Naturschutz & Biodiversität

Neonikotinoide: Verbot in Großbritannien?

14.11.2017

Großbritannien ist für ein europaweites Verbot von insektenschädigenden Pestiziden, das hat der Umweltminister Michael Gove gegenüber der Zeitung Guardian gesagt. Damit leitet Gove eine Kehrtwendung ein, denn bisher wollte das Vereinigte Königreich kein Verbot und hat auf EU-Ebene entsprechend agiert.

Seit 2013 dürfen Neonikotinoide nicht mehr auf blühenden Pflanzen verwendet werden. Die EU-Kommission hat kürzlich außerdem vorgeschlagen, die neonikotinoiden Wirkstoffe Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam im Freiland, außerhalb von Gewächshäusern, zu verbieten. Darüber soll die EU eigentlich im Dezember entscheiden. Ursprünglich war vorher eine Veröffentlichung der Neubewertung der drei Substanzen durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) erwartet worden. Allerdings wird diese nun erst im Februar 2018 veröffentlicht (EFSA-News), insofern ist es eher unwahrscheinlich, dass der Rat bereits in diesem Jahr seine Position dazu findet.

Die britische Entscheidung für ein Verbot würde die bisherige Position der Regierung aufheben. Motiviert sei die neue Position durch Studien, die zeigen, dass Neonikotinoide die gesamte Landschaft kontaminiert haben und Bienenvölker schädigen. Andere Erkenntnisse belegten, dass 75 Prozent aller fliegenden Insekten in Deutschland und wahrscheinlich weit darüber hinaus verschwunden sind. Eine Entdeckung, die Gove "geschockt" habe. "Wir können es uns nicht leisten, unsere Bestäuberpopulationen zu gefährden", warnte Gove. Die Erkenntnisse rechtfertigten weiter gehende Einschränkungen. In Frankreich gilt seit Januar ein - mit Ausnahmen versehenes - Pestizidverbot auf kommunalen Grünflächen (EU-News 08.06.2017). Der Umweltausschuss des Europaparlaments stimmte im Juni gegen eine Resolution, die das Teilverbot der drei neonikotinoiden Wirkstoffe Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam ablehnte (EU-News 22.06.2017).

Neonikotinoide stören die Weiterleitung von Nervenreizen bei Insekten - sie sind hochwirksam und gefährden Bienen sowie andere Bestäuber. Umweltverbände wie Mellifera, die Aurelia-Stiftung, der NABU und das Pestizid-Aktionsnetzwerk PAN setzen sich für ein Verbot ein. Es müsste aber ein Totalverbot sein, damit systemische Nervengifte, die für den massiven Verlust von Bienen und Biodiversität verantwortlich sind, gar nicht mehr angewendet werden. Zudem müsse es eine radikale Wende in der Landwirtschaft geben. Auf Brüsseler Ebene wird zurzeit die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik diskutiert.

Der britische Umweltminister Michael Gove stellte gegenüber Guardian für die Zeit nach dem Brexit ein Subventionssystem in Aussicht, das mehr Geld in ökologisch nachhaltige Formen der Landwirtschaft fließen lassen würde. [jg]

Artikel im Guardian

Artikel in Nature

Studie in PLOS ONE ("More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas")

Tagesschau-Beitrag zu Studien über Insekten- und Brutvogelsterben