Interview mit Christian Wolter und Sonja Jähnig

"Artenverlust in Süßgewässern ist noch nicht im politischen Diskurs"

Warum die europäische Wasserrahmenrichtlinie einen Paradigmenwechsel einleitete, was der Klimawandel und der Schwund der biologischen Vielfalt für Fließgewässer und Seen bedeutet und welche Schutzmaßnahmen gegen Umweltverschmutzung aus diffusen und Punktquellen helfen, erklären Sonja Jähnig und Christian Wolter vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB).

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit schreitet das Artensterben in Gewässern weiter voran. An Land haben die Insektenforschungen in Krefeld über die Verluste in den dortigen Naturschutzgebieten Aufmerksamkeit erzeugt. Gibt es ähnliche exemplarische Studien in der Gewässerökologie? Wie ist da der Status Quo?
Sonja Jähnig: Der dramatische Artenverlust in Süßgewässern ist in der Forschung ein wichtiges Thema – nicht aber im politischen Diskurs, da haben Sie vollkommen recht. Dabei ist ein Drittel der 28.000 Süßwasserarten auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) vom Aussterben bedroht. Der Living Planet Index des WWF und eigene Studien zeigen, dass vor allem die großen Tiere stark gefährdet sind – deren Bestände haben in den letzten 40 Jahren um fast 90 Prozent abgenommen. Der WWF-Bericht „The World's Forgotten Fishes“ zeigt, dass 80 Süßwasser-Fischarten bereits ausgestorben sind. Dieses Wissen führt aber bisher trotzdem nicht dazu, dass das Thema besondere Aufmerksamkeit bekommt.

Welche Unterschiede bestehen zwischen stehenden und fließenden Gewässern hinsichtlich Biodiversität und deren Verluste?
Sonja Jähnig: In Seen verschieben sich durch den Klimawandel zum Beispiel die Temperaturlebensräume. Viele Arten müssen also in andere Tiefen ausweichen oder ihr jahreszeitliches Auftreten umstellen. Nicht alle können diesen Wechsel vollziehen. In Flüssen führt vor allem der Ausbau von Wasserstraßen oder der Querverbau durch Wehre und Dämme zum Verlust an Lebensraum.

Wie erklären Sie einem Laien den Unterschied zwischen chemischer und ökologischer Gewässergüte?
Sonja Jähnig: Die ökologische Gewässergüte ermittelt man durch biologische, chemische, physikalisch-chemische Kenngrößen und Informationen zur Gewässerstruktur – ihr zugrunde liegt also eine komplexe Betrachtungsweise. Bei den biologischen Kriterien untersucht man beispielsweise, ob die Lebensgemeinschaften intakt sind. Die chemische Gewässergüte wird anhand von Schadstoffkonzentrationen, und physikalisch-chemischen Kenngrößen wie Sauerstoff- oder Nährstoffgehalt bestimmt. Dabei wird kontrolliert, ob alle Werte innerhalb der definierten Grenzen liegen.

Am Stechlinsee - c. Solvin Zankl

Einträge aus Landwirtschaft, Industrie, Verkehr und Haushalten machen den Gewässern das Leben schwer. Welche Schutzmaßnahmen bringen denn tatsächlich etwas?

Christian Wolter: Bei Einträgen aus Industrie und Haushalten handelt es sich um sogenannte Punktquellen, während Einträge von Straßen und aus der Landwirtschaft diffus in die Gewässer gelangen. Die Belastungen aus Punktquellen haben sich in den letzten Jahrzehnten durch mehr Anschlüsse an Kläranlagen und bessere Reinigungsleistungen erheblich verringert. Erste Kläranlagen werden nun mit einer vierten Reinigungsstufe ausgerüstet. Das zahlt sich aus: Bundesweit ist die Wasserqualität gestiegen. Anders ist das bei den diffusen Quellen. Hier sind 5 bis 10 Meter breite Uferrandstreifen die wirksamste Maßnahme, um Einträge zu reduzieren. Dies steht allerdings in direkter Flächenkonkurrenz zur landwirtschaftlichen Nutzung.

"Invasive Arten können das Nahrungsnetz, die Wasserqualität und die Artenzusammensetzung des besiedelten Ökosystems verändern, außerdem die Ausbreitung von Krankheiten fördern – invasive Krebse übertragen die Krebspest, ohne selbst zu erkranken."

Sonja Jähnig, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Wie schwer wiegt das Problem invasiver Arten im Süßwasser?
Sonja Jähnig: Invasive Arten können das Nahrungsnetz, die Wasserqualität und die Artenzusammensetzung des besiedelten Ökosystems verändern, außerdem die Ausbreitung von Krankheiten fördern – invasive Krebse übertragen die Krebspest, ohne selbst zu erkranken. Invasive Arten werden weiter zunehmen beziehungsweise sich verbreiten, auch weil der Klimawandel die Lebensbedingungen verändert.

