Wasser & Meere

Papiertigerpolitik: Kaum Schutz für Meeresschutzgebiete

12.09.2019

Hält man sich das internationale Ziel von 10 Prozent zu schützender Meeresfläche bis 2020 vor Augen, steht die EU im Prinzip gut da: 12,4 Prozent der europäischen Meeresfläche sind als Schutzgebiet ausgewiesen. Doch ein tatsächlicher Schutz - so kritisieren der WWF und Sky Ocean Rescue in einer neuen Studie - findet faktisch gar nicht statt. Denn entsprechende konkrete Schutzmaßnahmen wie Managementpläne mit Ver- und Geboten für besonders schützenswerte Arten oder Lebensräume gibt es nur auf 1,8 Prozent dieser Gebiete (Marine Protected Areas - MPA).

„Der Großteil der europäischen marinen Schutzgebiete sind sogenannte 'Paper Parks', deren Schutzwirkung nur auf dem Papier existiert“, warnt WWF-Expertin Carla Kuhmann. „Ohne sofortige Implementierung und Einhaltung von Managementplänen mit wirksamen Maßnahmen wird die EU ihre Ziele zum Schutz der Ozeane verfehlen.“ Darüber hinaus zeigt die Studie, dass die Gesamtkonzeption des Meeresschutzes in den regionalen Meeren Europas kein Netzwerk von MPAs liefert, die zusammen einen besseren Schutz gewährleisten. Die MPA-Netze der Ostsee, des Nordostatlantiks und des Mittelmeers repräsentierten weder die lokalen Lebensräume ausreichend noch seien die MPAs so nah beieinander, dass sich Arten erfolgreich zwischen ihnen bewegen können. Und als längerfristiges Ziel sollten bis 2030 mindestens 30 Prozent der Meeresfläche effektiv geschützt werden, empfehle die Weltnaturschutzunion IUCN. Elf EU-Mitgliedstaaten haben aber bis dato überhaupt noch keine Managementpläne für ihre marinen Schutzgebiete geliefert.

Auch im deutschen Meeresschutz klafften Anspruch und Wirklichkeit auseinander, analysiert der WWF Deutschland. Etwa 45 Prozent der deutschen Meeresgewässer seien formal als Schutzgebiete ausgewiesen, dennoch habe gerade einmal die Hälfte davon Managementpläne. Und selbst, wenn Pläne vorlägen, könne nicht automatisch von wirkungsvollem Management gesprochen werden. Über die tatsächliche Qualität der Pläne seien kaum Aussagen möglich, außerdem würden hauptsächlich küstennahe Bereiche geschützt. "Wirtschaftliche Nutzung, insbesondere Fischerei, findet weiterhin großflächig in den Gebieten statt und richtet dort enorme Schäden an“, so Kuhmann. Der Nationalpark Wattenmeer stelle beispielsweise eine große Meeresfläche unter Schutz, die allerdings von Krabbenfischern derzeit fast uneingeschränkt befischt werden darf. Der WWF fordert, dass im Durchschnitt 50 Prozent der Fläche der Schutzgebiete frei von jeglicher Nutzung sind, dort also auch nicht gefischt werden darf. [jg]

Pressemitteilung WWF/EU-Büro

Pressemitteilung WWF Deutschland

WWF-Report Protecting Our Ocean

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Hintergrund: Bis 2020 sollten zehn Prozent der Ozeane und Meere weltweit effektiv geschützt werden, dies ist sowohl im UN-Nachhaltigkeitsziel 14 (Bewahrung und nachhaltige Nutzung der Ozeane, Meere und maritimen Ressourcen zur nachhaltigen Entwicklung) als auch in der Biodiversitätskonvention (Aichi-Ziel 11) festgeschrieben.