die umstrittene erneute Zulassung des Mittels. Diese war zuletzt Ende des Jahres 2022 aufgrund des fehlenden EFSA-Gutachtens von der EU-Kommission formal bis zum 15. Dezember 2023 verlängert worden.

Zwar sieht die EU-Behörde keine schwerwiegenden Probleme beim Einsatz von Glyphosat, weist aber auf einige Datenlücken und noch offene Fragen hin. Zu diesen gehören die „Bewertung der Verunreinigungen in Glyphosat, die Bewertung des ernährungsbedingten Risikos für Verbraucher und die Bewertung der Risiken für Wasserpflanzen“. Hinsichtlich der Ökotoxologie - also dem Effekt Glyphosats auf lebende Organismen und die Umwelt - gelangte die EFSA zur Feststellung, dass für 12 von 23 Verwendungszwecken von einem hohen Risiko für Säugetiere auszugehen sei. Bereits 2022 kam die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) in einer Gefahrenbewertung zu dem Schluss, Glyphosat sei auf Basis aktueller Wissenschaft nicht als „krebserregend, mutagen oder reproduktionstoxisch“ einzustufen.

Jahrelanger Kampf um Glyphosat-Verbot

Glyphosathaltige Produkte wie das von Bayer-Monsanto unter dem Namen „Roundup“ verkaufte Unkrautvernichtungsmittel sind sogenannte Totalherbizide, die durch Blockade eines bestimmten Enzyms alle grünen Pflanzen töten. Entgegen der bisherigen Annahme, Glyphosat hätte keine Auswirkungen auf andere Lebewesen, steht inzwischen die gegenteilige Erkenntnis aus zahlreichen unabhängigen Studien. Insbesondere auf die Biodiversität haben Glyphosat und andere Pestizide gravierende Auswirkungen. So weist eine Studie des Bundesamtes für Naturschutz darauf hin, dass der Insektenrückgang auf Pestizidverwendung zurückzuführen sei.

In die Kritik geraten war auch die Einstufung des Mittels als nicht krebserregend im Jahr 2015, obwohl die Weltgesundheitsorganisation vom Gegenteil ausging. Von zivilgesellschaftlicher Seite gibt es seit Jahren starken Gegenwind gegen Glyphosat. So konnte durch eine Europäische Bürgerinitiative (EBI) im Jahr 2017 eine Zulassungsverlängerung von nicht wie geplant 15, sondern nur von 5 Jahren bis 2022 erreicht werden. Eine weitere EBI mit dem Titel „Save Bees and Farmers“, welche sich gegen den Einsatz von Pestiziden richteet, wurde der EU-Kommission zudem im Jahr 2021 zur Prüfung vorgelegt.

Umwelt- und Verbraucherorganisationen kündigen Klage und Widerstand an

Der BUND bewertete die Einschätzung der EFSA als „fatal“. Mit ihrer Einschätzung negiere „die Behörde all die zahlreichen unabhängigen Studien, die zeigen, dass Glyphosat ein gravierendes Gesundheits- und Umweltproblem“ sei. Zudem werde deutlich, dass die europäische Pestizid-Zulassung Risiken für die menschliche Gesundheit, Tiere und das Ökosystem weitgehend ignoriere. Greenpeace EU rief die Europäische Kommission und nationale Regierungen zudem dazu auf, die Wiedergenehmigung auf dem Markt abzulehnen. Die Deutsche Umwelthilfe verurteilte die Einschätzung von Glyphosat als unkritisch scharf und kündigte an, noch im Juli Klage gegen das glyphosathaltige Produkt „Roundup“ einzureichen.

In einer gemeinsamen Pressemitteilung forderten das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft (BEL), Greenpeace, das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany), die Coordination gegen BAYER-Gefahren, Slow Food Deutschland und Ekō die deutsche Bundesregierung und alle EU-Mitgliedstaaten auf, einer Wiederzulassung nicht zuzustimmen. Peter Clausing, Toxikologe bei PAN Germany, sagte zur EFSA-Beurteilung: „Unabhängige Forschungsergebnisse (…) belegen, dass der Wirkstoff [Glyphosat] gentoxisch und neurotoxisch ist [und] schwerwiegende negative Auswirkungen auf das Bodenleben, Amphibien und die Artenvielfalt hat.“ Mit ihrer positiven Einschätzung verlasse die EFSA deswegen die „wissenschaftliche Ebene“. Eine neu eingerichtete Petition hat bereits mehr als 60.000 Unterstützer*innen.

Mit der Einschätzung der EFSA startet nun der Entscheidungsprozess der EU-Kommission, die einen Vorschlag zur konkreten Ausgestaltung einer weiteren Zulassung von Glyphosat erarbeitet. Zwar gilt die Risikobewertung der Behörde als Grundlage für die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten, ob die Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels verlängert wird. Eine Pflicht zur Beachtung des Gutachtens besteht jedoch nicht. Voraussichtlich im Oktober wird eine endgültige Entscheidung zu Glyphosat fallen. In Deutschland sieht das Landwirtschaftsministerium den Ausstieg aus der Glyphosatnutzung ab 2024 vor. [mi]

 

BR: Bleibt Glyphosat erlaubt?

ENDS Europe: EFSA paves way for EU to reapprove glyphosate

EuropeTable: EFSA gibt wohl grünes Licht

Top-Agrar: Zulassung nach 2023?

Das könnte Sie interessieren

Ein Feld, auf dem Getreide angebaut wird.
EU-News | 18.07.2024

#Landwirtschaft und Gentechnik #Wasser und Meere

Agrarrat: Ungarn übernimmt und will „landwirtfreundliche“ Agrarpolitik

Für die kommenden sechs Monate tagt der Agrarrat unter dem Vorsitz von Ungarn. Das Arbeitsprogramm rückt Wettbewerbsfähigkeit und die „Bedürfnisse der Landwirtschaft“ in den Fokus. Zentrale Gesetzgebungen sollen weiterverhandelt werden. Beim ersten Treffen des Rats für Landwirtschaft und Fischerei ...