Umweltverbände fordern den Rückbau von Bauwerken in Flüssen. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, bis 2030 rund 25.000 Flusskilometer zu renaturieren. Reicht das?
Christian Wolter: Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Allerdings werden rund 700.000 Flusskilometer die Umweltziele der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) nicht erreichen. Angesichts dieser Zahl scheinen 25.000 Kilometer wenig ambitioniert. Veränderungen der Gewässerstruktur und Barrieren sind hauptverantwortlich für den schlechten Zustand. In Deutschland fragmentieren rund 200.000 Barrieren die Fließgewässer, in Europa sind es insgesamt eine Million. Viele davon erfüllen ihre Funktion nicht mehr, richten aber ökologischen Schaden an. Es sollten Anreize geschaffen werden, obsolete Barrieren zurückzubauen.

c. pixabay - Hans Braxmeier

Was macht ein Wasserkraftwerk mit den Ökosystemen?
Christian Wolter: Das Wehr verhindert den Austausch von Lebewesen und Sedimenten. Im Rückstaubereich sind Fließgeschwindigkeit und Schleppkraft des Wassers verringert. Dies führt zu Temperaturerhöhungen und der Sedimentation feinerer Substrate und damit zum Zusetzen von Grobsubstraten. So gehen Lebensräume für fließgewässertypische Arten verloren. Zum Beispiel sterben Eier und Larven von im Kies laichenden Fischen im Lückensystem von Kiesbänken ab, wenn sie nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden, weil Feinsedimente die Lücken schließen. Diese Wirkungen treten an allen Querbauwerken auf. Wasserkraftspezifisch sind Fischverletzungen und -verluste, zum Beispiel bei der Turbinenpassage. Eine bestimmte Form der Wasserkraft, der Sunk-Schwallbetrieb, beeinträchtigt auch Flussabschnitte unterhalb der Anlage erheblich, weil dabei der Wasserspiegel temporär stark abgesenkt wird und Lebensräume trocken fallen.

Die EU will Wasserstraßen ausbauen, die Bundesregierung hat kürzlich beschlossen, derlei Bauvorhaben schneller durchzusetzen. Gleichzeitig lassen Klimawandel und Dürreperioden die Pegelstände regelmäßig sinken, sodass die sogenannten Wasserstraßen gar nicht schiffbar sind. Wie passt das zusammen?
Christian Wolter: Gar nicht! Das zeigt auch der aktuelle Fitness-Check der WRRL: Die Hauptursachen für die fehlende Zielerreichung der WRRL werden befördert – durch Anreize für den Ausbau der Wasserstraßen und der Wasserkraft oder beispielsweise eine fehlende Kostenumlage für Bewässerung in der Landwirtschaft. Die Umsetzung der WRRL und des Klimaschutzes muss zur verbindlichen, sektorenübergreifenden Aufgabe werden.

"Ökologisch funktionale Gewässer und Auen bieten Hochwasserschutz und Wasserrückhalt in der Landschaft und wirken den Folgen des Klimawandels entgegen. Es ist bedauerlich, dass die Umsetzung der WRRL so schleppend und wenig ambitioniert erfolgt."

Christian Wolter, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Die europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) sollte – ursprünglich bis 2015 – die Gewässer in einen „guten Zustand“ bringen. Dieses Ziel ist nun auf 2027 verschoben. Die Prüfung hat ergeben, dass die WRRL als Gesetz gut ist, aber deren Umsetzung bei den Mitgliedstaaten schlecht. Wie schätzen Sie die WRRL aus gewässerökologischer Sicht ein?
Christian Wolter: Die WRRL ist ein Meilenstein in der Gewässerbewirtschaftung und markiert einen Paradigmenwechsel: Erstmals sind ökologische Ziele und Wasserqualitätsziele gleichgestellt. Auch dank einer Verbesserung der Wasserqualität – nur deswegen kann man ernsthaft über ökologische Verbesserungen nachdenken; die übrigens auch unersetzlich für uns Menschen sind! Ökologisch funktionale Gewässer und Auen bieten Hochwasserschutz und Wasserrückhalt in der Landschaft und wirken den Folgen des Klimawandels entgegen. Es ist bedauerlich, dass die Umsetzung der WRRL so schleppend und wenig ambitioniert erfolgt.

In der Biologie und im Naturschutz wird oft mit sogenannten Indikatorarten gearbeitet, die symbolisch für einen bestimmten Lebensraum stehen und bestimmte Umwelteinflüsse gut anzeigen können. Haben Sie eine Lieblingsart oder einen Lieblingslebensraum und – wenn ja, warum genau diese?
Sonja Jähnig: Flüsse faszinieren mich sehr. Schon als Kind hat mich die Donau begeistert – ich bin an der Brigach aufgewachsen – und die Vorstellung, dass ein Wassertropfen so viele Länder durchquert, so viele Menschen „sieht“…
Christian Wolter: Mein Lieblingslebensraum sind ebenfalls Fließgewässer, weil sie aufgrund ihrer Dynamik von Wasserstand, Strömung, Form und Struktur einem steten Wandel unterliegen, der auch immer wieder Überraschungen der Tierwelt bereithält, die temporär ein- oder auswandern, als Lebensgemeinschaften also auch immer im Wandel sind und spannend bleiben.

[Interview: Juliane Grüning]