Artikel von Marion Hammerl, Bodensee-Stiftung

Schutz der Seen und Feuchtgebiete – eine Mammutaufgabe

c. pixabay_lars_nissen

Süßwasser- und Meeresarten sowie Feuchtgebiete haben sich in den vergangenen drei Jahrhunderten drastisch reduziert. Hauptursache sind Verschmutzungen aus Landwirtschaft und Industrie. Hinzu kommt der Klimawandel. In Deutschland erarbeitet die Bodensee Stiftung einen Handlungsleitfaden zur Bekämpfung des Mikroplastikproblems.

Der IPBES Report 2019 hat uns alle sprachlos gemacht. Die von Wissenschaftler*innen aus der ganzen Welt (UN-Organisation Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services/IPBES) zusammengetragenen Informationen und Daten übertrafen selbst die schlimmsten Befürchtungen der Umweltschutzorganisationen. Seen und Feuchtgebiete sind besonders stark vom Verlust der Artenvielfalt betroffen und weltweit sind 85 Prozent stark degradiert oder sogar zerstört.
„Binnengewässer und Süßwasserökosysteme weisen mit die höchsten Rückgangsraten auf. Im Jahr 2000 waren nur noch 13 Prozent der im Jahr 1700 vorhandenen Feuchtgebiete vorhanden. Von 1970 bis 2008 waren die Verluste 0,8 Prozent pro Jahr. Der Living Planet Index, der die Trends der Wirbeltierpopulationen zusammenfasst, ist seit 1970 rapide zurückgegangen, und zwar um 40 Prozent bei terrestrischen Arten, 84 Prozent bei Süßwasserarten und 35 Prozent bei Meeresarten.“

Die 135 Mitglieder des Internationalen Netzwerks Living Lakes bestätigen diese negative Entwicklung. Überall auf der Welt sind die Seen extrem belastet von der Verschmutzung durch ungeklärte Abwässer aus Haushalten, der Industrie und aus der Landwirtschaft, Eutrophierung durch Nährstoffeinträge, die Entnahme von Wasser vor allem für die Landwirtschaft oder die Einträge von Müll bis Medikamentenreststoffen. Ufer- und Flachwasserzonen werden irreversibel durch Siedlungen zerstört. Dazu kommt der Klimawandel, der den Druck auf die aquatischen Ökosysteme und die Süßwasserarten weiter erhöht.

Die Seenschützer*innen in Afrika, Asien oder Südamerika schauen oft hoffnungsvoll auf die Europäische Union. Schließlich haben wir die EU-Wasserrahmenrichtlinie und alle technischen Lösungen – und schließlich haben wir aus unseren Fehlern gelernt. Doch stimmt das wirklich?

 

„To save a lake is to save a whole world.“

Zulu, Südafrika

 

Herausforderungen für die europäischen Seen

Europa hat 144 „sehr große Seen“ mit einer Größe von mehr als 100 Quadratkilometern. Die meisten großen Seen befinden sich in Skandinavien, im Baltikum, im Alpenmassiv und in den Ebenen Mittel- und Osteuropas. Während die Verschmutzung durch ungeklärte Abwässer aus Kommunen weitestgehend gelöst ist, sind Probleme wie Nährstoffeinträge durch die Landwirtschaft und der enorme Druck durch Urbanisationen und Infrastrukturen sowie die touristische Nutzung weiterhin große Herausforderungen für die großen Seen und ihre Biodiversität. Einige Seen beziehungsweise deren Zuflüsse sind reguliert, was sich unter anderem auf Ufer- und Flachwasserzonen oder Fischspezies auswirkt.

Mikroplastik ist in nahezu allen Seen nachweisbar. Littering, also Vermüllung durch achtloses Wegwerfen oder Liegenlassen, ist die Hauptquelle von Mikroplastik. Eine liegengebliebene Plastikflasche, eine verwehte Plastiktüte oder unsäglich viele To-go-Verpackungen – alles landet im Wasser, bleibt in der ufernahen Vegetation hängen, wird von der Witterung spröde und zersetzt sich, bevor der Kunststoff irgendwann absinkt. Aber auch direkte Einträge von Mikroplastik belasten Seen. Zusätze in Kosmetika, Auswaschungen von synthetischen Stoffen oder von Sportstätten mit Kunststoffrasen landen im See. Längst nicht überall in Europa ist das Abwassermanagement auf diese neue Verschmutzung eingestellt und verfügt über die notwendigen Klärstufen, Regenrückhaltebecken oder Regenklärbecken.

Das EU-LIFE Projekt Blue Lakes widmet sich dem Mikroplastikproblem in Seen in Italien, am Chiemsee und am Bodensee. Gemeinsam mit Partnern erarbeitet die Bodensee-Stiftung derzeit ein Lake Paper mit Maßnahmen für Kommunen, Bürger*innen und Unternehmen. Anrainerkommunen können sich an diesem Handlungsleitfaden orientieren und sich verpflichten, Mikroplastik aktiv zu bekämpfen.

