Wasser & Meere

Sisyphosaufgabe Gewässerschutz von der Quelle bis zum Meer

04.08.2020

c. Florian Schöne

Schier unendliche Aufgaben liegen vor allen Akteuren, die sich um den Gewässerschutz bemühen. 200 Dämme sind allein in Europas Schutzgebieten geplant, kritisiert der WWF. Das größte europäische Renaturierungsprojekt an der Unteren Havel ist einen Schritt weiter, freut sich der NABU. Die Bekämpfung von Ratten gefährdet Fische, warnt das Umweltbundesamt (UBA). Und wie die EU in fremden Gewässern fischt und auch anderswo die Fischbestände dezimiert, analysiert BirdLife.

Das anhaltende Arten- und Lebensraumsterben macht auch vor Fließgewässern nicht halt. Selbst Schutzgebiete bieten laut einer neuen Studie keine sichere Heimstatt. Denn zu den ohnehin existierenden 1.249 Staudämmen sind weltweit ausgerechnet dort 509 Dämme geplant oder im Bau, davon allein 196 in Europa. Die in den Conservation Letters veröffentlichten Ergebnisse gehören zur ersten globalen Bewertung der Anzahl der geplanten und bestehenden Staudämme in Schutzgebieten. "Staudämme in Schutzgebieten sind inakzeptabel", kritisierte Wasserpolitikexpertin Claire Baffert vom WWF-Europabüro. Der Druck, den Staudämme auf die biologische Vielfalt und die Wasserressourcen ausüben, sei absolut unvereinbar mit dem Süßwasser- und Naturschutz. Die kürzlich vorgeschlagene EU-Biodiversitätsstrategie 2030 müsse dieser Bedrohung durch einen besseren Schutz und die Renaturierung der Flüsse und Seen Europas direkt begegnen. International sei der Einsatz für freie Flüsse ebenfalls zu verstärken. Erst kürzlich hatte es alarmierende Erkenntnisse über wandernde Fischarten gegeben (EU-News 30.07.2020).

Anfang August fiel der Startschuss für ein neues Teilprojekt im größten Flussnaturierungsprojekt Europas „Untere Havelniederung“. Im 87 Hektar großen Projektgebiet soll die überflutbare Aue wesentlich vergrößert werden, um Naturparadiese für seltene Tier- und Pflanzenarten zu schaffen. Bei Bölkersdorf in Brandenburg sollen abgetrennte Flutrinnen und Auengewässer wieder an die Havel angeschlossen werden. Laut Rocco Buchta, Leiter des Havel-Projekts und Flussexperte, soll der bestehende Deich an mehreren Stellen auf insgesamt rund 580 Meter Länge zurückgebaut und auf das umliegende Geländeniveau abgesenkt werden. Das Bundesamt für Naturschutz fördert das Projekt bis März 2025 im Rahmen des Bundesprogramms „Blaues Band Deutschland“ mit rund 1,8 Millionen Euro. Laut der im Mai von der EU-Kommission vorgeschlagenen EU-Biodiversitätsstrategie 2030 sollen in den kommenden Jahren 25.000 Flusskilometer renaturiert werden (EU-News 20.05.2020).

"Die Bekämpfung von Ratten verursacht weiträumige Gewässerbelastungen", warnte das Umweltbundesamt (UBA) Ende Juli. Das ist das Ergebnis eines aktuellen UBA-Forschungsprojektes, das in Rattenködern enthaltene Wirkstoffe in Leberproben von Fischen wie Flussbarsch, Zander, Bachforelle, Döbel und Gründling wiederfanden. Es handele sich hauptsächlich um Brodifacoum, Difenacoum und Bromadiolon, die als persistent, bioakkumulierend und toxisch gelten. Diese Wirkstoffe - sogenannte Antikoagulanzien der zweiten Generation - werden augenscheinlich in Kläranlagen nicht abgebaut und gelangten dann in Flüsse, wo sie sich wiederum schlecht abbauen, sich in Lebewesen anreichern und giftige Wirkung haben. Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamts, sagte: "Städte und Kommunen müssen bei der chemischen Rattenbekämpfung die Vorgaben zum Gewässerschutz einhalten. Es gibt bereits zahlreiche innovative Lösungen, wie dies umgesetzt werden kann, beispielsweise durch spezielle Köderschutzstationen. Die Fische in unseren Flüssen dürfen nicht weiterhin zum ungewollten Ziel von Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen werden".

Nicht nur Fischarten im Süßwasser sind gefährdet, auch Meeresfischbestände stehen unter großem Nutzungsdruck. Und das nicht nur in Europa. BirdLife hat analysiert, welche Auswirkungen die meist durch partnerschaftliche Abkommen über nachhaltige Fischerei (SFPA) geregelten externen Dimensionen der europäischen Fischereipolitik haben. Die Fischbestände in der EU sind stark überfischt. Durch die SFPA dürfen aber jährlich rund 1.000 europäische Schiffe in den fischreichen Gewässern des Indischen Ozeans, des Atlantischen Ozeans und des Pazifischen Ozeans fischen. Damit treten sie nicht nur in Konkurrenz zur örtlichen Fischereiwirtschaft, sondern gefährden auch die Nahrungsgrundlagen hunderttausender Seevögel. Wären die SFPA fair und nachhaltig ausgerichtet, könnten sie eine Grundlage zum Schutz und zur langfristigen Nutzung der Ökosysteme darstellen, doch die Analysen durch BirdLife zeigen erhebliche Mängel. Die EU müsse sicherstellen, dass Schiffe unter EU-Flagge konkrete Maßnahmen zur Verringerung ihrer Auswirkungen auf Meeresökosysteme und Seevögel verwirklichen. BirdLife fordert deshalb unter anderem ein gutes Management der EU-Fischereitätigkeiten außerhalb der Gewässer der Union, die Einhaltung von regionalen Vorschriften, eine sozial-ökologisch verantwortliche Finanzierung der EU-Fernwasserflotte, eine bessere wissenschaftliche Datenerfassung sowie eine stärkere Überwachung und Kontrolle einschließlich Gegenmaßnahmen von Beifängen. [jg]

WWF/Staudämme

NABU/Untere Havel 

UBA/Rattenbekämpfung - Gewässerbelastung 

BirdLife/External Dimension of the European Common Fisheries Policy