Wasser & Meere

Sterben Europas wandernde Süßwasserfischarten aus?

30.07.2020

c. pixabay

Lachs, Forelle, Amazonaswels und andere wandernde Süßwasserfischarten sind massiv unter Druck. Zwischen 1970 und 2016 seien die Populationen weltweit durchschnittlich um 76 Prozent zurückgegangen, in Europa sogar um 93 Prozent.

Das ergab ein weltweiter Vergleichsbericht von World Fish Migration Foundation (WFMF), der Zoologischen Gesellschaft London (ZSL), der Weltnaturschutzunion (IUCN), WWF und Nature Conservancy (TNC). Ursächlich seien die Zunahme der Wasserkraft, Überfischung, Umweltverschmutzung und der Klimawandel.

Wandernde Fischarten spielten neben der Ernährungssicherung für die Gesellschaft auch eine entscheidende Rolle bei der Erhaltung unserer Flüsse, Seen und Feuchtgebiete, weil sie Teil eines komplexen Nahrungsnetzes sind. Der Zusammenbruch der wandernden Süßwasserfischpopulationen in Europa sei schlimmer als auf allen anderen Kontinenten und "Teil eines alarmierenden regionalen Trends", so der WWF. In der EU seien derzeit 60 Prozent der Flüsse, Seen, Feuchtgebiete und Bäche in einem schlechten ökologischen Zustand, was sich auf die Qualität und Verfügbarkeit des Wassers und der davon abhängigen Arten auswirke. Neben den wandernden und nicht wandernden Süßwasserfischarten betreffe dies auch Vögel, Säugetiere und Amphibien.

Die große Zahl von Dämmen, Wehren und Barrieren in Europa - viele für die Zwecke der Wasserkraft, aber auch für Hochwasserschutz, Bewässerung und Schifffahrt - sei einer der Hauptgründe für den schrecklichen Zustand der Flüsse und den Rückgang der wandernden Süßwasserfischarten. Erst kürzlich hatte eine Studie gezeigt, dass die größte Gefahr für Fischarten im Mittelmeerraum von Kleinwasserkraftwerken ausgeht, die weniger als 10 Megawatt Leistung bringen. Allein dadurch seien 163 Süßwasserfischarten vom Aussterben bedroht (EU-News 10.07.2020). Eine weitere Studie zeigte, dass es über eine Million Barrieren in Europas Fließgewässern gibt, die die Ökosysteme erheblich stören (EU-News 30.06.2020).

Angesichts der gewaltigen Zahl von Wasserkraftwerken in Europa, die wenig effizient für die Energiegewinnung seien, aber zerstörerisch auf die Ökosysteme wirkten, müsse die EU ihre Einstellung zu dieser Form der Energiegewinnung radikal verändern und der EU-Biodiversitätsstrategie sowie der Wasserpolitik die nötige Schlagkraft geben, forderte der WWF. Statt neuer Wasserkraftanlagen müssten Solar- und Windenergie gefördert werden.

Wegweisendes Urteil des Obersten Gerichtshofs der Slowakischen Republik: "Umweltschutz vor Privatinteresse"

Einen kleinen Anlass zur Hoffnung gibt es jedoch auch. Der WWF Slowakei begrüßte am heutigen Donnerstag ein "wegweisendes Urteil" des Obersten Gerichtshofs der Slowakischen Republik, mit dem die Genehmigung eines kleinen Wasserkraftswerks in Žiar nad Hronom an der Gran (Hron) gestoppt wurde. In der Begründung heißt es: "Das öffentliche Interesse, nämlich der Schutz der Umwelt, hat Vorrang vor privaten Geschäftsinteressen." Der Gerichtshof bestätigte damit ein Urteil des Landgerichts Banska Bystrica, das die Entscheidung der örtlichen Behörden annulliert hatte. Am Hron sind 20 Wasserkraftwerke bereits in Betrieb, zusätzliche 22 in Planung. [jg]

Pressemitteilung WWF EU: "93% collapse in migratory freshwater fish populations in Europe - new report"

WWF Deutschland: WWF fordert mehr Freiheit für die Flüsse

Studie: Living Planet Index

WWF CEE: Supreme Court of the Slovak Republic Sets a Landmark Decision on Small Hydropower Plant Siting