„Während die Verschmutzung durch ungeklärte Abwässer aus Kommunen weitestgehend gelöst ist, sind Probleme wie Nährstoffeinträge durch die Landwirtschaft und der enorme Druck durch Urbanisationen und Infrastrukturen sowie die touristische Nutzung weiterhin große Herausforderungen für die großen Seen und ihre Biodiversität.“

Marion Hammerl, Bodensee-Stiftung

c. Sven Schulz

Seenmanagement

Als Schnittstelle zwischen Wasser- und Landaktivitäten und zwischen verschiedenen sektoralen Interessen wurden an den meisten großen Seen institutionelle Arrangements oder Kooperationsinitiativen eingerichtet.

In der EU wird die Wasserqualität durch Bewirtschaftungspläne für Flusseinzugsgebiete überwacht. Für die Umsetzung sind in der Regel nationale und regionale Behörden zuständig. Bei grenzüberschreitenden Seen wie dem Fertö-Neusiedlersee, dem Genfer See, Lago Maggiore und dem Bodensee wurden zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren international verbindliche Rahmenregelungen geschaffen, um die Erhaltung der Wasserqualität zu unterstützen. Es gibt auch ein Kooperationsabkommen zwischen Estland und Russland für den Peipsi-See (1994), allerdings ohne ein integriertes Regelwerk für die Wasserqualität.

Der Bodensee – positives Beispiel mit Potenzial, noch besser zu werden

Der voralpine Bodensee grenzt an Österreich, Deutschland und die Schweiz. Die grenzüberschreitende Verwaltung hat eine lange Tradition: Das Management der Wasserqualität, die Fischerei und die Schifffahrt werden mit zwischenstaatlichen Vereinbarungen und Kooperationen geregelt – koordiniert von der Internationalen Bodensee Kommission (IBK). Aktuell arbeitet die Raumordnungskommission Bodensee an einem grenzüberschreitenden Raumordnungs- und Verkehrskonzept. Ihre Entwicklungsziele hat die IBK im „Leitbild der IBK für die Bodenseeregion 2018 - 2022“ festgelegt. Leider sind die NGOs und andere Interessengruppen nicht regelmäßig eingebunden, sondern werden nur punktuell konsultiert.

Die große Erfolgsgeschichte für den Bodensee startete in den 1970er-Jahren. Dank der grenzüberschreitenden Vereinbarungen und Investitionen in Höhe von vier Milliarden Euro für Kläranlagen im Wassereinzugsgebiet, wurde aus dem fast umgekippten See mit einem Phosphorgehalt von 84 Milligramm pro Kubikmeter (mg/m³) in zwei Jahrzehnten das größte Trinkwasserspeicher in Europa mit etwa sechs mg/m³ Phosphor. Der Bodensee versorgt circa fünf Millionen Menschen in Baden-Württemberg mit Trinkwasser. Jährlich werden etwa 130 Millionen Kubikmeter Wasser entnommen, was weniger als ein Prozent des Gesamtdurchflusses ausmacht.

Die Region ist wirtschaftlich vielseitig aufgestellt mit Industrie-Unternehmen, Landwirtschaft (Obst, Gemüse, Wein) und Tourismus mit 21,5 Millionen Übernachtungen 2019 und bis zu 32 Millionen Tagesausflüglern pro Jahr. Die Region ist attraktiv zum Leben und zum Arbeiten und mit etwa 312 Personen pro Quadratkilometer (2018) dicht besiedelt – Tendenz steigend.
Auch die Flächennachfrage steigt stetig, Konflikte zwischen Siedlung, Gewerbe, Naturschutz, Landwirtschaft und Tourismus werden stärker. Für die Natur ist wenig Platz: Die geschützten Gebiete sind relativ klein und ohne ausreichende Pufferzonen und Vernetzung. Dies ist eine der großen Herausforderungen für den Schutz des Bodensees. Flächen sind teuer und heiß begehrt. Davon ist auch das Programm zur Renaturierung der Uferzonen am Bodensee betroffen, das leider nicht so voranschreitet wie geplant.

Die Landwirtschaft hat eine besondere Verantwortung für den Bodensee. Umweltorganisationen fordern seit langem, dass sich die Region konsequent als eine Region für den Bio-Landbau entwickeln und profilieren sollte. Parallel laufen dazu zahlreiche Aktivitäten, um auch die konventionelle Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten, zum Beispiel das LIFE-Projekt Insektenfördernde Regionen. Hier wollen die Projektpartner mehr Insektenförderung mit hoher Flächenwirkung etablieren und dafür stabile regionale Allianzen mit zahlreichen Landnutzer*innen und mit der Lebensmittelbranche aufbauen. Neben der Schaffung von Habitaten und Nahrungsangeboten geht es auch darum, wie die Belastung von Böden und Gewässern mit Nährstoffen und Pflanzenschutzmitteln verringert werden kann.

Die Zulu in Südafrika sagen: "To save a lake is to save a whole world." Beim Bodensee wird es höchste Zeit.