Emissionen

Luftverschmutzung: Neue WHO-Grenzwerte setzen EU unter Druck

23.09.2021

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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat strengere Leitlinien für saubere Luft herausgegeben. Die EU müsse nachziehen und dürfe dem Lobbydruck nicht nachgeben, forderten Aktivist*innen. Dass die Luft immer noch stark belastet ist, zeigen neuste Daten der EU-Umweltagentur.

WHO: Luftverschmutzung ist größte Bedrohung – neben dem Klimawandel

Am Mittwoch veröffentlichte die WHO neue Leitlinien, die strengere Grenzwerte für Feinstaub (PM10 und PM2,5), Ozon (O₃), Stickstoffdioxid (NO₂), Schwefeldioxid (SO₂) und Kohlenmonoxid (CO) vorsehen. Für diese Schadstoffe lägen die meisten Erkenntnisse über gesundheitliche Auswirkungen vor.

Die WHO begründete die Verschärfung mit den Gesundheitsrisiken. Die Belastung durch Luftverschmutzung verursache jedes Jahr schätzungsweise sieben Millionen vorzeitige Todesfälle weltweit. Bei Erwachsenen seien Herzkrankheiten und Schlaganfälle die häufigsten Ursachen für vorzeitige Todesfälle, die auf die Luftverschmutzung zurückzuführen sind. Es gebe auch Hinweise auf andere Krankheiten wie Diabetes und neurodegenerative Erkrankungen. Bei Kindern seien ein vermindertes Wachstum und eine verminderte Funktion der Lunge, Atemwegsinfektionen und eine Verschlimmerung von Asthma zu beobachten.

Zum ersten Mal seit 2005 passte die WHO damit die Regeln an, die allerdings für Staaten nicht verbindlich sind. Dennoch orientierten sich zahlreiche Regierungen an den WHO-Werten, so auch die EU.

Druck auf Kommission und Mitgliedstaaten

Der Europaabgeordnete Sven Giegold (Grüne/EFA, Deutschland) forderte die EU-Kommission auf, die neuen WHO-Vorgaben nicht als Orientierung zu nehmen, sondern sie vollständig umzusetzen. Denn auch in der EU seien die gesundheitlichen Risiken durch Luftschadstoffe enorm.

Sowohl die Umweltrechtsorganisation Client Earth als auch das Europäische Umweltbüro (EEB) begrüßten die Entscheidung der WHO und drängten darauf, die anstehende Neufassung der EU-Luftqualitätsrichtlinie zu nutzen, um sie mit den neuen WHO-Regeln in Einklang zu bringen. Dies sei ein Weckruf für die EU-Mitgliedstaaten. „Sie müssen auf die Wissenschaft hören und Maßnahmen ergreifen, um diese neuen Standards in die Gesetzgebung aufzunehmen“, sagte Ugo Taddei von Client Earth.

Seit Donnerstag läuft eine öffentliche Konsultation der EU-Kommission zur Überarbeitung der Luftqualitätsvorschriften

Dass dringender Handlungsbedarf besteht, bestätigen aktuelle Daten zur Luftqualität der Europäischen Umweltagentur (EEA). Laut ihrem „Air Quality Status 2021“ überschritten die meisten EU-Mitgliedstaaten im Jahr 2019 die Grenzwerte für Luftschadstoffe wie Feinstaub, Stickstoffdioxid und Ozon. Luftverschmutzung stelle in der EU nach wie vor ein großes Gesundheitsrisiko für Menschen dar.

In Mittel- und Osteuropa führe die Verbrennung fossiler Brennstoffe zum Heizen und in der Industrie zu den höchsten Konzentrationen von Feinstaub. Die Menschen in Südeuropa seien dagegen den höchsten Konzentrationen von Ozon ausgesetzt, dessen Bildung durch Sonneneinstrahlung gefördert wird. In großen Städten seien Menschen vor allem aufgrund der verkehrsbedingten Emissionen tendenziell höheren Stickstoffdioxid-Konzentrationen ausgesetzt.

Gegendruck von der Autolobby

Jedoch versuche die europäische Automobilindustrie anscheinend, strengere Abgasnormen zu torpedieren. Dies geht aus einer Analyse der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) hervor, die am Donnerstag erschienen ist. Mit „aggressiver Lobbyarbeit“ und „unbelegten Behauptungen“ würden die Autokonzerne gegen die geplante Euro-7-Abgasnorm vorgehen. Diese soll neue Grenzwerte für fast 100 Millionen Benzin- und Dieselfahrzeuge festlegen, die nach 2025 in der EU verkauft werden.

New WHO Global Air Quality Guidelines aim to save millions of lives from air pollution 

Client Earth: “Wake-up call” for EU governments as WHO drastically tightens its pollution guidelines 

EEB: Long-awaited update to World Health Organisation Global Air Quality Guidelines published 

T&E: Car industry “dirty tricks” seek to derail tough EU emissions standards 

EEA: Air Quality Status 2021

Redakteurin: Ann Wehmeyer