Landwirtschaft und Gentechnik

Überdüngung bleibt großes Problem in der EU, Streit um Farm-to-Fork-Strategie

14.10.2021

In ihrem am Montag veröffentlichten Bericht über die Umsetzung der Nitrat-Richtlinie stellt die EU-Kommission Deutschland und elf weiteren Mitgliedstaaten ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Die Farm-to-Fork-Strategie steht kurz vor dem Parlamentsvotum stark unter Beschuss.

Kritik an Umsetzung der Nitrat-Richtlinie

Die Nitratbelastung in Gewässern habe sich in den vergangenen zehn Jahren in Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Lettland, Luxemburg, Malta, den Niederlanden, Polen, Spanien, der Tschechischen Republik und Ungarn kaum verbessert, bilanziert die Kommission. Von 2016 bis 2019 sei bei 14 Prozent des Grundwassers der für Trinkwasser festgelegte Nitrat-Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter überschritten worden.

EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius fand bezüglich der Umsetzung der Richtlinie klare Worte: Das derzeitige Tempo der Veränderung reiche nicht aus, „um Schädigungen der menschlichen Gesundheit zu verhindern und empfindliche Ökosysteme zu bewahren.“ Es seien nun „dringend weitere Maßnahmen erforderlich, damit wir zu einer nachhaltigen Landwirtschaft gelangen und unsere Versorgung mit wertvollem Trinkwasser schützen können.“

Nitrat gelangt hauptsächlich aus Düngemitteln in Gewässer. Die Verschmutzung führt zu einer Eutrophierung, von der laut dem Bericht der EU-Kommission 81 Prozent der Meeresgewässer, 31 Prozent der Küstengewässer, 36 Prozent der Flüsse und 32 Prozent der Seen in Europa betroffen sind.

In ihrer Farm-to-Fork-Strategie schlug die EU-Kommission im vergangenen Jahr vor, den Einsatz chemischer Düngemittel bis 2030 halbieren zu wollen.

Farm-to-Fork-Strategie unter Beschuss

Voraussichtlich in der kommenden Woche wird das EU-Parlament über seine Position zur Farm-to-Fork-Strategie abstimmen. Wie das Europäische Umweltbüro (EEB) und Corporate Europe Observatory (CEO) am Dienstag berichteten, laufen im Vorhinein die Lobby-Aktivitäten der Agrarindustrie auf Hochtouren. Öffentlich gewordene Strategiepapiere ließen demnach darauf schließen, dass verschiedene, von der Industrie in Auftrag gegebene Studien zu den Auswirkungen der Strategie die EU-Parlamentarier*innen davon überzeugen sollen, sich gegen konkrete Ziele für eine nachhaltige Landwirtschaft auszusprechen.

Diese Studien, die vor Nahrungsmittelengpässen warnen, sollten die Ziele der Farm-to-Fork-Strategie umgesetzt werden, ließen jedoch wichtige Parameter außer Acht, so das EEB und CEO. So müssten auch die Verringerung von Lebensmittelabfällen, Ernährungsumstellungen oder positive ökologische Entwicklungen wie eine bessere natürliche Schädlingsbekämpfung durch die Wiederherstellung von Agrarökosystemen als grundlegende Annahmen berücksichtigt werden. „In einer Zeit, in der der Klimawandel und der Rückgang der biologischen Vielfalt die größte globale und existenzielle Bedrohung für uns darstellen und der Agrarsektor eine wichtige Rolle bei diesen Krisen spielt, erweist diese absichtliche Falschdarstellung der Auswirkungen der Farm to Fork-Strategie der Gesellschaft insgesamt einen großen Bärendienst“, schlossen EEB und CEO.

Potenzial von Carbon Farming

Am 15. Dezember wird die EU-Kommission voraussichtlich ihre Mitteilung zu Carbon Farming veröffentlichen. Dabei geht es um landwirtschaftliche Praktiken, bei denen CO2 in den Boden zurückgeführt wird. Nach Ansicht der EU-Kommission soll Carbon Farming eine wichtige Rolle spielen, um die europäische Landwirtschaft klimaverträglicher zu gestalten. Das Europäische Umweltbüro formuliert in einem neuen Bericht Empfehlungen dazu, wie das Potenzial von Carbon Farming am besten genutzt werden sollte. [km]

EU-Kommission: Bericht: Mitgliedstaaten müssen mehr gegen Nitratbelastung in Gewässern tun

EU-Kommission: Fragen und Antworten zum Bericht über die Umsetzung der Nitratrichtlinie

Corporate Europe Observatory: Leak: industrial farm lobbies’ coordinated attack on Farm to Fork targets

EEB: Carbon Farming for Climate, Nature, and Farmers

Wege zu einer zukunftsgerechten Gewässerbewirtschaftung

 

Am 28. Oktober findet das nächste Gewässerschutzforum der Umweltverbände statt. In diesem Jahr soll es um Wege für eine zukunftsgerechte Gewässerbewirtschaftung gehen. Welche Ansprüche lassen sich vom Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichtes ableiten? Welche Chancen ergeben sich mit der EU-Biodiversitätsstrategie 2030 und dem in Vorbereitung befindlichen “Restoration Law”? Welche Hebel existieren, um die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie voranzubringen?