Chemie & Nanotechnologie

Selig sind die Unwissenden?

21.11.2019

Einer neuen Untersuchung der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) zufolge informieren erschreckend wenige Unternehmen über schädliche Substanzen in ihren Produkten. Die EU-Strategie für eine nicht-giftige Umwelt ist derweil vom Tisch.

89 Prozent der untersuchten Produkte mit besonders besorgniserregenden Inhaltsstoffen (substances of very high concern, SVHC) enthielten keine Informationen über eine sichere Verwendung dieser Produkte. Damit verstießen sie gegen Artikel 33 der REACH-Verordnung. Die Verordnung sieht auch vor, dass Verbraucher*innen auf Anfrage innerhalb von 45 Tagen über das Vorkommen von SVHC in einem Produkt informiert werden müssen. Diese Bedingung wurde im Rahmen der Untersuchung nur von 17 Prozent der Unternehmen erfüllt.

Insgesamt untersuchte die ECHA 682 Artikel von 405 Unternehmen. Besonders besorgniserregende Stoffe waren in 84, größtenteils importierten Produkten enthalten. Im Fokus der Untersuchung standen insbesondere Konsumartikel wie Kleidung und Schuhe, elektronische Produkte und Baumaterialien wie Tapeten oder Bodenelemente.

Die Ergebnisse zeigten deutlich, dass die Kommunikation entlang der Lieferkette nicht funktioniere, stellte die ECHA fest. Entsprechend sollen nun „weitere Maßnahmen“ geprüft werden, die „die Situation verbessern könnten“.

Informationen über die Inhaltsstoffe von Produkten sind von grundlegender Bedeutung, wenn es darum geht, eine Kreislaufwirtschaft ohne giftige Stoffe im Materialkreislauf zu etablieren. Um sicherzustellen, dass schadstoffhaltiges Material nicht recycelt, sondern aus dem Stoffkreislauf entfernt wird, müssen entsprechende Informationen über die Inhaltsstoffe verfügbar sein und an alle Teilnehmer der Lieferkette weitergegeben werden.

Dieses Problem der inkonsequenten Umsetzung der REACH-Verordnung und fehlender Informationen in der Lieferkette hätte die EU-Kommission neben anderen Themen bis Ende 2018 in einer Strategie für eine nicht-giftige Umwelt adressieren müssen. Inzwischen scheint festzustehen, dass die Strategie das Licht der Welt nicht mehr erblicken wird. Stattdessen soll ein „strategischerer“ Ansatz zum Umgang mit Chemikalien in der EU entwickelt werden, hieß es vergangene Woche aus der EU-Kommission. Wie eine solche Chemikalienstrategie aussehen sollte, erklärten 24 Verbände vergangene Woche in einem offenen Brief an die neue EU-Kommission (siehe EU-Umweltnews vom 14.11.). [km]

Pressemitteilung der ECHA
Nachricht bei ChemicalWatch (kostenpflichtig)
Nachricht zur Strategie für eine nicht-giftige Umwelt bei EndsEurope (kostenpflichtig)